Kommentar Homeoffice: Recht nach Pflicht

Wolfgang Brinkschulte / MDR-Wirtschaftsexperte
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Die Diskussion um eine Abschaffung der Homeoffice-Pflicht geht weiter. BDI-Präsident Siegfried Russwurm forderte klare Kriterien für ein baldiges Ende. Bundesfinanzminister Olaf Scholz lehnt Forderungen nach einer frühzeitigen Aufhebung ab und die Grünen fordern ein Recht auf Homeoffice. Ein Kommentar von Wolfgang Brinkschulte.

eine Familie im Homeoffice
Seit der Corona-Pandemie arbeiten deutlich mehr Menschen von zu Hause aus. Bildrechte: picture alliance/dpa/Guido Kirchner

Die Arbeit im Homeoffice hat sich bezahlt gemacht. In jeder Hinsicht. Seit einem Jahr ist es quasi ein Notstandsinstrument zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Betriebs. Viele Unternehmen profitieren von der Improvisationsfähigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Pandemie hat es erzwungen, und die Beschäftigten haben bewiesen, dass sie über Nacht von zuhause aus arbeiten können.

Zukunft der Arbeit gestalten

Dabei ist die Arbeit für manchen eine Belastung gewesen und ist es noch. Mir ist die Steuerberaterin in Erinnerung, die von Zwangsarbeit sprach, und lieber sofort wieder ins bekannte Büro geflüchtet wäre. Und Familien, bei denen sich alles zuhause abspielt. Da sind in einigen Haushalten Hype und Horror nah beieinander.

Noch bleibt Homeoffice Alltag. Mindestens für wenige Wochen. Deshalb ist die Debatte, wie wir in den Büros der Zukunft arbeiten, überfällig. Erwartbar wie bei vielen Themen geht es kontrovers bis chaotisch zu. Dabei hat die Zukunft des mobilen Arbeitens schon lange vor der Pandemie begonnen. Die sollte jetzt nicht verspielt werden.

Die Art des Arbeitens ist jenseits von Katastrophen vor allem eine kulturelle Frage. Neben den bekannten Techunternehmen haben sich schon seit Jahren auch Mittelständler bei uns auf den Weg des mobilen Arbeitens gemacht. Wer heute gut ausgebildete und motivierte junge Fachkräfte gewinnen will, muss einen attraktiven Büroarbeitsplatz bieten. Und den heute selbstverständlichen Wünschen nach flexibler Arbeitszeit und flexiblem Arbeitsort gerecht werden.

Homeoffice hat sich bewährt

Flexible Office ist bei vielen schon ein alter Hut. Insofern kann man sich über die immer wieder hitzig geführte Diskussion, öffentlich wie in Unternehmen, nur wundern. Der Zug rollt in Richtung Homeoffice, die Pandemie hat ihn beschleunigt, ihn umzuleiten oder gar zu stoppen, wäre unwirtschaftlich.

Siemens, BMW, und SAP schon lange, haben die Signale klar auf Grün gestellt, und sie wissen warum. Nicht nur die Beschäftigten können profitieren, sondern vor allem klug kalkulierende Unternehmen. Flächen effizient nutzen, Büros entlasten.

Homeoffice hat sich in der Pandemie bewährt. Für viele Unternehmen der Rettungsanker. Es wird also Zeit für einen neuen Anlauf zum Recht auf Homeoffice. Klar, dass das auch Grenzen hat. Doch die 24 Tage im Jahr, die Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) seinerzeit vorsah, nehmen sich mit Blick auf das Pandemiejahr geradezu bescheiden aus. Niemand müsste, aber jeder könnte flexibler arbeiten. Es wäre gerade im Gegensatz zu alten Denkmustern in Unternehmen ein überfälliger Innovationsbeitrag. Denn die Pandemie hat auch gezeigt, dass Institutionen und Verwaltungen noch Nachhilfe in Sachen Homeoffice brauchen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juni 2021 | 06:30 Uhr

7 Kommentare

Bernd1951 vor 20 Wochen

Hallo aus Elbflorenz,
es ist m. E. schon etwas sehr vermessen, das Elend der schlesischen Weber mit der heutigen Situation der Arbeitnehmer im Home Office zu vergleichen.
Und ein Eingriff ins Privat- und Familienleben findet m. E. auch statt, wenn ich nicht zu Hause arbeite.

aus Elbflorenz vor 20 Wochen

Machen wir es kurz:
Verschiebung der Pflichten auf die Arbeitnehmer (Arbeitsplatz, Kommunikationsnetz Geräte, Materialien etc.)
Eingriff in Wohnung und Privatleben
Eingriff in Familienleben

oder in Zeiten des digitalen Totalirismus* die Heimarbeiter des 21. Jahrhunderts (bei Gerhart Hauptmann hießen sie noch die "Weber")

*taz (online): "Der digitale Totalitarismus Das Freiheitsversprechen des Internets ist tot. Derzeit erleben wir, wie digitale Revolution und Neoliberalismus vollends miteinander verschmelzen" (3.1.2017)

Bernd1951 vor 20 Wochen

Die Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten, ist m. E. ein erster kleiner Schritt auf dem Weg zur Verminderung der Umweltbelastung. Aber ich höre schon die Lobbyisten der Automobilindustrie und der Immobilienwirtschaft aufheulen, dass das nicht geht. Natürlich werden es einige Chefs nicht gerne sehen, wenn sie ihre Untergebenen nicht mehr persönlich beaufsichtigen können.
Die Frage ist für mich nur, warum man nicht früher schon auf diese Möglichkeit gekommen ist und es erst dazu eine Pandemie brauchte.
Obwohl ich habe gut reden, weil es mich auch wenn ich noch im Arbeitsleben stehen würde nicht so richtig betreffen würde.

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