Faktencheck Geld als Anreiz für die Corona-Impfung?

Kann man Impfwilligkeit kaufen, sogar Herdenimmunität? Ökonomen und Verhaltensforscher sagen: Ja, das könnte gehen, und Geld – vielleicht Zeichen der Zeit – sogar schneller wirken als andere Mittel. Doch die Politik, die gerade viel debattiert, wie mehr Menschen zu den Covid-19-Impfungen bewegt werden könnten, springt nicht auf Prämienzahlungen an. Zu Recht? Hier Argumente.

Impflinge warten im Corona Impfzentrum Messe Berlin auf ihre Impfung.
So richtig voll ist es in den Impfzentren nicht mehr. Sorgen wegen der rascheren Ausbreitung der Delta-Variante führen auch zu Debatten, wie höhere Impfquoten und vor allem noch unentschlossene Leute zu erreichen wären. Bildrechte: dpa

Eine Impfpflicht soll es nicht geben. Am Dienstag sprach sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) klar dagegen aus. Auch anderweitigen Druck auf ungeimpfte Leute wollen die meisten Politiker im anlaufenden Wahlkampf möglichst vermeiden.

Wie aber dann die Impfquote schnell erhöhen, während die Delta-Variante des Coronavirus die Sorgen vor einer neuen großen Infektionswelle zunehmen lässt? Die Politik setzt auf Nähe und will, dass die Spritze mit Biontech oder Johnson & Johnson den Menschen quasi überall vor die Nase gehalten wird, am Supermarkt etwa, möglichst präsent in ihrem Alltag.

Abgesehen von noch unklaren Aufwänden und Kosten, die das wohl mit sich brächte, von Fragen nach der Sicherheit von Impfstoff und Impfpersonal vor Ort und letztlich von den Erfolgsaussichten, meinen Ökonomen und Verhaltensforscher, dass es da einen einfacheren Weg geben könnte – nämlich, dass sich mehr Impfbereitschaft bis hin zur Herdenimmunität quasi auch kaufen ließe, mit einer Geldprämie.

Geldprämien: Würden finanzielle Anreize funktionieren?

Forscher sagen: Ja. Und etwas messen lasse sich auch. So hatten im März 2021 Berliner Sozialwissenschaftler den Einfluss von Strategien auf die Impfbereitschaft "experimentell getestet", in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung von 20.500 Menschen in Deutschland. Gefragt wurde nach der Rückgabe von Freiheiten für Geimpfte, nach finanziellen Anreizen und nach Impfungen bei Hausärzten.

Nur etwa 67 Prozent der Befragten waren demnach bereit, sich impfen zu lassen oder waren bereits geimpft. Weitere 17 Prozent seien unentschlossen, 16 Prozent ganz gegen die Impfung gewesen. Der beteiligte Sozialwissenschaftler Ferdinand Geißler sagte dem MDR dazu, dass der finanzielle Anreiz die Impfbereitschaft unter den unentschlossenen Menschen merklich erhöhen könne, wobei die Höhe der Zahlung eine Rolle spiele. Bei 25 Euro zeige sich kaum ein Effekt, bei 50 Euro schon.

Die Studie habe gezeigt, dass alle drei Anreize (eben Geld, Privilegien und ein Impf-Angebot bei Hausärzten) zusammen die Impfbereitschaft unentschlossener Menschen erhöhen könnten – jeder einzelne Anreiz um etwa fünf Prozentpunkte und in Kombination um bis zu 13 Prozentpunkte. In der Gruppe der Impfgegner zeige sich dagegen kaum etwas als wirksam, auch Geld nicht.

Mehr Freiheiten und Nähe zum Impfarzt motivieren

Die Studie konstatiert weitere Unterschiede: Ältere Befragte ließen sich eher vom Impfen beim Hausarzt erreichen, jüngere eher durch mehr Freiheiten. Auch die Distanz zu einem Impfzentrum spiele eine Rolle. Problematisch sei bei den Forschungen aber, dass es meist keine Kontrollgruppe gebe und man so nicht wisse, was ohne Anreize wäre. Als ein "Zauberwerkzeug" sieht Geißler eine Geldprämie ohnehin nicht. Und politische Forderungen mag er aus solchen Daten auch nicht ableiten.

Anders Nora Szech, Professorin für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie. Sie hatte im Deutschlandfunk ausführlich erläutert, warum 100 oder 500 Euro, auch als "Entschädigung" für den Aufwand zu einer Impfung zu kommen, sinnvoll sein könnten. Diese müssten aber – zur Vermeidung von Fehlanreizen und wegen der Gleichbehandlung – allen, auch schon geimpften Menschen angeboten werden. Szech war nach ihren Untersuchungen zu der Ansicht gekommen:

Ich denke, dass wir uns das Geld auf keinen Fall sparen dürfen.

