Kommentar Freiräume für feiernde Jugendliche ermöglichen!

Alexander Laboda
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Kaum eine andere Gruppe hat so sehr unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie gelitten wie Jugendliche. Gegen feiernde junge Menschen in Parks und auf Plätzen mit Repression zu reagieren, greift deshalb zu kurz. Die große Mehrheit der Teenager und jungen Erwachsenen im Land braucht vor allem schnell wieder Freiräume – und mehr Unterstützung.

Jugendliche genieߟen den warmen Sommerabend an der Sachsenbrücke.
Jugendliche in Leipzig genießen eine Sommernacht. Bildrechte: dpa

Auf der Sachsenbrücke im Leipziger Clara-Zetkin-Park eskalierte die Open-Air-Party vieler junger Menschen zuletzt mehrmals in Folge. Am Wochenende musste die Polizei anrücken, unter anderem wegen eines Messerangriffs. Ähnlich die Lage in anderen deutschen Städten. Im Hamburger Stadtpark feierten circa 2.500 Jugendliche, die sich zu späterer Stunde um den Infektionsschutz keine Gedanken mehr machten. Einige Gewaltbereite bewarfen Einsatzkräfte mit Flaschen und Böllern.

Um es deutlich zu sagen: Diese Gewalttaten sind inakzeptabel. Selbstverständlich muss die Polizei entschlossen einschreiten, um Straftaten zu verhindern und aufzuklären. Besonders abstoßend sind die Angriffe auf Einsatzkräfte und Helfer. Einerseits.

Räumungen unverhältnismäßig

Andererseits ist der massive Einsatz von Polizei, um Aufenthaltsverbote durchzusetzen und Plätze zu räumen, unverhältnismäßig. Seit Beginn der Pandemie werden die Corona-Regeln größtenteils freiwillig befolgt und nicht durch Staatsgewalt erzwungen. Die Regeln ausgerechnet bei den Open-Air-Partys zumeist friedlicher junger Menschen durchsetzen zu wollen, ist genauso ungerecht wie lebensfremd. Währenddessen dürfen aktuell ja etwa Fußballfans europaweit feiern und das Virus über Grenzen verbreiten.

Nur mit Repression zu reagieren, ist aber auch deshalb unfair, weil gerade die Jugend in den vergangenen Monaten die größten Opfer gebracht hat. Sie haben auf Partys, Konzerte und Kontakte verzichtet, um die Älteren vor dem Virus zu schützen. Dabei ist ein Jahr im Leben eines Teenagers eine Ewigkeit. Im besten Fall waren die Jungen und Mädchen dabei nur zurückgeworfen auf die eigene Familie – ohne den so wichtigen Kontakt zum Freundeskreis. Im schlimmeren Fall litten sie unter häuslicher Gewalt, Einsamkeit und einem fehlenden Zugang zu Bildung.

Im jedem Fall war die Pandemie für die Lebenswelt und die Entwicklung junger Menschen ein schwerer Schlag, dessen weitere Auswirkungen auch Expertinnen und Experten derzeit noch kaum ermessen können. Wer kann es den Teenagern also verdenken, wenn sie die Sommerabende in Zeiten niedriger Inzidenzen vor allem fröhlich und mit ihresgleichen verbringen wollen?

Clubs öffnen, Kultur ermöglichen

Hier sind wir nun bei der Politik. Angesichts der Lockerungen in der Gastronomie oder beim Reisen ist es vollkommen unverständlich, warum vielerorts die Diskotheken und Musikclubs nicht längst wieder öffnen durften. In Sachsen-Anhalt ist dies immerhin schon geschehen. Es ist gut, dass Sachsen und Thüringen ab 1. Juli folgen. Diese Öffnungen ermöglichen das Feiern unter kontrollierten Bedingungen, in Sicherheit und mit Hygienekonzept. Wer das für weniger wichtig hält, dem sei gesagt, dass es hier nicht nur ums Vergnügen geht. Clubs sind Kulturstätten – seitdem der Bundestag das entschieden hat, steht die Clubkultur unter besonderem Schutz.

Bildung absichern

Vor dem Hintergrund einer drohenden vierten Welle im Herbst gibt es aber mehr zu tun. Um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene besser zu schützen, muss an den Kitas, Schulen und Universitäten endlich aufgerüstet werden. In den ersten Bundesländern haben die Sommerferien begonnen. Jetzt ist erneut die Zeit, um dort die von Fachleuten seit einem Jahr empfohlenen Luftfilter einzubauen oder andere bauliche Änderungen vorzunehmen. Zwar hat die Bundesregierung hierfür ein Förderprogramm aufgelegt. Das Geld muss nun aber ausnahmsweise mal schnell und unbürokratisch fließen.

Weitere Schulschließungen im Herbst oder Winter wären jedenfalls fatal. Zu stark hat die Pandemie die ohnehin empörende Bildungsungerechtigkeit im Land verstärkt. Anfang Juni beschloss die Bundesregierung hierzu immerhin ein Aktionsprogramm im Umfang von zwei Milliarden Euro. Unter anderem soll das Geld eingesetzt werden, um Lernrückstände aufzuholen oder Freizeitangebote auszubauen. Das ist ein guter Anfang. Wenn es hier weiteren Bedarf gibt, muss eine neue Bundesregierung noch mehr Mittel bewilligen.

Freiraum geben

Mit Geld allein ist der Schaden für unsere Kinder und Jugendlichen allerdings nicht behoben. Ihre Persönlichkeitsentwicklung wurde seit Ausbruch dieser Pandemie massiv erschwert. Neben Unterstützung brauchen Heranwachsende daher vor allem Freiräume. Das Feiern mit Gleichaltrigen gehört unbedingt dazu – inklusive mal friedlich über die Stränge zu schlagen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Juni 2021 | 06:11 Uhr

20 Kommentare

JanoschausLE vor 22 Wochen

Also ich bin in meiner Jugend nicht mordend durch Osteuropa oder die DDR gezogen. Sie unterstellen hier einer Generation absoluten Blödsinn.
Gewalt ging auch damals gar nicht. Das sollte in jeder Gesellschaft ein Grundcredo sein

Kritische vor 22 Wochen

Es gibt eben nicht "die" jungen Leute, ebenso wenig wie "die" alten. Es gibt unterschiedliche Menschentypen. Fakt ist, dass gewisse Dinge in diesem Land geduldet werden, die als "cool" oder was auch immer gelten, früher einfach eine Straftat waren (und eigentlich auch noch sind). Einerseits erwartet man sehr viel vom Staat, Sicherheit, saubere Luft, Gesundheitsfürsorge, Bildung, aber man ist nicht mehr bereit, etwas zu geben. Das zieht sich durch viele Bevölkerungsschichten. Leute gehen an den See, in den Park oder Wald, WEIL sie in die Natur möchten, zerstören diese aber gleichzeitig, indem sie auf dem Feld parken, auf dem Essen angebaut wird und das ihnen nicht gehört (Hauptsache, näher am See), indem sie Feuer anzünden, obwohl wir jedes WoEnde brennende Grasflächen haben, laute Musik anmachen, als wären sie allein und überall mit Glasflaschen und To-Go-Mist auftauchen und das dann hinterlassen. Das Problem sind fehlende Kontrolle und fehlende Strafen. Leider nützt nur das.

Kritische vor 22 Wochen

Nicht nur die Rentner, auch die Eltern mit Kindern nicht. Spielplätze mit Absperrband haben manchem Kind Angst und Schrecken eingejagt, ein diffuses Gefühl von "etwas ganz Schlimmes ist passiert" und "ich bin hier nicht erwünscht".

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