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Büffeln in den Sommerferien – für viele Schülerinnen und Schüler ist das in diesem Jahr Realität. Bildrechte: imago images/photothek

Bildungsoffensive nach Corona-JahrSo werden Schülerinnen und Schüler in den Ferien unterstützt

von Ine Dippmann, MDR AKTUELL

Stand: 14. August 2021, 10:06 Uhr

Geschlossene Schulen, Wechselunterricht und Homeschooling haben das vergangene Schuljahr geprägt. Die Bundesregierung hat darum im Frühjahr das Förderprogramm "Aufholen nach Corona" aufgelegt. Rund zwei Milliarden Euro stehen zur Verfügung, um Kinder und Jugendliche beim Lernen zu unterstützen. Doch wie nutzen die Bundesländer die Gelder in den Sommerferien?

August, die Sonne scheint, aber Luka, Antonia und Lucy genießen diesen Ferientag nicht mit Freunden. Sie büffeln. Eine Woche verbringen sie im Lerncamp in der Jugendherberge in Naumburg in Sachsen-Anhalt. Das Angebot richtet sich an gut 20 Siebt- und Achtklässler aus Haupt- und Realschulen im Burgenlandkreis. Bei Lucy aus Freyburg klemmt es nach dem Corona-Jahr in fast allen Fächern, sagt sie, vor allem in Mathe und Englisch. "Es ist ungewohnt, weil: eigentlich sind Ferien. Und da will man eigentlich draußen mit Freunden etwas machen und wir sitzen hier in einem Raum und haben Schule."

Nachholunterricht über die Bilungsoffensive

Das Lerncamp ist das erste von dreien, die das Kultusministerium des Landes für die Sommerferien angeschoben hat, gemeinsam mit dem Jugendherbergswerk, der Volkshochschule und dem Verein Ballkids, der die Betreuer stellt. "Was wir hier erleben ist der Pilot, in dem wir erste Erfahrungen sammeln wollen, wo wir die Angebote noch spezifizieren müssen und wo wir vielleicht auch noch zielgenauer arbeiten können", sagt Kultusminister Marco Tullner bei einem Besuch.

Lerncamps für Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt

Für den Landeselternrat in Sachsen-Anhalt kommt das Angebot reichlich spät, sagt Thomas Senger, der stellvertretende Vorsitzende. Mit gerade einmal sechs Wochen Vorlauf sind die Lerncamps organisiert worden. Renate Schlüter, Leiterin der Volkshochschule Burgenlandkreis sagt, es sei eine Herausforderung gewesen, aufgrund des Bedarfs den Unterricht zu gestalten und die passenden Lehrkräfte zu finden. Für künftige Camps wünscht sich Renate Schlüter, den Schülerinnen und Schülern noch passgenauere Angebote machen zu können. "Die Lehrer haben mir zurückgemeldet, dass die Kinder begeistert sind, dass sie Spaß haben, dass der Freizeitbereich natürlich auch ganz wichtig ist." Dass auch Themen wie Motivation und das Lernen selbst berücksichtigt werden, sei in der Kürze der Zeit aber nicht machbar gewesen.

Das Kultusministerium plant allerdings nach den ersten Erfahrungen nachzusteuern und solche Lerncamps in den kommenden Herbst- und Winterferien in Sachsen-Anhalt wieder anzubieten.

Nur vereinzelte Sommer-Lern-Angebote in Sachsen

Sachsen hat bislang davon Abstand genommen. "Da sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler nach einem herausfordernden Schuljahr die Ferienzeit zur Erholung nutzen sollten, soll es nicht darum gehen, eine Sommerschule wie im vergangenen Jahr zu organisieren", sagte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) zum Ende des Schuljahres.

Vereinzelt werden aber trotzdem Sommercollege-Angebote in Eigeninitiative organisiert, zum Beispiel in Auerbach im Vogtland. Wie bereits im vergangenen Jahr können dabei Jugendliche für zwei Wochen in lockerer Atmosphäre und unter fachlicher Begleitung Lernrückstände aufholen.

