Steigende Inzidenzzahlen Corona-Hotspots in Sachsen und die Rolle der AfD

Während der zweiten Corona-Welle hat Sachsen laut RKI mit Abstand die höchste 7-Tage-Inzidenz bundesweit. Auffällig dabei: In den besonders betroffenen Landkreisen ist auch die Zustimmung für die AfD groß. Gibt es dabei einen Zusammenhang?

Hotspots
Trotz hoher Fallzahlen ist in Sachsen auch die Ablehnung der Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung besonders groß. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Landkreis Görlitz, einer der Corona-Hotspots in Sachsen. Hier liegt der Inzidenzwert laut RKI bei 622 Infizierten pro 100.000 Einwohnern in einer Woche. Bundesweit ist das der Landkreis mit den siebthöchsten Zahlen.

Seit dem 14. Dezember gilt in der Görlitzer Innenstadt bereits der harte Lockdown. Doch fragt man hier die Menschen auf der Straße, ist erstaunlicherweise etwa jeder Fünfte skeptisch, ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind und äußert Misstrauen gegenüber der Regierung. Manche glauben nicht daran, dass der Mundschutz und der Lockdown dazu beitragen, die Infiziertenzahlen zu verringern, andere sind davon überzeugt, dass Corona eine Erfindung der Politiker ist.   

Realitätsverweigerung in Hotspots

Ein Mann vom Sicherheitsdienst berichtet aus dem Alltag in einer Görlitzer Postfiliale. Er ist täglich mit Masken-Verweigerern konfrontiert: "Ich arbeite bei der Postbank. Pro Tag schmeiße ich etwa zwanzig Leute wieder raus. Das sind entweder Maskenmuffel oder welche, die sagen, es gibt doch nichts." Und das mitten in einem Corona-Hotspot.

Schon im Mai gab es in Görlitz Demonstrationen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen. Unter den Demonstranten ist damals auch ein Arzt. Es ist der Allgemeinmediziner und Notarzt Doktor Ralph Tinzmann. Seine ablehnende Position in Bezug auf Verschärfungen hat er erst vor kurzem in einem Zeitungsinterview erneuert. Darin spricht er davon, dass er die Maskenpflicht als Maulkorb empfinde.

Laute Minderheit von Coronaleugnern unter Ärzten

Im Zusammenhang mit Corona zählt der Präsident der sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, derzeit im Freistaat 20 berufsrechtliche Verfahren gegen Ärzte. Bis zu 50 Anzeigen wegen des Verstoßes gegen die Maskenpflicht liegen vor. "Von den 16.000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzten in Sachsen sind selbst die 40 bis 50 eine Minderheit. Aber sie stellen eine sehr laute Minderheit dar. Ich bin sehr verärgert und ich muss mich wundern über diese Kollegen, das muss ich so sagen", sagt Bodendieck.

Hotspots
Der Präsident der sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck, sagt, dass von 16.000 beschäftigten Ärzten im Land 40 - 50 die Corona-Maßnahmen ablehnen. Es sei "eine laute Minderheit". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Ärztin, die immer wieder bei Kundgebungen ihre kruden Theorien zu Corona verbreitet, ist die Allgemeinmedizinerin Gerlind Jäger. Bei einer Rede während der Anti-Corona-Demo in Chemnitz Anfang Oktober sagt sie: "Es kann mir keiner erzählen, dass die Maske gesundheitsförderlich ist. Es tut mir leid. Ich sage Euch, steht auf. Zeigt Rückgrat. Schützt unsere Kinder, Alten, die können sich auch kaum wehren."

Unternehmer macht Stimmung im Netz

Auch bei der Demonstration in Leipzig Anfang November demonstriert Gerlind Jäger gegen die – Zitat  – "irren Maßnahmen der sogenannten Pandemie". Ihre Praxis hat Jäger in Oelsnitz im Erzgebirgskreis. In der bundesweiten Negativtabelle steht der Landkreis auf Platz elf mit einem Inzidenzwert von 500.

