Corona-Auflagen Diskussion um "Freedom Day" Ende Oktober

Zum 30. Oktober sollten alle Corona-Auflagen aufgehoben werden – mit dieser Forderung erntete Kassenärztechef Gassen prompt Kritik. Auch das Kanzleramt erteilte dem nun eine Absage. Fachleute warnen angesichts der weiterhin stockenden Impfkampagne vor einem schwierigen Herbst.

Eine Maske liegt auf dem Mischpult, vor dem Menschen tanzen im Club "Neko" in Freiburg auf der Tanzfläche.
Der Chef des Kassenärzte-Verbandes, Andreas Gassen, fordert ein Ende aller Corona-Auflagen Ende Oktober. Die Zeit, die Masken fallen zu lassen, sei aber noch nicht gekommen, entgegnet das Kanzleramt. Bildrechte: dpa

Kanzleramtschef Helge Braun hat sich gegen die geforderte Aufhebung aller Corona-Auflagen Ende Oktober ausgesprochen. Braun sagte der Nachrichtenagentur Reuters, von einem "Freedom Day" halte er derzeit nicht viel. 20 Millionen Menschen hätten noch keinen Corona-Impfschutz. Das zeige, wie groß eine neue Welle werden könne. Eine Aufhebung der Beschränkungen sollte erst versprochen werden, wenn der Prozentsatz der Durchgeimpften vor allem in den höheren Altersgruppen deutlich gestiegen sei.

Zugleich sprach sich Braun gegen eine bundesweite Ausdehnung der 2G-Regel aus. Sie sollte nur dort angewandt werden, wo 3G nicht ausreiche. Bei der 2G-Regel haben nur Geimpfte und Genesene, nicht aber negativ Getestete Zugang etwa zu Veranstaltungen.

Kassenärztechef: Deutsches Gesundheitssystem leistungsfähiger

Am Samstag hatte Kassenärztechef Andreas Gassen einen "Freedom Day" nach britischem Vorbild für den 30. Oktober ins Gespräch gebracht. "Nach den Erfahrungen aus Großbritannien sollten wir auch den Mut haben zu machen, was auf der Insel geklappt hat", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Politik solle eine klare Ansage machen, dass in sechs Wochen alle Beschränkungen aufgehoben werden. Bis dahin habe jeder, der wolle, genug Zeit, sich noch impfen zu lassen.

Gassen sagte, in Großbritannien seien wissentlich mehr Infektionen zugelassen worden. Das sei durchaus "forsch" gewesen. Er sei aber zuversichtlich, dass die Impfquote in Deutschland durch eine "Freedom-Day"-Ankündigung auf 70 Prozent steigen werde. Das deutsche Gesundheitssystem sei deutlich leistungsfähiger als das britische, das auch nicht kollabiert sei. Großbritannien hatte schon Mitte Juli die Pandemie-Eindämmungsmaßnahmen weitestgehend aufgehoben.

Lauterbach: Höhere Impfquote für Lockerungen nötig

Gegenwind erhielt Gassen bereits vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Dieser betonte, er halte den Ansatz für unvertretbar, "einfach mal auszutesten, was unser Gesundheitssystem aushält". Auch sei die Hoffnung "unrealistisch", durch die Ankündigung eines "Freedom Days" die Menschen zum Impfen motivieren zu können.

Stattdessen schlug Lauterbach vor, für wesentliche Lockerungen das Ziel einer Impfquote von 85 Prozent der erwachsenen Bevölkerung auszugeben. Man solle nicht aufs Datum schauen, sondern auf die Durchimpfung der Gesellschaft. So habe es Dänemark vorgemacht. Fachleute hatten immer wieder eine Impfquote von 85 Prozent für die sogenannte Herdenimmunität genannt. Auch Lauterbach erklärte, bei dem Ziel sei die Gefahr des exponentiellen Wachstums der Ansteckungen gebannt.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte dem NDR, für eine Lockerung der Maßnahmen bräuchte es eine Impfquote bei den über 60-Jährigen von deutlich über 90 Prozent, in der Gesamtbevölkerung bei den impffähigen Personen von über 80 Prozent.

