Pandemie-Bekämpfung Diskussion über Schulschließungen gewinnt an Fahrt

Mögliche striktere Corona-Maßnahmen an Schulen sind vorerst vertagt - eine verpasste Chance, kritisiert etwa die Bildungsgewerkschaft GEW. Kinderärzte warnen dagegen vor den Folgen erneuter Schulschließungen.

Schüler während einer Unterrichtsstunde
Die Gewerkschaft GEW setzt auf Wechselunterricht. Bildrechte: imago images / photothek

Die Vertagung einer Entscheidung zu möglichen weiteren Maßnahmen an Schulen ist teils auf heftige Kritik gestoßen. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, warf Bund und Ländern "politisches Abenteurertum" vor. Sie habe kein Verständnis dafür, dass sich Bundesländer gegen Wechselunterricht wehrten, sagte sie dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Dieser sei ab der Sekundarstufe I gut umzusetzen.

Zudem müsse für die Grundschulen schnellstmöglich nach zusätzlichen Räumen gesucht werden, damit die Abstände in den Klassen gehalten werden könnten. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Es müssten klare Werte benannt werden, bei denen bestimmte Maßnahmen fällig seien, forderte er. Auch müsse die Kommunikation zwischen Ministerien und Schulen verbessert werden.

Es geht einfach nicht an, dass Schulleitungen und Lehrkräfte aus der Zeitung oder Montagfrüh um sieben Uhr erfahren, wie sie in dieser Woche zu unterrichten haben.

Udo Beckmann VBE-Vorsitzender im RND

Lauterbach kritisiert verspielte Zeit

Eine ursprüngliche Beschlussvorlage des Bundes hatte unter anderem Wechselunterricht vorgesehen. Kurz vor den Bund-Länder-Beratungen am Montag wurden entsprechende Stellen aber gestrichen. Kommenden Montag soll erneut über mögliche weitere Maßnahmen an Schulen beraten werden.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte, das Problem in den Schulen sei bislang unterschätzt worden. Die Infiziertenzahl bei den 10- bis 19-Jährigen sei derzeit etwa zehnmal so hoch wie während der ersten Infektionswelle im Frühjahr, sagte Lauterbach der "Süddeutschen Zeitung". Es sei zwar denkbar, dass sich die Kinder bei ihren Eltern ansteckten. Studien zeigten aber, dass sich Kinder untereinander in der Schule infizierten und dann ihre Eltern mit dem Virus ansteckten.

Er plädierte dafür, Schulklassen zu halbieren. Man habe acht Monate Zeit gehabt, das Lernen von zu Hause aus vorzubereiten. Viele Länder in Skandinavien oder auch in Asien hätten das geschafft.

Kinderärzte warnen vor Zunahme von Gewalt und Adipositas

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnte dagegen vor negativen Folgen für den Nachwuchs, sollten die Schulen erneut geschlossen werden. Vizepräsidentin Sigrid Peter kritisierte im ZDF, dass es keine einheitliche Maßgabe zum Tragen von Masken gebe. Ihr Verband empfehle dies für Kinder ab sechs Jahren mit Ausnahmen für chronisch kranke und behinderte Kinder.

Kitas und Schulen seien Orte von Kompetenzerwerb, auch von sozio-emotionaler Kompetenz, sagte Peter. Wenn das nicht mehr erfolge, würden gerade benachteiligte Kinder enormen Risiken ausgesetzt und abgehängt. Während der strikten Beschränkungen im Frühjahr habe man auch gesehen, dass häusliche Gewalt und Adipositas zunähmen.

UBA: Luftreiniger kein Ersatz für regelmäßiges Lüften

Das Umweltbundesamt warnte unterdessen, mobile Luftreiniger könnten ausreichendes Lüften in den Klassenzimmern nicht ersetzen. Nach Angaben der Behörde wälzen die Geräte die Raumluft lediglich um und sorgen nicht für die notwendige Zufuhr von Frischluft. Luftreiniger sollten daher nur dort eingesetzt werden, wo Fenster nicht ausreichend geöffnet werden könnten und keine Zu- und Abluftsysteme in Frage kämen. Das beste Mittel, um das Infektionsrisik zu senken, sei aber immer noch, alle 20 Minuten für drei bis fünf Minuten bei offenen Fenstern zu lüften.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. November 2020 | 11:30 Uhr

13 Kommentare

Steffen1978 vor 36 Wochen

in keinem anderen Land wird so schwach und differenziert ausgewogen gehandelt wie in Deutschland, alle anderen schränken Freiheiten sehr viel mehr ein und Ungarns "Sonderweg" hat mit deutsche Demokratie gar nichts mehr zu tun

Normalbuerger vor 36 Wochen

Wie sollen denn die Kinder betreut werden( Grundschule und Kita) ? Die Eltern können dann nicht arbeiten gehen und bekommen kein Geld oder wie stellen die sich das vor ? Der Staat bezahlt das bestimmt nicht , Denen ist das völlig egal. Oder sollen dann die Kinder zu Oma und Opa gehen, der sog. Risikogruppe!! Das wäre ja erst sinnvoll ! Was für eine schwachsinnige Aussage . Selbst wenn Kinder infiziert sind , haben meist keine Symptome und es besteht keine Lebensgefahr, wo liegt das Problem ? Wahnsinn —

Matthi vor 36 Wochen

Professor Karl Lauterbach hatte im Vorfeld gewarnt und was sehen wir jetzt der Mann hat Recht. Wenn man sich die letzten Studien anschaut und darin liest das jedes 5. bzw. 6. Kind den Virus hat ohne oder mit wenigen Symptom kann man sich schon wundern das bei einem Lockdown Schulen und Kindergärten aufbleiben.

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