Hotspots
Der Unternehmer Armin Baumgartl glaubt nicht, dass Maskenpflicht und Lockdown gegen die Ausbreitung des Virus helfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im selben Landkreis, in Schneeberg, ist ein Unternehmer zu Hause, der auf Facebook viele Inhalte ins Netz stellt, die die Maskenpflicht und den Lockdown infrage stellen. Es handelt sich um den Geschäftsführer der Firma Metallbau Müller GmbH, Armin Baumgartl. Seine Position erklärt er so: "Die ersten Aussagen waren, die Maske bringt nichts, weil keine da war. Dass muss man einfach so klar und deutlich sagen. Dann wurde die Maske beschafft, die Maske wurde zur Pflicht gemacht und trotzdem haben sich Infektionsketten nicht unterbrechen lassen. Und daraufhin fragt man sich, was ist eigentlich der Sinn der Sache." Auffällig ist, dass viele Reden und Äußerungen von AfD-Politikern auf seinen Seiten in sozialen Netzwerken zu finden sind.

Politische Vereinnahmung der Pandemie

Ein weiterer Hotspot ist Pirna – mit aktuellen Inzidenzzahlen von 610 auf Platz vier. Genau wie Görlitz und das Erzgebirge ist der Landkreis eine Hochburg der AfD, mit landesweiten Spitzenwerten bei den vergangenen Wahlen.

Hotspots
Der sächsische AfD-Kommunalpolitiker Steffen Janich demonstriert in Pirna gegen die Corona-Maßnahmen, obwohl sein Landkreis bundesweit mit die höchsten Inzidenzzahlen aufweist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steffen Janich ist hier der künftige Direktkandidat der AfD für den Bundestag. Bereits im April hat er sogenannte Spaziergänge gegen die Corona-Maßnahmen organisiert. Heute protestiert er zusammen mit einem Parteifreund in der Stadt gegen den neuen Lockdown, den er für völlig übertrieben hält. Die Männer haben ein großes blaues Plakat zwischen sich aufgespannt, auf dem geschrieben steht: "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht." Janich sagt, er halte die Maßnahmen für übertrieben. Ob er nicht an die offiziellen Zahlen glaubt? Darauf möchte Janich nicht antworten.

Ein Zusammenhang zwischen AfD und Corona-Hotspots?

Die AfD versucht, aus der Unsicherheit in der Bevölkerung Profit zu schlagen und macht Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen. Anfang November reichten AfD-Abgeordnete beim Bundesverfassungsgericht Klage ein – gerichtet gegen die Allgemeinverfügung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Bundestag. Kurz vor dem Bundesparteitag der AfD Ende November klagt die Partei erneut, diesmal vor dem Oberverwaltungsgericht Münster, gegen die Verpflichtung zum Tragen einer Maske. In den Land- und Kreistagen ein ähnliches Bild: die AfD wehrt sich gegen Maskenpflicht und Corona-Beschränkungen.

Hotspots
Der Soziologe Alexander Yendell vom "Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt" in Leipzig ist überzeugt, dass die AfD mit ihrem Verhalten die Corona-Ausbreitung verschärft Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hat diese Haltung der Partei Auswirkungen auf die Bereitschaft ihrer Wähler, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen? Marco Wanderwitz, CDU-Politiker und Ostbeauftragter der Bundesregierung in Berlin, vertritt die These, dass in Sachsen zwischen AfD und den Corona- Hotspots eine Verbindung besteht. "Die AfD leugnet Corona ja weitgehend, sagt, dass die Maßnahmen unsinnig sind", erläutert er. "Und wenn, wovon ich ausgehe, und was ich teilweise auch sehe, sich dann deren Anhänger entsprechend verhalten, also keine Maske tragen, sich nicht an die Abstandsregeln halten und miteinander in zu großen Kreisen feiern, dann ist es für das Virus wie ein Geschenk, wie eine Einladung und es verbreitet sich weiter. Das ist die eigentlich schlechte Nachricht an diejenigen, die sich in den Regionen regelkonform verhalten, die dort die Mehrzahl sind. Wenn das Virus sich einmal relativ frei verbreiten kann, dann gibt es kein Halten mehr."

Legt man die Zahlen der aktuellen Inzidenzwerte mit denen des letzten Wahlergebnisses übereinander, zeigt sich in Sachsen zum jetzigen Zeitpunkt der Pandemie: Tatsächlich sind dort die Inzidenzzahlen am höchsten, wo die AfD bei der Landtagswahl 2019 die meisten Stimmen bekam.

