Coronavirus Kritik an Lauterbachs Empfehlung zur vierten Impfung

Mediziner aus Mitteldeutschland kritisieren die Empfehlung von Gesundheitsminister Lauterbach zu einer vierten Corona-Impfung für alle. Das Mitglied der sächsischen Impfkommission, Michael Borte, sagte MDR AKTUELL, eine vierte Impfung sei derzeit nur für Ältere und Risikogruppen sinnvoll. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Klaus Heckemann, kritisierte das Vorpreschen des Gesundheitsministers.

Impfausweis mit dem Eintrag von vier Impfungen gegen Covid-19
Einen angepassten Impfstoff gegen Omikron wird es vermutlich in wenigen Wochen geben. Bildrechte: IMAGO / Friedrich Stark

Der Gesundheitsminister meine es gut, glaubt Michael Borte, Mitglied der sächsischen Impfkommission und Direktor des ImmunDefektZentrums am Leipziger Klinikum St. Georg: "Ich würde ihm eine gute Intention unterstellen, um Impfungen weiter akzeptabel zu machen in der Bevölkerung." Doch Lauterbachs Vorstoß zur vierten Impfung hält Borte nicht für zielführend: "Wenn unterschiedliche Meinungen postuliert werden, ist es sicher schwierig und schafft Verwirrung in der Bevölkerung."

Borte sieht die Sache wie die Ständige Impfkommission (Stiko): Sinnvoll sei die vierte Impfung für Ältere ab 60 oder 70 und für jüngere Menschen, die immungeschwächt sind oder andere Risikofaktoren haben. Für alle anderen rät er zum Abwarten: "Aus fachlicher Sicht – und da gibt es genügend Studiendaten – muss man wirklich sagen, würde eine vierte Impfung für einen immungesunden 40-Jährigen zum Beispiel wenig Sinn ergeben. Da kann man das Immunsystem nicht weiter ausreizen. Da passiert nicht viel und diese Gruppe sollte wirklich auf den neuen, angepassten Impfstoff warten."

Angepasste Impfstoffe in wenigen Wochen

Auch Klaus Heckemann, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, sieht derzeit abgesehen von Risikogruppen keinen Anlass für eine vierte Impfung. Schließlich kämen die angepassten Impfstoffe schon in wenigen Wochen: "Wenn ich jetzt jemanden meinetwegen Anfang August impfe und ich habe in der zweiten Septemberwoche den neuen Impfstoff: Kann ich denn dann wieder impfen? Ist das dann richtig oder eher ungünstig", fragt sich Heckemann.

Dass der Gesundheitsminister mit seiner Empfehlung einer vierten Impfung für alle so vorgeprescht ist, gefällt auch Heckemann nicht: "Wenn irgendwo Fachleute mit ganz unterschiedlichen Informationen in den Medien zu Wort kommen, dann ist das einfach schlecht. Ob man das anders machen kann, weiß ich nicht, aber man sollte es zumindest nicht noch aktiv befeuern, dass man hier die Leute verunsichert."

Zeitverzug bei Stiko-Empfehlungen

Dabei sei es durchaus möglich, dass Lauterbach oder einzelne Ärzte zu einer anderen Meinung als die Stiko kämen, betont der zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen, Thomas Schröter.

Bei den Stiko-Empfehlungen gebe es immer einen gewissen Zeitverzug, da sie nicht bereit wären, aufgrund erster Studien ihre Empfehlung zu ändern. "Es kann schon sein, dass Herr Lauterbach zum Schluss dann eben recht hatte. Es kann aber auch sein, dass er vielleicht mit seinem Schnellschuss zu vorschnell war und sich zum Schluss korrigieren muss. Das ist das Problem dabei, also die Kommunikation ist etwas unglücklich, wenn man Bundesgesundheitsminister ist. Das ist in dieser Funktion nicht besonders hilfreich für die gesamte Impfkampagne", erklärt Schröter.

Schröter rät deshalb dazu, im Zweifel der Empfehlung des Expertengremiums Stiko zu folgen.

MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 26. Juli 2022 | 06:00 Uhr

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