Coronavirus-Pandemie Weniger Corona-Fälle: Was war da los in Leipzig?

Leipzig als das "gallische Dorf" der Coronavirus-Pandemie ist Geschichte. Als die quasi letzte Großstadt in Deutschland ist auch sie nun Riskogebiet. Es bleibt jedoch interessant, warum gerade Leipzig mit vielen jüngeren, mobileren, studentischen Bewohnern bis dato besser durch die Pandemie gekommen zu sein schien. Es gab schon einige Thesen zur Erklärung. Eine allerdings hatte immer noch gefehlt – die nämlich, dass das Gesundheitsamt viele Fälle gar nicht gefunden haben könnte.

Leere Straßen und Plätz während der Coronakrise im April 2020
Der alte Marktplatz im Zentrum von Leipzig im April 2020: Sind die Leipziger anders? Bildrechte: MDR / Alexander Brabandt

Als "Insel im Corona-Risikogebiet" hatte die "Leipziger Volkszeitung" ihre Stadt vor einiger Zeit bezeichnet. Und in gewisser Hinsicht hat das lange gestimmt. Während am Montag vergangener Woche die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Leipzig bei 51,9 lag und das Umland als Risikogebiet galt, meldete die Stadt ihre erste Überschreitung der 35-er-Marke mit 35,1 Fällen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen.

Danach stieg dieser Wert auf 35,9 am Mittwochmorgen und auf 43 zu Beginn des Wochenendes. Am Sonntag lag dann die 7-Tage-Inzidenz in Leipzig bei 53,2, womit nun auch Leipzig als Risikogebiet gilt. Eine Sonderrolle kann die Stadt im bundesweiten Teil-Lockdown ohnehin nicht mehr spielen. Lange jedoch war sie in Corona-Ampelfarben anders – die letzte grüne, dann gelbe Insel in einem roten Meer.

Man könnte daraus etwas lernen, wenn klar würde, woran es überhaupt gelegen hat ...

Warum war Leipzig auf der Corona-Karte so lange grün?

Vielleicht habe Leipzig bisher nur Glück gehabt, mutmaßte Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie kürzlich bei MDR AKTUELL. Er und sein Kollege, der Jenaer Epidemiologie-Professor André Scherag, sprachen aber auch von einer Momentaufnahme, die man nicht überbewerten solle.

Auch in der "LVZ" und anderen Medien wurden Thesen aufgestellt, nachzulesen zum Beispiel in der "taz" oder auch hier. Die meisten der Erklärungsansätze fußen bisher auf den Einschätzungen von Markus Scholz, vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Universität Leipzig. Da gibt es unter anderem:

  • die Altersthese, wonach Leipzig einen Vorteil wegen seiner doch jüngeren Bevölkerung habe, in der es weniger schwere Verläufe gebe und deren Infektionen wegen fehlender Symptome seltener bekannt werden.

  • die Lage-These, wonach auch die mittlere Lage der Stadt – weiter abseits von Grenzen etwa zu Tschechien mit seiner starken Coronavirus-Ausbreitung – zu niedrigeren Inzidenzen beigetragen hat. Auch gebe es so weniger Pendler.

  • die Solidaritäts-These, wonach sich die Bürger der Stadt disziplinierter an Regeln halten. Diese dürfte am schwersten zu belegen oder zu widerlegen sein.

Die Test- und die Kontrollthese

Eine weitere These lautete, dass in Leipzig weniger getestet werde. Das ist schwer nachzuweisen, weil es dazu bisher noch keine vergleichbaren Zahlen gibt. Schwer zu ermitteln ist auch, ob Ärzte in Leipzig weniger testen oder seltener Tests verordnen, was Einfluss auf die Höhe der Fallzahlen hätte, die beim Gesundheitsamt ankommen.

Porträt von Corinna Pietsch
Corinna Pietsch | Universitätsklinikum Leipzig Bildrechte: Corinna Pietsch

Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung, Klaus Heckemann, kennt die Vorwürfe, dass Ärzte in Leipzig nicht selbst auf das Coronavirus testen und auf Teststationen verweisen. Er sagte MDR AKTUELL: "Das ist ein Problem und ich habe kein Verständnis dafür", auch weil diese Tests auf eigene Faust dann rund 140 Euro kosten würden.

Corinna Pietsch, kommissarische Leiterin der Krankenversorgung Virologie am Universitätsklinikum Leipzig, sagte MDR AKTUELL, man könne nur Annahmen über die Gründe der bisher geringeren Fallzahlen treffen. Für eine belastbare Aussage bräuchte es eine wissenschaftliche Analyse.

Immerhin warf die Virologin dabei auch die Frage auf, ob vielleicht "die Kontaktnachverfolgung irgendwo effizienter möglich" sei. Denn auch diese These gibt es, wonach das Leipziger Gesundheitsamt die Lage bisher gut unter Kontrolle hatte und infizierte Personen schnell finden konnte.

