Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Bundestag und Bundesrat entscheiden am Freitag über ein Gesetz, das unter anderem eine Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitsbereich vorsieht. Bildrechte: dpa

GesetzentwurfPflegeverband begrüßt einrichtungsbezogene Impfpflicht

von Rebecca Nordin Mencke, MDR AKTUELL

Stand: 09. Dezember 2021, 16:35 Uhr

Ob Kliniken, freiberufliche Hebammen oder Pflegeheime – für Beschäftigte im Gesundheitsbereich soll bald die Covid-Impfpflicht kommen. Der Pflegeverband lobt den Gesetzentwurf. Dennoch bleiben offene Fragen.

Covid-Ausbrüche in Pflegeheimen und die Hälfte des Personals ist nicht geimpft – solche Fälle zeigten zuletzt immer häufiger, wie wichtig eine hohe Impfquote insbesondere für diejenigen ist, die durch Covid-19 am meisten gefährdet sind. Die geplante Impfpflicht für den Gesundheitssektor findet etwa beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Zustimmung. Präsidentin Christel Bienstein lobt besonders, dass die Impfpflicht einrichtungsbezogen kommen soll. "Vorher gab es große Bedenken, wenn das nur für eine Berufsgruppe gelten soll", erklärt Bienstein MDR AKTUELL. "Dann hätten jederzeit noch beispielsweise Assistenten, Altersbegleiter, die Hauswirtschaft oder Reinigungskräfte das Coronavirus in eine Einrichtung eintragen können."

In folgenden Einrichtungen und Berufen ist ab dem 15. März 2022 eine Impfpflicht vorgesehen

1. Krankenhäuser
2. Arztpraxen
3. Zahnarztpraxen
4. Praxen sonstiger humanmedizinischer Heilberufe
5. Einrichtungen für ambulantes Operieren
6. Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen
7. Dialyseeinrichtungen
8. Tageskliniken
9. Entbindungseinrichtungen
10. freiberuflich tätige Hebammen
11. sonstige Behandlungs- oder Versorgungseinrichtungen
12. Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes,
13. Rettungsdienste
14. sozialpädiatrische Zentren
15. medizinische Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen
16. Seniorenwohnheime
17. Pflegeheime
18. Behindertenwohnheime
19. sonstige Einrichtungen zur Betreuung und Unterbringung älterer, behinderter oder pflegebedürftiger Menschen
20. ambulante Pflegedienste

Offene Fragen bei der Umsetzung

Dennoch sieht sie mit Blick auf die praktische Umsetzung noch einiges ungeklärt. Zum einen sei es etwas spät, wenn die Regelung erst im März greife. Zum anderen fehlten klare Regeln, das Ganze strategisch aufzubauen. "Es ist ja eine große Aufgabe, all diese Menschen gezielt zu informieren und natürlich auch abzuholen."

Christel Bienstein ist Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Bildrechte: DBfK Bundesverband e.V.

Umgekehrt seien Einrichtungsleitungen im Unklaren, wie sie sich zu verhalten hätten, wenn Beschäftigte nach Eintreten der Impfpflicht ohne Nachweis zur Arbeit erschienen, führt Bienstein an. "Bei Unternehmen, die sich nicht um vulnerable Menschen kümmern müssen, kann man jemanden nach Hause schicken und sagen: 'Du kannst jetzt nicht das Auto mitreparieren'. Aber bei den Pflegenden wird das schwierig." Wenn sich die ohnehin schon bestehende Personalnot weiter verschärfe, sei das kaum noch zu kompensieren, warnt Bienstein. Zu den arbeitsrechtlichen Regelungen fehlten aber bisher klare Aussagen.

Impfungen sollten zu den Menschen kommen statt umgekehrt

Klärungsbedarf sieht die DBfK-Präsidentin zudem bei der Impfkampagne. Dabei gehe es nicht allein um die Beschäftigten in den jeweiligen Einrichtungen. "Besonders in der ambulanten Versorgung gehen wir sehr stark davon aus, dass nicht alle Patienten geimpft sind." Statt mangelnder Impfbereitschaft liege das aber häufig an praktischen Hürden: Pflegebedürftige Menschen und teilweise sogar ihre Angehörigen sind so eng an die eigenen vier Wände gebunden, dass sie nicht zum Hausarzt gehen können. Laut Bienstein sollten daher Pflegende bei Erst-, Zweit- und Booster-Impfungen einbezogen werden, da selbst Hausärzte nicht immer vorbeikommen könnten.

Höhere Impfquote auch in der Gesamtbevölkerung nötig

Während für die einen nun die Impfpflicht kommen soll, sieht Anja Katharina Peters aber noch ein weiteres Problem. Sie ist Professorin für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Dresden und Vorstand im DBfK Nordost. Auch sie sieht im Gesetzentwurf, über den Bundesrat und Bundestag diesen Freitag abstimmen, einen wichtigen Schritt. Zwar sei eine auf das Setting bezogene Impfpflicht besser als eine berufsbezogene: Der Kontakt von Ungeimpften zu Hochbetagten, behinderten Menschen oder anderen vulnerablen Gruppen lasse sich aber auch weiterhin nicht ausschließen. Insgesamt sei eine höhere Impfquote wünschenswert, betont sie.

Ein Kernproblem, das Peters sieht, steht aber gar nicht im Zusammenhang mit Impfverweigerern. "Es stimmt nicht, dass alle Menschen ein Impfangebot bekommen haben", betont Peters und verweist auf die Altersgruppen unter zwölf Jahren. Es sei schwer nachvollziehbar, warum es für diese noch kein Impfangebot gebe, obwohl es dazu in anderen Ländern wie den USA und Israel bereits sehr gute Erfahrungen gebe. "Wir sollten nicht so tun, als seien unsere Kinder hier so viel anders als Kinder in diesen Ländern", meint sie.

Wenn uns etwas an unseren Großmüttern und Großvätern liegt, sollten wir zusehen, dass wir möglichst alle geimpft sind.

Anja Katharina Peters | Pflegewissenschaftlerin an der EHS Dresden

Denn selbst wenn Pflegefachkräfte oder Hebammen geimpft sind: Als Eltern haben sie häufig "zwangsläufig Kontakt zu ungeimpften Menschen, die auch noch regelmäßig in großen Gruppen mit anderen Ungeimpften sind." Das Risiko für Impfdurchbrüche steigt damit. Für Peters ist daher klar: "Wenn uns etwas an unseren Großmüttern und Großvätern liegt, sollten wir zusehen, dass wir möglichst alle geimpft sind", also auch die Kinder.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 09. Dezember 2021 | 10:55 Uhr