Schulschließungen Infektionen im Klassenzimmer

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Die sogenannte "Bundesnotbremse" soll am Mittwoch im Bundestag beschlossen werden. Im Vorfeld hat die Bundesregierung noch mal nachgebessert. Ein Ergebnis: Schulen sollen ab einer Inzidenz von 165 geschlossen werden. Den einen Kritikern ist dieser Wert nun zu hoch, den anderen zu niedrig. Und die Frage bleibt: Welche Rolle spielen denn nun Schulen im Pandemiegeschehen?

Collage: Eine Schülerin einer 12. Klasse schreibt während einer Unterrichtsstunde an der Max-Planck-Schule auf ihrem Tablet. Stühle sind in einem leeren Klassenzimmer auf Tische hochgestellt.
In Sachsen liegt die Inzidenz aktuell deutlich über dem Wert von 165. Bildrechte: dpa | Grafik MDR

In Halle haben sich in der vergangenen Woche 74 Kinder zwischen 0 und 14 Jahren mit dem Coronavirus infiziert. In Bautzen waren es 84 und vielerorts in Mitteldeutschland machen Kinder gut ein Sechstel aller Infizierten aus. Das zeigen Zahlen des Robert Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamts. Immer mehr Studien belegen: Kinder und Jugendlichen sind Teil des Infektionsgeschehens – zumindest in stärkerem Ausmaß als lange gedacht.

Das liege auch an der britischen Mutante, sagt Professor Reinhard Berner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: "Die neue Variante, von der wir reden, ist ansteckender. Da stecken sich auch Kinder und Erwachsene leichter an. Aber es ist nicht so, dass die Kinder jetzt die Infektiösen wären, an denen sich alle andere anstecken. Die Kinder nehmen am Infektionsgeschehen teil." Dennoch hält Berner das Infektionsrisiko in Schulen für niedrig – wenn alle Hygieneregeln durchgängig eingehalten werden.

Ansteckungsrisiko im Klassenzimmer

Wie hoch die Ansteckungsgefahr in Klassenräumen ist, haben Wissenschaftler der TU Berlin berechnet. Demnach liegt das Ansteckungsrisiko bei Wechselunterricht, Masken- und Abstandspflicht und regelmäßigen Lüften bei einem R-Wert von 2,9. Der bundesweite R-Wert liegt derzeit bei ungefähr 1,06. Mit den Mutationen würde das Ansteckungsrisiko in Klassenzimmern noch weiter steigen. Doch so oder so sei die Inzidenz in Deutschland gerade so hoch, dass Maßnahmen getroffen werden müssten, erklärte RKI-Präsident Lothar Wieler vergangene Woche.

Die hohe Inzidenz macht auch Uschi Kruse, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen, Sorgen. 165 sei zwar ein politischer Wert und kein wissenschaftlicher, doch sei sie mittlerweile angesichts der hohen Inzidenzwerte in Sachsen für eine Schließung: "Für Sachsen wäre aber – das muss man ganz ehrlich sagen – die 165 schon ein wirklich wichtiges Zeichen einer Notbremse. Wir brauchen dringend eine Haltelinie."

Kritik an den Schulschließungen

Nadine Eichhorn machen die geplanten Schulschließungen wütend. Die stellvertretende Vorsitzende des Landeselternrat Sachsen findet, die Schulen sollten offen bleiben: "Wir sehen, dass die Schulen das Infektionsgeschehen im Großen und Ganzen abbilden. Es wäre die ganz, ganz dringliche Bitte und Forderung, dass man hier sagt, die Bildungseinrichtungen sind es uns wert, dass in anderen Bereichen Einschnitte hingenommen werden."

Etwa in Form einer generellen Homeoffice-Pflicht für Unternehmen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin kritisiert die neuen Schulschließungen. Für Vorstandsmitglied Berner sind sie unerträglich: "Auf dem Rücken der Kinder wird ausgetragen, dass der Rest der Gesellschaft versucht, möglichst wenige Einschränkungen aushalten zu müssen."

Ausgangsbeschränkungen würden aufgeweicht, damit die Erwachsenen längere Ausgangszeiten bekämen, aber Schulen würden geschlossen, sagt Berner. Obwohl die Kinder von den Infektionen selten schwer betroffen seien, trügen sie die schwerste Last in der Pandemie. Die Kinder- und Jugendmediziner fordern: Schulen müssten zuletzt geschlossen und als erste geöffnet werden.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: 21. April 2021 | 08:06 Uhr

51 Kommentare

MDR-Team vor 2 Wochen

Critica,

dass die Zahlen bei älteren Menschen sinken, hat einen einfachen Grund. Die Über-80-Jährigen sind zu großen Teilen geimpft. Es kommt zu weniger Infektionen. Es kommt zu weniger schweren Verläufen.

Dass die Zahlen bei Kindern und Jugendlichen steigen, hat einen einfachen Grund. Die Schulen sind nach dem Lockdown im Winter wieder geöffnet worden. Dort sitzen Kinder und Jugendliche auf engem Raum beieinander. Das führt dazu, dass z.B. in Sachsen der Inzidenzwert bei Kindern und Jugendlichen teils mehr als doppelt so hoch liegt, wie bei der Gesamtbevölkerung.

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/corona-jugendliche-infektionen100.html

Die MDR.de-Redaktion

Critica vor 2 Wochen

Sozialberuflerin, wenn Sie die Pandemie verfolgt haben, wird Ihnen aufgefallen sein, dass es immer ein bestimmtes Zeitfenster für gewisse Altersgruppen gab, am Anfang die Heimbewohner, also alte Menschen. Jetzt sind die Kinder und Jugendlichen dran.
Es könnte durchaus sein, dass Wissenschaftler/Forscher gelegentlich ein gesteigertes Intereresse an verschiedenen Altersgruppen haben...

Querdenker vor 2 Wochen

Die Kinderärzte und die fehlenden Schnupfnasen im Wartezimmer.

siehe „news4teachers Kinderärzte klagen über Einnahmeausfälle – und fordern: Schulen umgehend weit öffnen“

siehe „spiegel Corona Kinderärzte fürchten Pleitewelle“

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