Coronavirus Lauterbach: Die Lage ist viel schlechter als die Stimmung

Der Bund hat die Abschaffung nahezu aller Corona-Schutzmaßnahmen auf den Weg gebracht. Kommende Woche soll der Bundestag darüber beraten und das geänderte Infektionsschutzgesetz beschließen. Gleichzeitig gehen die Corona-Fallzahlen durch die Decke und auch die Zahl der Todesfälle steigt wieder. Bundesgesundheitsminister Lauterbach sieht die Verantwortung nun bei den Ländern.

Jördis Frommhold (l-r), Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, und Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, bei einer Pressekonferenz über die weitere Entwicklung in der Corona-Pandemie, zum Infektionsgeschehen und zur Impfentwicklung. Sie warnen vor mehr Corona-Toten in den nächsten Wochen.
Von links nach rechts: Jördis Frommhold (Lungenfachärztin Heiligendamm), Lothar Wieler (RKI) und Karl Lauterbach (Gesundheitsminister) zeigen sich unzufrieden mit der aktuellen Corona-Lage. Bildrechte: dpa

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat vor Sorglosigkeit angesichts des geplanten Wegfalls der Corona-Schutzmaßnahmen gewarnt. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit RKI-Chef Lothar Wieler und der Lungenfachärztin und Long-Covid-Spezialistin Jördis Frommhold sagte Lauterbach am Freitag: "Die Lage ist objektiv viel schlechter als die Stimmung."

Lauterbach: Omikron ist durchweg gefährlich

Die Infektionszahlen stiegen wieder stark an, sagte Lauterbach. Das mache ihm große Sorgen. Dass jeden Tag 200 bis 250 Menschen stürben, sei eine unhaltbare Lage, so Lauterbach. Er wandte sich auch gegen die Fehleinschätzung, dass Omikron milder sei als andere Varianten. Forderungen etwa nach einem "Freedom Day" beruhten auf "der Fehleinschätzung, dass Omikron niemandem mehr wirklich gefährlich werden kann". Noch immer würden viele Ungeimpfte sterben und auch Geimpfte könnten schwer erkranken durch die Coronavirusvariante. Hinzu käme die steigende Zahl an Long-Covid-Fällen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete den neunten Tag in Folge einen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz auf nun 1439 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Die Gesundheitsämter meldeten demnach 252.836 neue Fälle an einem Tag, registriert wurden zudem 249 weitere Todesfälle binnen 24 Stunden.

Lauterbach verteidigte zudem die von der Bundesregierung vorgeschlagenen Neuregelungen zu weiter möglichen Schutzmaßnahmen über den Frühling hinaus. Nach einem Entwurf für eine neue Rechtsgrundlage sollen allgemeine Basismaßnahmen möglich sein und weitergehende Eingriffsmöglichkeiten in "Hotspots" mit kritischer Infektionslage. Hintergrund ist ein Beschluss von Bund und Ländern, dass zum 20. März alle weitgehenden Alltagsbeschränkungen wegfallen sollen.

Verantwortung an die Länder delegiert

Lauterbach sagte, er erwarte wegen der Infektionslage solche "Hotspots" in zahlreichen Bundesländern. Auch ganze Bundesländer könnten "Hotspots" werden, so Lauterbach. Bereits in wenigen Tagen würden die künftig vorgesehenen Maßnahmen daher sehr schnell von den Ländern eingesetzt werden müssen. Er forderte die Landesregierungen auf, sich nicht mit Kritik an dem Gesetz aufzuhalten, sondern nun die Nutzung vorzubereiten. Mehrere Länder fordern mehr Schutzinstrumente.