Ferienkurse und Nachhilfe-Unterricht für Kinder in Thüringen

In Thüringen finden nach Angaben des Kultusministeriums vor allem in den ersten zwei und letzten zwei Ferienwochen bildungsunterstützende Ferienkurse statt. Eine im vergangenen Jahr aufgebaute Matching-Plattform hilft Schulen Nachhilfelehrer, Vereine und andere Institutionen zu finden, die solche Kurse anbieten. Mehr als 1.200 Angebote sind dort eingestellt. Claudia Koch, Sprecherin der Landeselternvertretung Thüringen, sagt: "Spannend wird es, wenn es an die Umsetzung an der Basis geht: Machen das die Schulen tatsächlich, wie aufwändig ist das für die Schulen, was kommt wirklich bei den Schülerinnen und Schülern an?"

Eltern nützt diese Plattform allerdings nichts – sie müssen bei ihrer Schule nachfragen, welche Kurse angeboten werden. Wie die genutzt werden, müsse noch ausgewertet werden, heißt es aus dem Kultusministerium. "Viele Kurse werden im sportlichen und musisch-künstlerischen sowie im naturwissenschaftlichen Bereich angeboten." Konkrete Wissenslücken zu füllen, hat dabei nicht immer oberste Priorität. Die Schülerinnen und Schüler wieder an feste Tagesstrukturen heranzuführen, ihre Neugier zu wecken und sie zu bestärken, sich in neuen Themen und Formaten zu erproben, sei ebenso wichtig wie Freiraum für Bewegung und Kreativität, Begegnung und Gespräche zu schaffen.

Yoga machen und zwischendurch Lesen und Schreiben üben, ein bisschen Rechnen und zwischendurch in der Sporthalle austoben – so sehen zum Beispiel Ferienkurse an der Grundschule Schöndorf aus. Dort freuten sich die Kinder schon auf die kommende Woche, wenn Tasifan, ein Zirkusprojekt aus Weimar zu Gast ist und nebenbei etwas Mathe- und Deutschförderung auf dem Programm steht, erzählt Hortkoordinatorin Heike Rüdiger.

Wie geht es im neuen Schuljahr weiter?

Wie groß die Wissenslücken bei den Schülerinnen und Schülern sind, die im vergangenen Schuljahr gerissen worden sind, das ist noch nicht klar, gesteht Sachsen-Anhalts Kultusminister Tullner ein. Das müsse im kommenden Schuljahr ermittelt werden. In Sachsen und Thüringen ist das nicht anders.

Aus dem sächsischen Kultusministerium heißt es dazu, schon zum Ende des vergangenen Schuljahres hätten sich Lehrerinnen und Lehrer einen Überblick darüber verschafft. Der Prozess soll im neuen Schuljahr fortgesetzt und intensiviert werden. "Dazu hat das Landesamt für Schule und Bildung den Lehrkräften Unterstützungsinstrumente an die Hand gegeben. Im Fokus stehen dabei die Übergangsklassen, also die Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel Übergänge in weiterführende Schularten zu meistern haben." Das Landesamt für Schule und Bildung hat den Lehrkräften dafür diagnostische Testaufgaben, Lösungen und Hinweise bereitgestellt. Es sind Angebote zur Lernstandserhebung in ausgewählten Fächern am Ende der Schuleingangsphase zu Beginn der Klassenstufen 3, für die Klassenstufe 5 der Oberschulen und Gymnasien und für die Klassenstufe 11 an Beruflichen Gymnasien und Fachoberschulen.