Warnungen vor schwierigem Herbst

Bundesweit sind nach jüngsten Daten des Robert Koch-Instituts von Freitag knapp 63 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede: An der Spitze steht Bremen mit einer Impfquote von 73 Prozent, gefolgt vom Saarland (70 Prozent) und Schleswig-Holstein (68 Prozent). Sachsen ist mit 54 Prozent Schlusslicht, auch Thüringen (58 Prozent) und Sachsen-Anhalt (60 Prozent) sind auf den hinteren Rängen.

In der Altersgruppe ab 60 Jahren sind demnach im bundesweiten Schnitt derzeit knapp 84 Prozent vollständig geimpft, bei den 12- bis 17-Jährigen sind es knapp 28 Prozent. Bei der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen liegt die Quote bei 68 Prozent.

Lauterbach warnte in der "Passauer Neuen Presse", ohne eine sehr viel höhere Impfquote drohe "ein schwieriger Herbst". In den vergangenen Tagen war die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz zwar insgesamt gesunken – auf knapp 71 Neuansteckungen pro 100.000 Menschen. Die Entwicklung hält der SPD-Politiker jedoch lediglich für eine "Verschnaufpause". Er gehe davon aus, dass die Fallzahlen wieder steigen, wenn sich das Leben verstärkt in Innenräumen abspiele.

Ähnlich äußerte sich die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Sie sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die leicht sinkenden Zahlen bedeuteten "überhaupt nicht, dass wir nicht noch im Herbst eine große Welle bekommen können".

FDP-Gesundheitsexperte hält Diskussion um Termin für verfrüht

Der FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann sagte dem NDR, er halte die Diskussion über eine Aufhebung der Corona-Regeln für richtig. Es sei jedoch zu früh dafür, ein konkretes Datum zu nennen. In den kommenden Wochen müsse man die Corona-Entwicklungen genau beobachten.

epd/Reuters/AFP(rnm)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. September 2021 | 11:30 Uhr

63 Kommentare

MDR-Team vor 4 Wochen

Grundsätzlich ist eine Erkrankung und Ansteckung mit Corona trotz Schutzimpfung möglich, jedoch sinkt die Wahrscheinlichkeit mit der Impfung:
"Die neuen Impfstoffe gegen COVID-19 haben eine gute Wirksamkeit: Das bedeutet, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erkranken Geimpfte bei Kontakt mit dem Erreger nicht.

Oft werden aber auch Atemwegsinfekte, die durch andere Erreger verursacht werden, fälschlicherweise für ein Impfversagen gehalten. Das Auftreten einer fieberhaften Erkältung aufgrund anderer Erreger stellt aber kein Versagen der COVID-19-Impfung dar. Zudem kann die Impfung selbst eine erhöhte Temperatur hervorrufen (siehe Welche Impfreaktionen und Nebenwirkungen wurden nach einer COVID-19-Impfung beobachtet?), die eine Reaktion des Immunsystems darstellt und nicht mit einer Atemwegs- oder COVID-Infektion verwechselt werden sollten. "

Weitere Informationen finden Sie hier: www.infektionsschutz.de/coronavirus/schutzimpfung/fragen-und-antworten/wirksamkeit-und-sicherheit.html

MDR-Team vor 4 Wochen

Lieber Dimehrl, Ungeimpfte sind eben auch eine Gefahr für andere Ungeimpfte, da Sie sich leicht infizieren und den Virus weitergeben. Geimpfte können sich auch anstecken und den Virus weitergeben. Aber das passiert nur in seltenen Fällen. Mehr dazu: https://www.deutschlandfunk.de/corona-impfungen-koennen-geimpfte-andere-menschen-weiter.709.de.html?dram:article_id=495266 Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

Lok vor 4 Wochen

@Wessi
Von welcher „einzigen“ Partei sprechen Sie denn? Mir fallen aus dem Stand sofort 5 Parteien ein, die auf ein schnelles Maßnahmenende hinwirken. Ich möchte hier aber keine Wahlwerbung betreiben.
Ich bedanke mich natürlich herzlich, dass Sie die Meinung vertreten, dass man Corona-Impfunwillige „nun nicht gleich einsperren muss“. Das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen.

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