Erfahrungsberichte von Kontakten zum Gesundheitsamt

Den Verdacht, dass das so nicht stimmen könnte, legen Berichte von Kontakten zum Gesundheitsamt nahe. Ihren lesenswerten Einzelfall schilderte etwa Leonie Ziem dem Leipziger Stadtmagazin "Kreuzer". Er rückt nicht nur die Altersthese in einen etwas anderen Blick. Er gibt auch Hinweise auf eine mögliche Überforderung des Leipziger Gesundheitsamts – schon vor dem aktuellen Anstieg der Fallzahlen.

Nach wie vor funktioniert die Kontaktverfolgung.

Martina Menge-Buhk, Stadt Leipzig "Leipziger Volkszeitung", 23. Oktober 2020

Auch den MDR erreichten solche Hinweise. Trainer der Jugend-Mannschaft eines größeren Leipziger Sportvereins schilderten etwa, dass sie tagelang bei der Behörde angerufen hätte. Es seien immer Rückrufe versprochen worden, die nie gekommen seien. Erst Ende der Woche, an deren Anfang ein Spieler positiv getestet worden sei, habe man jemanden erreicht. Eine Kontaktverfolgung und weitere Reaktionen dürften – wenn überhaupt – also erst eine Woche später begonnen haben.

Eigene Versuche der Redaktion bestätigten, dass das Gesundheitsamt nicht leicht zu erreichen war. Eine Hotline-Nummer findet sich auf Internetseiten der Stadt nicht. Wer den zentralen Bürgerservice unter 0341-123-0 anruft, kommt früher oder später an, das aber kann Ausdauer kosten. Eine Durchwahl zum Gesundheitsamt findet sich hier:

Weniger Tests = weniger Fälle

Weiterer Einzelfall ist der einer Leipziger Schule, in der eine pädagogische Fachkraft die Leitung von ihrem positiven Test informiert hatte. Am zweiten Tag zahlreicher Versuche, das Gesundheitsamt zu erreichen, telefonisch und schriftlich, hat sich das Amt nach Auskunft einer Sekretärin dann gemeldet. Ob sich das Amt von selbst bei der Schule gemeldet hätte, bleibt dabei offen. Anordnungen von Tests habe es bei einer Liste von mehr als 30 Kontaktpersonen nicht gegeben, berichtete die Sekretärin. Das Amt habe geraten, nur bei Symptomen zum Arzt zu gehen. Eine weitere pädagogische Fachkraft, die sich nicht gut fühlte, tat das und bekam prompt ein positives Ergebnis.

Der Verdacht ist also nicht ganz abwegig, dass weitere Infektionen ohne stärkere Symptome hier nicht entdeckt worden sind. Beispiele für solche Abläufe gibt es auch anderswo, etwa das einer Behinderten-Wohnstätte in Schleiz in Thüringen, wo Bewohner nur leichte Symptome hatten. Hier kritisierte der Amtsarzt des Kreises, dass Ärzte mehrmals dort gewesen seien, aber niemand getestet worden sei. Erst nach dem positiven Test einer Mitarbeiterin sei das Gesundheitsamt eingeschaltet worden. Inzwischen wurden 15 Bewohnern und acht Mitarbeiter als infiziert bestätigt.

Ausstattung erscheint ausreichend

Die reine Kontaktverfolgung scheint in Leipzig aber zu funktionieren. So waren nach Angaben der Stadt beim Gesundheitsamt zuletzt schon 150 Leute dabei im Einsatz, während es in Dresden der Stadt zufolge nur 41 waren und gerade mal 13 in Halle. Auch mit Blick auf die Einwohner- und Fallzahlen steht Leipzig damit gut da.

Fraglich ist allerdings, ob die Kontaktverfolgungen überhaupt so viel bringen, wenn etwa nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei 75 Prozent der gemeldeten Fälle der Ansteckungsweg ohnehin nicht nachvollziehbar ist.

Gibt es eine höhere Dunkelziffer?

Interessanter wäre auch eher, was ein Gesundheitsamt tut, wenn es einen Kontakt gefunden hat, ob etwa Tests angeordnet werden oder nicht. Sollte es in Leipzig schon länger eine höhere unentdeckte Dunkelziffer geben, hätte sich das allerdings auch an im Verhältnis schon höheren Zahlen an Covid-19-Patienten im Krankenhaus oder an mehr Todesfällen zeigen müssen. Das war in Leipzig aber bisher nicht der Fall.

Allerdings legen Studien nahe, dass sich bis Ende September eher jüngere Menschen angesteckt haben. Deshalb könnte es weniger schwere Krankheitsverläufe gegeben haben und aus Mangel an Symptomen auch mehr unentdeckte Infektionen.

Nach Angaben der Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, ändert sich das aber jetzt. Auch ältere Menschen werden demnach wieder häufiger angesteckt, was nach etwa zwei Wochen zu mehr Todesfällen führen werde. Auch können von den ersten Symptomen bis zu einer möglichen Aufnahme auf einer Intensivstation einige Wochen vergehen.

Ob es eine höhere Dunkelziffer in Leipzig gegeben hat, müsste sich also bald zeigen.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27. Oktober 2020 | 12:30 Uhr

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