Politik Was bedeutet eigentlich politisch links und rechts?

Dietrich Karl Mäurer, Moderator und Redakteur
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Kürzlich wurde MDR AKTUELL-Hörer Christfried Graf von einem Meinungsforschungsinstitut befragt, wie seine politische Gesinnung sei. Ob er links oder rechts sei, sollte er auf einer Skala von eins bis zehn angeben. Er fragt sich, was links und rechts eigentlich ist und wer das definiert.

Die Abgeordneten verfolgen die Debatte im Plenum im Bundestag
Kampf der Begriffe – in politischen Debatten ist häufig von links oder rechts die Rede. Akteure werden so in bestimmte Lager eingeordnet. Bildrechte: dpa

Die Sache mit dem rechts und links kann in der Tat verwirrend sein. Wird in Medien mitunter zum Beispiel von rechten Sozialdemokraten gesprochen. Und prangerte doch der Philosoph Habermas einst einen linken Faschismus an.

Der Chef der Thüringer AfD-Fraktion, Björn Höcke, der immer wieder als extremer Rechter bezeichnet wird, sagte mal im MDR Interview: "Was bedeutet überhaupt der Begriff rechts? Das ist ja mittlerweile ein Kampfbegriff geworden. Heutzutage will keiner mehr rechts sein." Höcke ordnete sich selbst sogleich wie folgt ein: "Mit rechtschaffenden Menschen umgebe ich mich gerne, aber um linkische Menschen mache ich einen großen Bogen."

Und Linke-Urgestein Gregor Gysi philosophiert über Grundzüge linker Politik: "Natürlich muss ein Linker an der Seite der Armen in Deutschland stehen, aber das reicht nicht, dann ist er noch nicht links. Links ist er erst, wenn er an der Seite aller Armen steht."

Unterschiedliche Dimensionen von rechts und links

Die Herkunft der Zuordnung rechts und links ist schnell erklärt, sagt die Leipziger Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz. Sie geht zurück auf das Jahr 1814: "Das hat sich ursprünglich mal orientiert an der Sitzordnung im französischen Parlament aus der Blickrichtung des Präsidenten. Da saßen rechts die Kräfte, die eher alles bewahren wollten, wie es war und links die progressiven Kräfte."

Politikwissenschaftlerin Lorenz erläutert: Weil die Begriffe rechts und links so einfach seien, wurden sie auch anderswo übernommen. Zunächst bezogen sie sich dabei allein auf die wirtschaftliche Dimension: "Das ist traditionell eigentlich so, dass man besonders darauf schaut: Ist jemand für soziale Gerechtigkeit und Umverteilung – das wäre dann links – oder ist er oder sie eher dafür, dass der Markt sich so richten soll, wie er es von alleine tut – das wäre dann eher rechts", erklärt Lorenz.

Im Zuge der Studierenden- und Protestbewegungen wurden die Begriffe dann um eine kulturelle Dimension erweitert: "Als links bezeichnet man seitdem – also seit ungefähr den 70er-Jahren – auch stärker diejenigen, die auf die Wahrung kultureller Minderheitenrechte, Frauenrechte, Pazifismus zählen, also nicht nur das Ökonomische", sagt Lorenz.

Keine eindeutige Zuordnung der Parteien

Politikwissenschaftler analysieren zum Beispiel Wahlprogramme und nehmen entsprechende wissenschaftliche Zuordnungen vor. Dabei stellen Sie auch fest, dass etliche Parteien sich nur schwer eindeutig rechts oder links zuordnen lassen: "Volksparteien zum Beispiel vereinen immer unterschiedliche Sichtweisen. Die CDU hat immer von sich gesagt, sie vereint konservative, liberale und christliche Werte. Eine Volkspartei hat von vornherein den Anspruch, nicht so schmal zu sein, sondern mehrere Dinge zu vereinen."

Und auch innerhalb einer Partei kann es Zuordnungsprobleme geben, führt Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz von der Universität Leipzig aus und erläutert als Beispiel die Position ostdeutscher Landesverbände der AfD zum Thema Umverteilung: "Sie sind der Umverteilung gar nicht mal so abgeneigt, jedenfalls aus Sicht der westdeutschen Landesverbände, die da eher renten- und sozialpolitisch anders herangehen."

Darüber hinaus können sich die ökonomischen und auch die kulturellen Einstellungen der politischen Lager verändern und damit entsprechend die wissenschaftlichen Definitionen, betont Politologin Astrid Lorenz. Etwa aktuell die Einstellungen zu Russland oder zu Waffenlieferungen an die Ukraine.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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