Landeselternräte fordern Prüfung der Lerndefizite

Doch das reicht vielen Eltern nicht. André Jaroslawski, der stellvertretende Vorsitzende des Landeselternrates Sachsen, sagt: "Unsere Erwartung ist, dass in allen Klassenstufen Lernstandserhebungen stattfinden und dass sie verpflichtend sind." In den ersten zwei Monaten des Schuljahres sollte das passieren. Der Landeselternrat erwarte, so Jaroslawski, "dass es letzten Endes auch evaluiert wird. Dass wir sachsenweit Bescheid wissen, bis zum letzten Schüler, bis zur letzten Schülerin wo wer wie steht und was wo wie getan werden muss, um das aufzuholen, was im Corona-Jahr verloren gegangen ist."

In Sachsen-Anhalt ist der Landeselternrat etwa geduldiger und will den Schulen bis zum Ende des Jahres Zeit geben. "Aber bevor man anfängt, irgendwelche Dinge umzusetzen, muss man prüfen, inwieweit Lerndefizite bei dem Einzelnen da sind", so Thomas Senger.

Auf die Lernstandserhebung pocht auch die Landeselternvertretung in Thüringen. "Das muss aber unserer Auffassung nach unbenotet am Anfang des Schuljahres flächendeckend stattfinden, so dass jedes Elternhaus, jedes Kind auch jeder Lehrer weiß, wo steht das Kind, wo sind Defizite da, wo sind Sachen, die das Kind besonders gut beherrscht hat", sagt Claudia Koch.  

GEW reagiert mit Zurückhaltung  

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft reagiert man zurückhaltend auf diese Forderung. Eva Gerth, die Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen-Anhalt, erklärt, es sei das tägliche Geschäft von Schule, Lernstände zu ermitteln und darauf zu reagieren.  "Die Curricula sind oftmals so aufgebaut, dass bestimmte Sachen wiederkehren, dass ich vor einem neuen Stoffgebiet, was ähnliche Inhalte etwas erweitert betrachtet, noch eine Wiederholung starte, die Klasse einen Test schreiben lasse und gucke, wie weit sind die, was müsste ich da wiederholen." Ob das ausreicht?

Elternvertreter Senger sagt: "Nein, in der Form, in der das bisher erfolgt ist, sicherlich nicht." Es brauche eine ganz andere Sichtweise. "Mit einem Test kann ich ja nur ein kleines Gebiet abdecken, wo ich dann prüfe, hat der Schüler diesen Lernstoff aus diesem Gebiet verinnerlicht. Aber hier geht es ja um ein ganzes Jahr Unterrichtsstoff."

Wohin soll das Geld aus dem Fördertopf "Aufholen nach Corona" fließen?

Thüringen

Der Freistaat will die Schulbudgets aufstocken. Damit können Schulen externe Honorarkräfte akquirieren, um beispielsweise unterrichtsbegleitende AGs am Nachmittag anzubieten. Derzeit werden die rechtlichen Voraussetzungen für die Umsetzung geschaffen, heißt es aus dem Kultusministerium. Dafür werden auch Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern, Studierende, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, Fachkräfte von Trägern der Jugendarbeit, pädagogisches Personal von Einrichtungen der Erwachsenenbildung, ehemalige Lehrkräfte, ältere Schülerinnen und Schüler oder auch bisherige Kooperationspartnerinnen und -partner für den Ganztag und außerschulische Angebote, also etwa Trainerinnen und Trainer, Übungsleiterinnen und Übungsleiter uvm. angesprochen.

"Schön wäre es, wenn wir das, was wir in der Pandemie gelernt haben, verstetigen", sagt die Thüringer Elternvertreterin Claudia Koch. Das digitale Lernen müsste weiter forciert werden, sodass Klassen bei Bedarf etwas entzerrten werden können.

Sachsen-Anhalt

Die zusätzlichen Gelder aus dem Bundesprogramm werden verschiedene Maßnahmen ergänzen, die das Land zur Beseitigung von Lernrückständen bereits nutzt, heißt es aus dem Kultusministerium. In den kommenden beiden Jahren würden insgesamt etwa 50 Millionen Euro aufgewendet. Die Schulen sollen ermutigt werden, sich bei Bedarf Unterstützung von außen zu holen: von Nachhilfe-Anbietern, Vereinen, Lehramtsstudierenden und pensionierte Lehrkräften.

