Lernrückstände durch Corona Digitale Bildungsanbieter wollen Schülernachhilfe fördern

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Ein großer Verlierer der Corona-Pandemie steht schon jetzt fest: die Schülerinnen und Schüler. Bildungsexperten befürchten trotz Homeschooling große Lernrückstände. Der Bund will deshalb zwei Milliarden Euro bereitstellen, die Hälfte des Geldes soll in die Nachhilfe fließen. Auch digitale Bildungsanbieter haben nun ihre Hilfe angeboten. In einem offenen Brief an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und alle Länderminister wünschen sie sich einen Runden Tisch zum Thema Nachhilfe.

Eine Lehrerin sitzt mit ihren drei Kindern im Wohnzimmer, unterrichtet ihre Schüler einer Berufsschule im Distanzunterricht und hilft ihren Kindern bei ihren Aufgaben für die Schule.
Viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler greifen in der Pandemie auf digitale Lernangebote zurück. Bildrechte: dpa

Stephan Bayer kann mit beeindruckenden Zahlen für sein Unternehmen "sofatutor" aufwarten: anderthalb Millionen Nutzer pro Woche, 11.000 Lernvideos, 40.000 Übungen, 38.000 Arbeitsblätter, 250 Mitarbeiter, 10.000 Schulen. Bayer hat also Erfahrung, wenn es ums Lernen mit digitaler Hilfe geht: "Ich arbeite seit 13 Jahren an dem digitalen Lernangebot von sofatutor und habe während der Pandemie jeden vierten deutschen Lehrer als Nutzer auf der Plattform verzeichnet."

Ganz nebenbei gebe es zudem ein kostenloses Online-Weiterbildungsprogramm, an dem bis zu 5.000 Lehrerinnen und Lehrer pro Woche teilnähmen. "Das ist größer als jede staatliche Initiative, die es während der Pandemie gab." Bayer würde einfach gern Teil der Lösung sein: "Das beginnt damit, auch einmal Teil der Denkfabrik sein zu dürfen – die Denkfabrik, die über diese Staatsausgaben entscheiden möchte."

Digitale Bildungsangebote zum Ausgleich von Lehrermangel

Diese Denkfabrik soll ein Runder Tisch werden. So hat es Stephan Bayer mit einem Dutzend anderen Bildungs-Start-Ups und dem Bundesverband Digitale Bildung in einem offenen Brief den Bildungsministern von Bund und Ländern vorgeschlagen. Der Bund hatte in dieser Woche eine Milliarde Euro für die Nachhilfe zugesagt. Eine zweite Milliarde sollen die Bundesländer drauflegen.

Doch von Geld allein kann sich niemand Lehrer backen. Vielleicht ist der Online-Nachhilfelehrer der einzige, der den Kindern tatsächlich zur Verfügung steht. "Wir haben in Deutschland ja einen gravierenden Lehrermangel", sagt Bayer. Er findet, man könne gar nicht so viele Lehramtsstudenten und berentete Lehrer als Aushilfslehrer einstellen, um zwei Milliarden Euro sinnvoll zum Aufholen von Wissenslücken auszugeben. "Das heißt, wir müssen als Gesellschaft jetzt gemeinsam mit den Anbietern von Nachhilfe und den Anbietern von digitalen Bildungsmedien an einem Strang ziehen."

Länder entscheiden über Organisation der Nachhilfe

Bayer ist in der Nähe von Jessen in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und hat "sofatutor" 2009 online gebracht. Er sagt, digitale Lernangebote seien keine Zukunftsvision, sondern längst im Alltag von Schülern und Lehrern angekommen. Nur die deutsche Bildungspolitik hinke hinterher. Geht es nach Bayer, müssten digitale Angebote offiziell in den Unterricht eingebunden werden. So hätten alle Schülerinnen und Schüler Zugang, ohne dass ihre Eltern extra dafür zahlen müssten.

"Sofatutor" bietet Lehrern die Inhalte kostenlos an, Familien können es ab etwa 120 Euro im Jahr nutzen. "Beide Gruppen, Schüler wie Lehrer, können massiv davon profitieren, im eigenen Tempo mit Lernmedien wie Lernvideos und interaktiven Übungen zu arbeiten", erklärt Bayer. Denn so könnten ja alle Schüler in ihrem individuellen Tempo lernen und Lehrkräfte sie gezielt fördern und fordern. "Genau darum geht es doch jetzt: Es müssen individuelle Wissenslücken bei den Schülerinnen und Schülern aufgebessert werden."

Bayers Vorschlag mit dem Runden Tisch zur digitalen Bildung liegt jetzt bei allen Bildungsministerinnen und -ministern. Das Bundesbildungsministerium erklärt auf Nachfrage vom MDR, dass Nachhilfe sowohl in Präsenz als auch in Onlineformaten erfolgen könne. Anbieter könnten Volkshochschulen, Stiftungen, Vereine, Initiativen oder auch kommerzielle Nachhilfeanbieter sein. Organisieren müsse das aber jedes Bundesland allein.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Mai 2021 | 06:47 Uhr

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