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"Ich würde ja gern, aber wo soll ich mich denn impfen lassen, Herr Spahn?" – fragt MDR-AKTUELL-Autor Ayke Süthoff. Bildrechte: imago images/Einsatz-Report24

KommentarDie Impfgegner sind nicht das Problem

von Ayke Süthoff, MDR AKTUELL

Stand: 30. November 2021, 16:51 Uhr

"Lassen Sie sich impfen" oder "holen Sie sich Ihren Booster" – solche Appelle hört man von Politikern derzeit ständig. Oft kippen sie schon ins Vorwurfsvolle und lesen sich wie eine Frage: "Warum haben Sie sich noch nicht geboostert?" Doch das Problem ist oft nicht der Wille zum Impfen, sondern die fehlende Möglichkeit. Die Schuld liegt nicht bei der Bevölkerung, sondern bei der Politik selbst.

Der Begriff Staatsversagen ist im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie immer mal wieder gefallen. Und zwar vollkommen zu Recht. Staatsversagen nicht im ökonomischen Sinn, sondern im Wortsinn: Was wir hier beobachten, kann gar nicht anders beschrieben werden. Der Staat versagt in der Jahrhundertaufgabe, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen.

Zwei Maßnahmen helfen, Corona in den Griff zu kriegen

Die zentrale Frage, die staatliche Institutionen derzeit zu beantworten haben, lautet: Wie kann die Corona-Pandemie gestoppt werden? Darauf gibt es zwei simple und keineswegs neue Antworten: zum einen durch Impfungen, zum anderen durch erkannte Infektionen. Das sind die einzigen wirksamen Mittel, Infektionsketten zu brechen.

Nun gibt es in Deutschland einen nicht unerheblichen Teil von Impfskeptikern oder gar Impfverweigerern. Über diese Gruppierung diskutiert sich das Land unter der Überschrift "Impfpflicht" derzeit einen Wolf. Und natürlich müssen möglichst viele Impfskeptiker von den Vorteilen einer Impfung überzeugt werden.

Doch entscheidend ist etwas anderes: Erstmal muss es überhaupt die Möglichkeit für eine unkomplizierte Impfung geben. Denn auch alle, die sich gerne impfen lassen würden, haben hierzulande ein schwerwiegendes Problem. Es ist derzeit fast unmöglich, einen Impftermin zu bekommen. Das gilt sowohl für Erst- als auch für Booster-Impfungen.

Impfzentren geschlossen, Hausärzte ohne Impfstoff

Über welche Wege könnte man theoretisch an einen Termin kommen? Impfzentren wurden geschlossen, Hausärzte berichten übereinstimmend davon, deutlich weniger Impfstoff geliefert zu bekommen als bestellt. Sie konzentrieren sich meist auf vulnerable Gruppen und Patientinnen und Patienten über 70 Jahre.

Allerdings gibt es längst sehr viele Menschen, deren Zweitimpfung mehr als sechs Monate zurückliegt, und die weit unter 70 Jahre alt sind. Dort ist die Empfehlung von Hausärzten oft, sich in kommunalen Impfstellen oder bei Impfbussen anzustellen. Das Problem ist, wer arbeitet, hat keine Zeit, vier Stunden auf seine Impfung zu warten, wenn der Impfbus einmal in drei Wochen von 13 bis 17 Uhr vor Ort ist.

Eine Lösung für dieses Problem ist nicht vorhanden. So ist es selbst für die Impfwilligsten nahezu unmöglich, der ständigen, teils vorwurfsvollen Aufforderung der Politik nachzukommen, sich impfen zu lassen. Ich würde ja gern, aber wo soll ich mich denn impfen lassen, Herr Spahn?

Bevölkerungsschutz ist Aufgabe des Staats nicht der Bevölkerung

Es ist die Aufgabe des Staats, Bürgerinnen und Bürgern, Termine anzubieten. Es ist nicht die Aufgabe der Menschen, sich gegen diverse Widerstände irgendwie einen Impftermin zu erkämpfen. Hier versagt der Staat.

Ähnlich ist es bei Tests. Bekommt man über die Corona-App eine Warnung – leuchtet die App also rot – oder hat man bei einem Selbsttest zu Hause ein positives Ergebnis, kommt man trotzdem kaum an einen PCR-Test, der dieses Ergebnis bestätigt oder widerlegt. Die meisten Allgemeinmediziner führen diese Tests ungern durch, weil die Corona-verdächtigen Patienten in der Praxis in einem eigenen Raum separiert werden müssen. Das können die meisten Praxen schon aus Platzgründen nicht anbieten.

Andererseits wollen viele Patienten, die gar keine Symptome haben, sondern beispielsweise nur eine Meldung auf ihrer App, sich dem Risiko gar nicht aussetzen, stundenlang mit möglichen Corona-Patienten in einem Raum zu sitzen, um einen PCR-Test überhaupt machen zu dürfen.

Interessieren sich Gesundheitsämter für Corona?

Der Versuch über ein örtliches Gesundheitsamt an einen PCR-Test zu gelangen, ist zum Scheitern verurteilt. Dort interessiert sich niemand für eine rote App oder einen positiven Schnelltest. Wenn man überhaupt telefonisch durchkommt.

Auch hier absolutes Staatsversagen. Es kann nicht die Aufgabe der Bürgerinnen und Bürger sein, hinter ihren eigenen PCR-Tests herrennen zu müssen. Der Staat, der ein Interesse an dem Erkennen von Corona-Infektionen hat, der Infektionsketten erkennen und durchbrechen will, muss der Bevölkerung diese Tests zur Verfügung stellen und zwar ohne jegliche Hürden.

Solange diese beiden Dinge – unkomplizierte Impfungen und unkomplizierte Tests – nicht vom Staat zur Verfügung gestellt werden, wird Corona uns nicht loslassen. Impfpflicht hin oder her.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 29. November 2021 | 19:30 Uhr

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