Giffey-Vorschlag Notfalls trotz Corona-Infektion zur Arbeit? Das sagen Experten

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
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Berlins Regierende Bürgermeisterin, Franziska Giffey, machte den Vorschlag, symptomfreie Corona-Infizierte in bestimmten Berufen trotzdem weiter zu beschäftigen. Arbeitnehmer-Vertreter und Fachleute warnen jedoch vor nicht abschätzbaren Folgen für das Infektionsgeschehen.

Ein Mann nimmt ein Stäbchen für einen Corona-Schnelltest aus einer Hülle
Dass auch symptomlose Corona-Infizierte weiter arbeiten könnten, stößt bei Fachleuten auf Kritik. Bildrechte: dpa

Franziska Giffey (r, SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin
Franziska Giffey (SPD), Regierende Bürgermeisterin von Berlin. Bildrechte: dpa

Wer Corona-positiv ist, muss in Quarantäne. Denn Infizierte können auch ohne Symptome ansteckend sein. Doch Berlins Regierende Bürgermeisterin, Franziska Giffey, will Symptomlose im Notfall trotzdem arbeiten lassen – etwa allein an einer Maschine im Wasserwerk oder bei der Feuerwehr, um Brände zu löschen, wird sie zitiert.

VKU: Für Schlüsselpositionen denkbar

Ingbert Liebing, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), die viele Einrichtungen der kritischen Infrastruktur betreiben, begrüßt diesen Vorstoß ganz grundsätzlich: "Wenn wir als VKU diesen Vorschlag unterstützen, dann in dem Rahmen, dass es immer für bestimmte Schlüsselpositionen sowieso nur zum Einsatz kommen kann, symptomlose Infizierte zur Arbeit zu holen. Und das sind dann Funktionen, bei denen diese betroffenen Personen auch wirklich isoliert sind bei der Arbeit. Und solche Funktionen gibt es – in Leitstellen zum Beispiel."

Damit sei auch ausgeschlossen, dass Kolleginnen und Kollegen infiziert würden. Die Notfallpläne seien bereits so angelegt, dass die Mitarbeiter voneinander isoliert sind. Mancherorts gebe es sogar Feldbetten, um vor Ort zu übernachten.

Doch der Einsatz von symptomlosen Infizierten sei bisher nur rein hypothetisch. Die Unternehmen seien noch weit davon entfernt, zu solchen Mitteln greifen zu müssen, so Liebing. "Bis zu einem Personalausfall von 30 Prozent, sagen uns 90 Prozent der Unternehmen: Das schaffen wir."

Verdi kritisiert mangelnde Absicherung

Im stark betroffenen Berlin liegt der Ausfall nach Regierungsangaben momentan im Schnitt bei 15 Prozent. VKU-Hauptgeschäftsführer Liebing betont, dass die Unternehmen auf Freiwilligkeit setzen wollen.

Es sei nämlich bereits so, dass viele Betroffene signalisierten, dass sie arbeiten wollen. Doch genau darin sieht Andreas Splanemann von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi eines der großen Probleme an der Idee: "Wer sagt denn, ob jemand erkrankt ist oder ob er symptomfrei ist, ob er arbeitsfähig ist, ja oder nein? Das kann doch eigentlich nur ein Arzt nach eingehenden Untersuchungen feststellen und kann sagen: Dieser Mensch ist arbeitsfähig oder nicht, belastungsfähig bis zu einer bestimmten Grenze oder nicht. Das kann nicht ein Betroffener selber entscheiden. Nachher hat er irgendwas am Herzen und belastet sich übermäßig und bricht dann zusammen. Was ist dann mit den Folgen?"

Ein weiteres Problem, dass Splanemann anspricht, sind die Arbeitswege. Wer etwa die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen müsse, könne dort ebenfalls andere infizieren. Insgesamt sei Giffeys Vorstoß unausgereifter Aktionismus, bilanziert er.

Infektionsgeschehen könnte aus dem Ruder laufen

Es seien einfach zu viele Fragen offen. Das sieht auch der ehemalige Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Leipzig, Professor Uwe Gerd Liebert, ganz ähnlich. "Also ich glaube, dass die Vorschläge von Frau Giffey und anderen nicht bis zu Ende gedacht sind und ich hätte große Bedenken, die umzusetzen, weil die Infektionsgefahr besteht und das Infektionsgeschehen aus dem Ruder laufen kann."

Liebert ergänzt, dass es noch zu früh für derartige Vorschläge sei. Wenn einmal die endemische Situation erreicht sei, dann könne man in Einzelfällen solche Regelungen treffen, so der Virologe. Aber auch dann lösche kein Feuerwehrmann einen Brand ganz allein und ohne Kontakt zu anderen Menschen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Februar 2022 | 06:00 Uhr

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