Bildergalerie Corona-Zahlen und Wahlergebnisse

Wahlen und Zahlen: Jeder Punkt stellt einen Landkreis dar. Je weiter rechts der Punkt, desto höher das Wahlergebnis für die jeweilige Partei. Je weiter oben ein Punkt, desto höher die aktuelle 7-Tage-Inzidenz.

Grafik - Corona-AFD
Die Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Sachsen 2019 in Korrelation zur 7-Tage-Inzidenz: Jeder Punkt stellt einen Landkreis dar. Je weiter rechts der Punkt, desto höher das Wahlergebnis für die jeweilige Partei. Je weiter oben ein Punkt, desto höher die aktuelle 7-Tage-Inzidenz (Stand: 04.12.2020). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK / GEORG AHNERT
Grafik - Corona-AFD
Die Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Sachsen 2019 in Korrelation zur 7-Tage-Inzidenz: Jeder Punkt stellt einen Landkreis dar. Je weiter rechts der Punkt, desto höher das Wahlergebnis für die jeweilige Partei. Je weiter oben ein Punkt, desto höher die aktuelle 7-Tage-Inzidenz (Stand: 04.12.2020). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK / GEORG AHNERT
corona afd grafik
Die deutschlandweiten Ergebnisse der Europawahl 2019 in Korrelation zur 7-Tage-Inzidenz: Jeder Punkt stellt einen Landkreis dar. Je weiter rechts der Punkt, desto höher das Wahlergebnis für die jeweilige Partei. Je weiter oben ein Punkt, desto höher die aktuelle 7-Tage-Inzidenz (Stand: 08.12.2020). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK / GEORG AHNERT
corona afd grafik
Die Ergebnisse der AfD und SPD bei der Europawahl 2019 in den neuen Bundesländern, für Mitteldeutschland und Sachsen in Korrelation zur 7-Tage-Tage-Inzidenz: Jeder Punkt stellt einen Landkreis dar. Je weiter rechts der Punkt, desto höher das Wahlergebnis für die jeweilige Partei. Je weiter oben ein Punkt, desto höher die aktuelle 7-Tage-Inzidenz (Stand: 08.12.2020). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK / GEORG AHNERT
Alle (3) Bilder anzeigen

Fehlendes Vertrauen in Maßnahmen der Regierung

Für Michael Opielka, Professor für Sozialpolitik in Jena, weist die hohe Infektionsrate in politisch von der AfD dominierten Regionen vor allem auf eines hin: auf das Misstrauen, das von AfD-Wählern und Anti-Corona-Demonstranten gleichermaßen den Institutionen und Entscheidungen des Staates entgegengebracht wird. Die Bundes- und Landesregierungen schaffen es nicht mehr, alle von der Notwendigkeit ihrer Politik zu überzeugen, so Opielka. "Eine politische Epidemiologie von Corona deutet darauf hin, dass hinter den hohen Inzidenzzahlen in den Regionen der Corona-Skeptiker und Corona-Leugner ein grundlegendes Problem unserer politischen Kultur steckt", sagt der Professor. "Das fehlende Vertrauen dieser Personen und ihrer Milieus in Institutionen und Organisationen. Ihr Sozialkapital ist aufgebraucht. Es ist die neue Armut an Vertrauen."

Auch der Soziologe Alexander Yendell vom "Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt" in Leipzig ist überzeugt, dass die AfD mit ihrem Verhalten die Corona-Ausbreitung verschärft. "Ich finde es durchaus legitim, über die Maßnahmen zu sprechen, sie auch in Frage zu stellen. Das gehört zu einer Demokratie dazu. Ich finde es nur fürchterlich, wenn man dabei im Prinzip wissenschaftsfeindlich ist und die Gefahren verleugnet. Das macht mich doch sehr, sehr wütend", sagt Yendell.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 15. Dezember 2020 | 21:45 Uhr

Ein Angebot von

Mehr aus Politik

Kanzlerin Merkel bei der Bundestagsdebatte zur geplanten Corona-Notbremse 1 min
Bildrechte: Reuters

Bundeskanzlerin Merkel hat die geplante bundesweite Corona-Notbremse verteidigt. Es brauche Entschlossenheit, um das Virus zu bekämpfen. Gegenwind kam aus der Opposition.

16.04.2021 | 14:09 Uhr

Fr 16.04.2021 13:34Uhr 00:44 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-509950.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Deutschland