Ohne Impfpflicht droht schlechter Herbst

Lauterbach betonte erneut, dass die allgemeine Impfpflicht unbedingt nötig sei, um neue breite Beschränkungen im Herbst zu vermeiden. Andernfalls werde man nicht klarkommen – oder noch schlechter dastehen als im Moment. Lauterbach erläuterte vier Szenarien, wie es mit dem Coronavirus weitergehen könnte:

  1. Omikron bleibt und verändert sich nicht.
  2. Omikron verändert sich und wird gefährlicher.
  3. Die Delta-Variante kommt wieder stärker zum Zug, was mit einer höheren Sterblichkeit einhergehen könne.
  4. Eine rekombinierte Variante wie in Großbritannien breitet sich aus.

Bei allen vier Szenarien brauche Deutschland die Impfpflicht, so Lauterbach. Argumente gegen die Impfpflicht seien wissenschaftlich falsch.

RKI-Chef Wieler sieht weiterhin "einen hohen Infektionsdruck auf die Bevölkerung". Der Anteil der Omikron-Subvariante BA.2 nehme weiter kontinuierlich zu und liege derzeit bei rund 50 Prozent der erfassten Fälle. Die Variante gilt als noch ansteckender als die erste Omikron-Variante. Die Hospitalisierungsrate steige vor allem bei den höheren Altersgruppen. Rund 2.000 Menschen lägen derzeit mit Covid-19 auf Intensivstationen; fast die Hälfte davon sei über 70 Jahre alt.

Expertin fordert Long-Covid-Kampagne

Die Lungenspezialistin Jördis Frommhold wies bei der Pressekonferenz darauf hin, dass Long Covid längst kein Einzelfall mehr sei. Menschen, die äußerlich fit wirkten, litten oft wochenlang unter chronischer Müdigkeit (Fatigue), Atembeeinträchtigung, demenzähnlichen kognitiven Einschränkungen oder Gelenkschmerzen. Selbst wenn diese Menschen nicht in den Krankenhausstatistiken auftauchten, so seien Probleme durch Arbeitsunfähigkeit eine enorme Belastung für die Betroffenen aber auch für die Gesellschaft, so Frommhold.

Sie forderte eine breit angelegte Kampagne, um über das Krankheitsbild Long Covid aufzuklären. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass die neueste Studienlage aus Israel darauf hindeute, dass das Risiko, Long Covid zu bekommen bei Geimpften um 68 Prozent reduziert sei im Vergleich zu Ungeimpften.

dpa(cvt)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL Hörfunk | 11. März 2022 | 11:00 Uhr

166 Kommentare

DER Beobachter vor 16 Wochen

Matador: Berichte zu Medikamenten gibt es genügend. Googeln Sie doch einfach u.a. unter "medikament covid". Dort finden Sie u.a. unter der vfa Informationen für zugelassen Medikamente und die Rahmenbedingungen. Zur Hospitalisierung u.a. die Tagesberichte des RKI, sogar nach Bundesländern. Die sagt allerdings relativ wenig aus. Mir fiel bspw. auf, dass manche Bundesländer wenig hospitalisieren, aber ganz viele Tote haben, andere, die viel hospitalisieren, "wenig" Tote haben (je auf je 100 000 EW)...,

Fakt vor 16 Wochen

@matador:

Ihnen ist nicht bekannt, dass ein Kommentar sowohl beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch in Printmedien nichts mit ausgewogener Berichterstattung zu tun hat? Ein Kommentar ist ein Meinungsbeitrag und spiegelt ausschließlich die Meinung des Verfassers wider. Oder wollen Sie dem Kommentator bei den Tagesthemen dessen Meinung verbieten?
Und doch, auch die öffentlich-rechtlichen Sender erfüllen ihren Auftrag - auch wenn es Ihnen offenbar gegen den Strich geht!

DER Beobachter vor 16 Wochen

Matador: Wenn ich es richtig verstehe, sind auch bei Ihnen gerade überdurchschnittlich Viele symptomatisch länger erkrankt? Dazu meine Frage: Was wären denn "die vorhandenen Alternativen"? Und wieso kommen Sie zu der Annahme, dass die Mediziner und Medizinforscher nicht bzw. weniger "den Fokus mehr auf die Behandlung" legen würden?

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