Die Ökonomin Nora Szech im DLF am 10.07.2021

Jan Schnellenbach, Wirtschaftsprofessor der TU Cottbus-Senftenberg geht da mit. Er erklärte auf Nachfrage, als "positive externe Effekte" hätten die Impfungen einen gesellschaftlichen Nutzen, weil auch Lockdowns oder Schulschließungen teuer für die Gesellschaft wären. Der Staat sei die einzige Instanz, die diesen sozialen Nutzen ausdrücken könne: Und "genau das würde mit Prämien passieren".

Ökonom: Geld wäre sinnvoller als Sachgeschenke

Für Schnellenbach "überwiegen die Vorteile". Wer nicht gegen Impfungen sei, für sich aber keinen Handlungsbedarf sehe, könne damit motiviert werden, möglicher Nachteil aber sein, dass "harte Impfgegner noch skeptischer werden". Da man sie aber vermutlich ohnehin nicht erreiche, "halte ich die Prämie für sinnvoll". Auch sei Geld das bessere Mittel, als Sachanreize zu schaffen: "Überlassen wir es doch den Leuten."

Es gibt aber auch Gegenstimmen. "Money is not everything", nannte der Psychologe Philipp Sprengholz eine Studie mit anderen Ergebnissen. Der Doktorand im Team von Cornelia Betsch, die an der Universität in Erfurt Professorin für Gesundheitskommunikation ist, hat Testpersonen 25 bis 200 Euro für eine Impfung angeboten. Ergebnis: Das Geld erhöhe die Impfbereitschaft nicht. Nur bei 1.000 Euro oder mehr steige sie um einige Prozentpunkte. Ob sich aber so hohe Kosten für die Gesellschaft lohnten, "ist eher fraglich", meint Sprengholz.

Was würde das kosten und wer soll das bezahlen?

Bundesgesundheitsministerium wie auch Robert Koch-Institut sehen die Herdenimmunität in Deutschland bei einer Immunität von 85 Prozent der Bevölkerung. Wöllte man diese 85 Prozent impfen (also auch vom Virus Genesene), wären das knapp über 70 Millionen Menschen. Eine Prämie von 500 Euro für alle könnte so bis zu 35 Milliarden Euro kosten. Die Kosten sind jedenfalls abhängig von nötigen Zahl der zu impfenden Menschen.

Dabei sind das längst nicht alle Kosten, die der Staat damit hätte. Denn dazu kommen noch weitaus höhere für Impfstoffe selbst, für ihre Verteilung etwa auf ebenfalls staatlich finanzierte Impfzentren und andere Kosten mehr. Und hier nur kurz zur Orientierung: Im Jahr 2020 hatte der Bund wegen der Coronavirus-Pandemie rund 130 Milliarden Euro neue Schulden gemacht und für dieses Jahr bis zu 240 Milliarden Euro an möglichen neuen Krediten geplant.

Zur Frage, wer das bezahlen sollte, sagt Schnellenbach: "Das geht am besten aus dem Bundeshaushalt," da es um gesamtgesellschaftlichen Nutzen gehe und so alle Steuerzahler an den Kosten beteiligt würden. Das Bundesgesundheitsministerium verweist allerdings auf die Länder als für die Impfkampagnen vor Ort zuständig.

Impfanreize: Gibt es Unterstützung dafür in der Politik?

Nein, Politiker weisen das zwar nicht direkt zurück, weichen direkten Antworten aber aus. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ließ sich entschuldigen. Das von CDU-Politiker Jens Spahn geführte Gesundheitsministerium verwies auf die Kommunikationskampagne der Bundesregierung. Für das Ministerium stehe im Vordergrund, Menschen zu motivieren. Es gebe bereits positive Anreize: Sich und andere zu schützen und den Alltag einfacher zu gestalten.

Ungeachtet dessen werden wir die Werbekampagne für das Impfen diesen Monat noch einmal lauter stellen.

Parissa Hajebi, Pressereferentin im Bundesgesundheitsministerium

Darüber hinaus sei Impfen eine Sache der Länder: "Der Bund liefert den Impfstoff, es ist Aufgabe der Länder, die Impfkampagne vor Ort zu organisieren."

Die Grünen wollen die Bevölkerung durch Aufklärung und lokale Impfteams überzeugen, nicht durch Anreize. Die Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche erklärte, die Impfbereitschaft in der Bevölkerung sei größtenteils vorhanden. Angesichts der Ausbreitung der Delta-Variante brauche es verantwortungsvolles Handeln, die AHA-L Regeln und Aufklärung über die Impfungen.

Anreize, um sich impfen zu lassen, bewerten wir aktuell als nicht zielführend.