Schon Anfang Mai sind allen öffentlichen allgemeinbildenden Schulen zusätzliche Mittel in Höhe von 31 Euro pro Schülerin oder Schüler zur Verfügung gestellt worden.

Sachsen-Anhalt gibt den Schulen darüber hinaus mehr Freiräume bei der Nutzung der Budgets für Ganztagsschulangebot. GEW-Chefin Gerth: "Was ich kritisch sehen würde ist, wenn das Geld, das jetzt von Bund und Ländern zur Verfügung gestellt wird, nur in die privaten Nachhilfeinstitute geht. Das kann eine sinnvolle Ergänzung sein, aber das Geld sollte den Schulen zur Verfügung gestellt werden, zum Beispiel um einmal in der Woche Ganztagsangebote zu machen und dort Förderangebote zu machen und zwar im normalen Unterricht." Sie gibt zudem zu bedenken, dass die Konzeptentwicklung als auch die Absprachen mit außerschulischen Partnern Zeit erfordern. "Und diese Zeit haben Lehrkräfte nicht mal so nebenbei."

Neben den Lerncamps setzt Sachsen-Anhalt auf digitale Angebote zum Abbau von Lernrückständen, auch solche von externen Partnern. "Derzeit wird auch auf der Ebene der Kultusministerkonferenz über die konkrete Kooperation mit externen Partner verhandelt", heißt es aus dem Ministerium. Durch den Ausbau der Webakademie durch das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung (LISA) sollen zusätzliche Lernförderangebote geschaffenen werden, die den Schulen unkompliziert zur Verfügung stehen. Digitale Lernplattformen können hilfreich sein, sagt Thomas Senger vom Landeselternrat: "Aber auch hier haben wir das Problem: die Lehrer müssen es nutzen. Und aus der Vergangenheit wissen wir, dass das nicht jedem Lehrer liegt."

Sachsen

Zum gezielten Abbau von individuellen Lernrückstanden stehen Sachsen aus dem Bundesprogramm "Aufholen nach Corona" Mittel in Höhe von insgesamt 47,5 Millionen Euro zur Verfügung. Der Freistaat Sachsen ergänzt das Programm mit entsprechenden Maßnahmen in gleicher Finanzhöhe. Das Geld dafür kann bereits beantragt werden, dafür wurde am 5. Juli eine Servicestelle im Landesamt für Schule und Bildung eingerichtet. Sie berät und unterstützt die Schulen bei der Organisation und finanziellen Abwicklung.

Unterrichtsergänzende und unterrichtsintegrierte Förder- und Nachhilfeangebote an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen sollen ab dem Schuljahr 2021/2022 ergänzend zum Unterricht oder als unterrichtsintegrierte Elemente stattfinden.

Die Mittel für Ganztagsangebote werden um 15 Millionen Euro auf rund 63 Millionen Euro aufgestockt. Die zusätzlichen Gelder werden den Schulen im neuen Schuljahr zugewiesen und sollen vor allem für Ganztagsangebote zum Abbau von Lernrückständen der Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden. Das können zum Beispiel auch Maßnahmen zur Lernmotivation und zur sozialen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler sein.

Zusätzliche Schulassistentinnen und -assistenten sollen die Lehrkräfte unterstützen, indem sie einzelne Schülerinnen und Schüler oder Schülergruppen bei Vertiefungs- und Förderangeboten außerhalb des Unterrichts oder in Ergänzung zur Stundentafel helfen und begleiten. Ziel ist auch hier der Abbau von Lerndefiziten bei Schülerinnen und Schülern. Dazu wurden für das kommende Schuljahr neben dem regulären Aufwuchs zusätzlich knapp 200 weitere Stellen für Schulassistentinnen und -assistenten neu ausgeschrieben, insgesamt 257.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 14. August 2021 | 06:07 Uhr