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Trister Herbst: Auch 2021 wurde die Politik von der Heftigkeit der Corona-Welle überrascht. Bildrechte: dpa

KommentarOhne Gesamtstrategie kehrt das Grauen jedes Jahr wieder

von Piet Felber-Howitz, MDR AKTUELL

Stand: 17. Dezember 2021, 10:05 Uhr

Dem Corona-Schlamassel liegt neben dem widerborstigen Virus auch Politik-Versagen zugrunde. Dabei ließen sich mittlerweile langfristige Strategien umsetzen, denn nur weniges kommt in dieser Pandemie noch überraschend. Die Zeit ist reif für langfristige Pläne und klare Kommunikation.

Das ganze Land hat immer noch Genickstarre vom Kopfschütteln – vom Kopfschütteln über zum falschen Zeitpunkt abgebaute Impfzentren, über die Unmöglichkeit, einen Impfertmin zu bekommen und über Warteschlangen voll Impfwilliger, die sich in eisiger Dezember-Kälte hoffentlich nur eine Erkältung holen.

Immerhin mehr als ein Viertel der Leute hat mittlerweile eine Auffrischungsimpfung bekommen, der Termin-Knoten löst sich langsam und kurz vor Weihnachten ziehen sich sogar die Inzidenzzahlen von den Gipfellagen wieder ins Tal zurück. Man könnte also die Hoffnung haben, dass sich schmerzhafte Einschränkungen alltäglicher Freiheiten dieses Mal nicht wieder bis in den Mai hineinziehen.

Da sich die Politik im Land aber so verlässlich vom Verlauf der Pandemie überraschen lässt, wie sich im Herbst die Tage verkürzen, sind Impfstoff-Liefermengen nun wieder in aller Munde und abermals droht die Impfbereitschaft in der Bevölkerung an die Grenzen des von der Politik Machbaren zu stoßen, gerade zu dem Zeitpunkt, da eine reibungslose Booster-Kampagne das Land besser gegen die Omikron-Variante wappnen würde.

Lange Zeit war man bereit, den Verantwortlichen zuzugestehen, dass dieses Machbare doch sehr von Faktoren abhängt, die sich kaum beeinflussen lassen: Überraschende Mutationen des Virus, nicht vorhersehbare Zeithorizonte bei der Impfstoffentwicklung oder fehlende Instrumente zum Monitoring des Pandemieverlaufs.

Das Märchen von den 50 Millionen Dosen

Aber all diese Einschränkungen gibt es so gut wie nicht mehr: Wir haben verlässliche Impfungen, wissen, in welcher Weise sich das Virus verändern kann (und wird) und können unser Test-Regime darauf ausrichten. Und so mutet es unerklärlich an, wenn der neue Gesundheitsminister kurz nach Amtsantritt bei einer Inventur von Impfstoff-Vorräten und -Bestellungen feststellen muss, dass Versorgungslücken drohen. Mitten in der Booster-Kampagne: also währenddessen und nicht etwa davor.

Viele Ärzte waren im Spätherbst frustriert, weil ihnen die Bestellungen gekürzt wurden und sie Termine verschieben mussten, obwohl "50 Millionen Impfdosen herumliegen" sollten, wie ein Leipziger Allgemeinarzt die Situation zusammenfasste. Jetzt weiß man: Die Dosen lagen halt nicht rum.

Laut Medienberichten haben sowohl EU als auch Bundesregierung im Sommer Fristen verstreichen lassen, weitere Dosen jenes Impfstoffes zu ordern, dem die Ärzte im Land am meisten vertrauen – das ist der von Biontech. Der Sommer: Es war der zweite Sommer voll Hoffnung, Unbeschwertheit und Niedrig-Inzidenzen. Während man den Bürgerinnen und Bürgern es nicht verdenken kann, zu hoffen, dass diesen tollen Monaten nicht wieder ein langer Winter der Resignation folgt, muss man der Politik schon vorwerfen, die Augen vor der sich ankündigenden Realität verschlossen zu haben – voller Hoffnung etwa, das Virus würde nicht zum Nachteil der Menschheit vor sich hin mutieren.

Die ganzen Diskussionen darum, ob und wann man die Impfzentren schließen würde, wann sich eine epidemische Lage beenden ließe und die Rückkehr zur Normalität vollzogen sein könnte, haben nur fatale Zeichen ausgesendet.

Winter? Geht doch auch wieder vorbei

Eine Verzögerung der Impfkampagne jetzt wird die gleichen Folgen haben wie der Stotter-Start im letzten Winter beziehungsweise Frühjahr: Die Menschen werden Abstand nehmen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Weil der Impfschutz bei der Omikron-Variante nicht mehr so gut wirken soll. Weil es sowieso nicht genug Impfstoff gibt. Er bald angepasst werden soll. Der Winter eh auch wieder vorbeigeht.

Viele Menschen haben im Zusammenhang mit Omikron zudem schon die Verheißung der "milden Verläufe" vernommen – verdrängen aber, dass das Virus noch virulenter geworden ist und allein die mögliche große Zahl an Ansteckungen auch zu einer großen Zahl an Hospitalisierten führen wird. Die für eine Herden-Immunität notwendige Impfquote wird noch höher liegen. Dass sie erreicht werden kann, dafür ist die Gruppe beinharter Impfverweigerer, Impfpflicht hin oder her, sowieso zu groß.

Wir brauchen endlich eine Gesamtstrategie

Was wir jetzt brauchen, ist das, was wir immer schon gebraucht hätten, nur noch dringender: Eine Gesamtstrategie für die Impfkampagne und das Gesundheitssystem, von der Beschaffung der Vakzine bis zur Terminplanung der Impfungen und zur sinnvollen Förderung des Ausbaus intensivmedizinischer Kapazitäten. Es muss so viel Impfstoff herangeschafft und bestellt werden, wie zur Immunisierung und zur Auffrischung des Impfschutzes eines möglichst großen Anteils der Bevölkerung benötigt wird – sowohl jetzt als auch im kommenden Herbst.

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Warum wird nicht jede Bürgerin und jeder Bürger zu einem persönlichen Impftermin und/oder Beratungsgespräch eingeladen? Das ließe sich verbinden mit der Einführung einer allgemeinen Impfpflicht – denn nur wenn auch alle ihr ganz persönliches, ja, "Impfangebot" erhalten, hätte diese ihre Berechtigung. Ärzte müssen mit mehreren Wochen Vorlauf wissen, wie viel Impfstoff sie bekommen, um Patienten aus Risikogruppen impfen und Termine planen zu können. Zusätzlich muss es eine Infrastruktur von Impfstellen geben, die genau dann zur Verfügung steht, wenn man sie braucht, und nicht genau dann abgebaut wird.

Es wird immer wahrscheinlicher, dass wir noch über Jahre ein funktionierendes System zur Corona-Prophylaxe brauchen werden. Also bauen wir es auf! Ziel muss sein, dass Ende Oktober eines jeden Jahres maximal viele Menschen geimpft sind und ein robustes Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen gehen muss. Wenn es die Politik weiter versäumt, eine derartige Gesamtstrategie zu entwickeln, dann droht uns jeden November ein Murmeltiertag, an dem das Grauen verlässlich zurückkehrt.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 16. Dezember 2021 | 19:30 Uhr

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