Weitere Untersuchungen Auch Deutschland stoppt Impfung mit Astrazeneca

Deutschland setzt alle Corona-Impfungen mit dem Impfstoff des Herstellers Astrazeneca vorsorglich aus. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium am Montagnachmittag mit und verwies auf eine aktuelle Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Das hält weitere Untersuchungen für notwendig.

AstraZeneca-Impfstoff liegt in einer Dose.
Kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus: der Astrazeneca-Impfstoff. Bildrechte: dpa

In Deutschland wird vorerst niemand mehr mit dem Impfstoff von Astrazeneca gegen das Coronavirus geimpft. Nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa halte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weitere Untersuchungen für notwendig, teilte das Bundesgesundheitsministerium am Montag in Berlin mit. Die Europäische Arzneimittelbehörde Ema werde entscheiden, "ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffs auswirken".

Auch keine Zweitimpfungen

Die Entscheidung betreffe sowohl Erst- als auch Folgeimpfungen, erklärte das PEI. Wer also noch keine Zweitimpfung mit Astrazenaca erhalten hat, bekommt bis zur Entscheidung durch die Ema auch keine.

Allerdings sollten derzeit ohnehin noch keine Folgeimpfungen anstehen. Der Impfstoff wurde in der EU erst am 28. Januar zugelassen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt einen Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung von möglichst 12 Wochen. Wer also direkt Ende Januar mit dem Stoff geimpft wurde, sollte also ohnehin erst frühestens ab 22. April nochmals eine Injektion bekommen.

EMA berät am Donnerstag über Astrazeneca

Die Europäische Arzneimittelbehörde (Ema) will auf einer Sondersitzung am Donnerstag die vorliegenden Informationen über den Astrazeneca-Impfstoff bewerten. Das Sicherheitskomitee untersuche gegenwärtig weiter das Auftreten von Thrombosen bei einer sehr kleinen Zahl von Personen, teilt die Ema mit. Zurzeit sei man weiter der Überzeugung, dass die Vorteile von Astrazeneca bei der Verhinderung einer Corona-Infektion mit der Gefahr eines tödlichen Verlaufs größer seien als das Risiko durch Nebenwirkungen.

Der Beratungsausschuss der Weltgesundheitsorganisation trifft sich bereits am Dienstag, um über den Impfstoff zu diskutieren. Das teilt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus mit.

Spahn: "Reine Vorsichtsmaßnahme"

Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, nimmt in der Bundespressekonferenz zu Beginn der Pressekonferenz zur Entwicklung der Corona Pandemie die FFP2-Maske ab.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU Bildrechte: dpa

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach am Montag von einer "reinen Vorsichtsmaßnahme". Er betonte: "Wir setzen aus, um zu überprüfen."

Das Ergebnis der Überprüfung sei offen. Allen sei die Tragweite dieser Entscheidung sehr bewusst, betonte der CDU-Politiker.

Stopp in diversen EU-Ländern

Die Bundesrepublik folgt dem Beispiel weiterer Länder. Nach Berichten über Komplikationen durch Blutgerinnsel nach der Impfung hatten bereits die Niederlande, Irland, Dänemark, Norwegen, Island und Bulgarien den Einsatz des Impfstoffs vorübergehend ausgesetzt. Italien und Österreich stoppten die Verwendung von bestimmten Chargen. Nach Deutschland setzte am Montagnachmittag auch Frankreich die Impfungen mit Astrazeneca aus.

Astrazeneca sieht keine erhöhten Risiken

Astrazeneca verteidigte seinen Impfstoff. Man sehe kein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln in Zusammenhang mit dem Präparat, erklärte das Unternehmen am Sonntagabend. Eine sorgfältige Analyse aller verfügbaren Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Menschen, die in der EU und in Großbritannien mit dem Mittel geimpft wurden, habe keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer Lungenembolie, einer tiefen Venenthrombose oder einen Rückgang der Blutplättchen ergeben. Der Pharmakonzern erklärte, bislang seien 15 Fälle einer tiefen Venenthrombose und 22 Fälle einer Lungenembolie gemeldet worden, was vergleichbar mit anderen zugelassenen Covid-19-Impfstoffen sei.

Die Europäische Arzneimittelbehörde Ema hatte in der vergangenen Woche erklärt, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Fälle von Blutgerinnseln durch die Impfung mit Astrazeneca verursacht worden seien. Dieser Einschätzung hatte sich das deutsche Paul-Ehrlich-Institut zunächst anschlossen, ebenso die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Lauterbach: "Großer Fehler"

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bewertete die Aussetzung als "großen Fehler". Das schaffe nur große Verunsicherung und Misstrauen in einer Situation, in der es auf jede Impfung ankomme, sagte er der Düsseldorfer "Rheinischen Post".

"Besser wäre eine Prüfung bei laufenden Impfungen. Ich kenne keine Analysen, die ein Aussetzen rechtfertigen würden", sagte Lauterbach.

Infektiologe: Zufall statt Ursache

Der Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, sagte: "Insgesamt kann man mit derzeitigem Kenntnisstand davon ausgehen, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den wenigen thromboembolischen Ereignissen gibt. Statt von einer Kausalität ist eher von einer Koinzidenz auszugehen, also mehr Zufall als Ursache." Es sei nun aber "bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffs und der Impfkampagne insgesamt schadet".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. März 2021 | 16:00 Uhr

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