Kordula Schulz-Asche, Mitglied im Bundestags-Gesundheitsausschuss

Auch für die Linke sind Geldprämien nichts. Der gesundheitspolitische Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, Achim Kessler, warf dabei der Bundesregierung vor, eine intensive Informationskampagne "wieder einmal verschlafen" zu haben. Das müsse sie nachholen. Gleichwohl ist auch die Linke gegen Druck, etwa durch Impfpflichten oder Forderungen wie von Ärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt, kostenlose Covid-19-Tests für Impfverweigerer zu streichen. Das wäre Kessler zufolge "eine indirekte Impfpflicht" vor allem für weniger wohlhabende Menschen.

Eine Stellungnahme der AfD blieb bislang aus. Und einzig die FDP antwortete direkter. Deren Gesundheitspolitikerin Renata Alt erklärte, sie "und die FDP sind grundsätzlich dafür, Impfanreize zu schaffen. Allerdings nicht in der Form von Geldprämien", sondern durch mobile Impfteams, niedrigschwellige Impfangebote, aber auch durch Gutscheine etwa für Museen und Freizeitparks. 

Auf welche Aktionen wird stattdessen gesetzt?

Das Bundesgesundheitsministerium setzt darauf, Hürden für die Impfung abzubauen, diese zu vereinfachen: "Es muss noch einfacher werden, eine Impfung zu bekommen", erklärt das Ministerium. Das sei Ländersache und gehe am besten mit mobilen Teams.

Menschen warten in einem Supermarkt auf ihre Impfung mit dem Impfstoff Astrazeneca
Impfung mit Astrazeneca in einem Supermarkt Bildrechte: dpa

Es brauche jetzt "Angebote im Lebensumfeld der Menschen: auf Marktplätzen, an Supermärkten, Einkaufshäusern, Kirchen, bei Kultur-, Sport- und Freizeitaktivitäten" – sowie intensivere Werbekampagnen. Auch die Linke fordert einen einfachen und dezentralen Zugang zu Impfungen, mobile Impfteams, besonders in wirtschaftsschwachen Gegenden und dort, wo die Impfquote geringer sei.

Professor Schnellenbach, der für Geldprämien und gegen Sachanreize war, wies hier jedoch darauf hin, dass im Alltag auch klar werden müsse, "dass Geimpfte ein etwas leichteres Leben haben, ohne Testpflichten und Quarantäneauflagen", denn schließlich sei auch das ein Anreiz, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Fazit: Aktuell keine Chance in Deutschland

Es sieht aktuell nicht danach aus, dass sich die Politik auf die Idee "Geld für die Impfung" einlässt. Direkt aussprechen möchte das aber auch kaum jemand. Offen bleibt, welche der vielen anderen debattierten Vorschläge wie und vor allem wie schnell umgesetzt werden können, was diese dann kosten und welchen Erfolg sie hinsichtlich der Covid-19-Impfquote letztlich haben würden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Juli 2021 | 08:39 Uhr

31 Kommentare

Freiheit stirbt mit Sicherheit vor 13 Wochen

"Geld als Anreiz für die Corona-Impfung?"

Vertrauen! Das würde etwas bringen!

Aber das ist über Jahrzehnte verloren gegangen!
Und Schuld ist nicht der Bürger!

Kritiker vor 13 Wochen

+... Das Bundesgesundheitsministerium verweist allerdings auf die Länder als für die Impfkampagnen vor Ort zuständig....+
"Verschiebebahnhof möglicher finanzieller Lasten!" Ist die Pandemie nicht ein bundesweites Problem? Wenn ja dann sollte die Verantwortung wohl auch bundesweit sein!!

Kritiker vor 13 Wochen

+... Auch anderweitigen Druck auf ungeimpfte Leute wollen die meisten Politiker im anlaufenden Wahlkampf möglichst vermeiden....+
Haben wenigstens Impfunwillige bis Sep.2020 Zeit sich nicht impfen zu lassen. (= Gratis Punkt für Verständnis an die Politik!

+...Die Politik setzt auf Nähe und will, dass die Spritze mit Biontech oder Johnson & Johnson den Menschen quasi überall vor die Nase gehalten wird, am Supermarkt etwa, möglichst präsent in ihrem Alltag....+
Vllt. noch die Maßgabe: Ohne Impfung dürfen sie nicht in den Discounter.

Statt dessen sollte die Politik mehr Wert bzgn. in Aufklärung und Erfolge wie Misserfolge den Bürgern GLEICHERMASSEN zur Kenntnis geben. Die größte Skepsis liegt doch an den ja bisher unerforschten Langzeitproblemen zu denen auch zählen sollte, wann und wie oft müsste eine Impfung wiederholt werden. Wie entwickelt sich der Schutz gg. die Delta-Version und wann kommt die nächste, ggf. Gamma-Version des Virus.

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