Impfung Werden 16 Prozent Impfstoff weggeworfen?

Noch immer ist in Deutschland der Impfstoff knapp. Umso unglaublicher, dass Vakzine immer noch im Müll landen. Denn aus den Ampullen von Biontech/Pfizer werden derzeit meist nur sechs Dosen gezogen, obwohl es möglich ist, auch eine siebente Dosis aufzuziehen.

Drei Ampullen mit Impfstoff, davor eine Spritze
Mit speziellen Spritzen können aus einer Ampulle Beiontech/Pfizer sieben Impfdosen aufgezogen werden. Bildrechte: imago images/Laci Perenyi

"Da sind so 2,25 Milliliter Flüssigkeit also aufgelöste Impfstoffdosis drin", sagt der leitende Impfarzt im rheinisch-bergischen Kreis von Nordrhein-Westfalen, Hans Christian Meyer. Daraus könnten rein theoretisch siebeneinhalb Dosen gezogen werden. "Da merken sie, was da wirklich weggeworfen wird."

Sieben statt nur sechs Impfungen pro Ampulle  - das bedeutet bis zu 16 Prozent mehr Impfstoff. So wird das beispielsweise in den Niederlanden gemacht. Dafür sind Spritzen ohne sogenanntes Tot-Raum-Volumen (Zero Residual-Spritze) notwendig.

Es fehlt die Zulassung der EMA

Wissenschaftlich betrachtet ist die siebte Dosis genauso wirksam wie die erste. Nur: für die siebente Dosis fehle eben die Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur,  sagt der Professor für Immunologie an der TU Dortmund, Carsten Watzl: "Würde bei dieser Impfung irgendetwas passieren, dann wäre das in der Verantwortlichkeit des Arztes, weil er ja das Medikament nicht entsprechend der Vorschrift verwendet hat." Deshalb würden es viele Ärzte nicht machen. Es müsste eine entsprechende Vorschrift durch das Gesundheitsministerium herausgegeben werden.

"Es sollte keine einzige Dosis weggeworfen werden. Das ist mein Credo", sagt eine Person aus Mitteldeutschland, die mit dem Aufziehen der Corona-Impfungen befasst ist. Sie möchte unerkannt bleiben, da ihr sonst negative Konsequenzen drohen könnten. Sie verabreicht regelmäßig eine siebte Dosis. "Ich habe das Gefühl, dass die Verantwortlichen mittlerweile die Verabreichung der siebten Dosis stillschweigend tolerieren. Denn sonst würde es ja Nachfragen geben, weshalb mehr Personen geimpft wurden."

Eine Hand schreibt etwas in einen Impfpass. 14 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gesundheitsministerium schiebt Verantwortung auf Ärzte

Doch ist das wirklich so? "Es obliegt dem impfenden Arzt, im Einzelfall zu prüfen und sicherzustellen, dass das dem Impfling verabreichte Impfstoffvolumen tatsächlich 0,3 Milliliter beträgt", schreibt das Bundesgesundheitsministerium auf Nachfrage. Eine klare Anweisung eine siebte Dosis zu verimpfen ist das nicht – die Verantwortung wird offenbar an die Ärzte delegiert.  Dies sei ein symptomatischer Reflex der Politik in der Corona-Pandemie, sagt die EU-Abgeordnete der Grünen Jutta Paulus.

Also Geschwindigkeit schlägt Perfektion. Das gilt generell in Krisen.

Jutta Paulus EU-Abgeordnete der Grünen

Es werde viel diskutiert und sich irgendwann geeinigt. "Und wenn jeder nach Hause kommt, macht er es dann doch wieder anders, weil er nicht für irgendwelche Dinge haftbar gemacht werden möchte", so Jutta Paulus. Das sei sehr symptomatisch für die das Agieren der Politik. "Bevor ich etwas falsch mache, mache ich lieber erstmal nichts."

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Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 23. März 2021 | 21:45 Uhr

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