Homeschooling in Zeiten von Corona Wo sind die Schüler-Laptops?

Spätestens seit Beginn der Corona-Krise wird intensiv über die Digitalisierung der Schulen in der Bundesrepublik geredet. Doch an Mitteldeutschlands Schulen fehlt es noch immer an Geräten und geschultem Personal. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Digitale Schulen
Trotz langen Vorlaufs haben noch immer nicht alle Schüler in Mitteldeutschland ein Endgerät für den Heimunterricht. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bianka Wontroba aus Gera hat drei Kinder – aber nur einen Laptop. Und den hat sie geschenkt bekommen. Homeschooling für die beiden Töchter und den Sohn wird so zur Herausforderung. Zumal die Mutter eine Ausbildung zur Erzieherin macht und den Laptop eigentlich selbst bräuchte. Sie lernt dann nachts, wenn alle Kinder schlafen. "Ich fühle mich da definitiv benachteiligt", sagt sie. "Auf jeden Fall, weil wir einfach zu viert auf ein Gerät angewiesen sind, alle darauf zurückgreifen müssen und keiner danach fragt: funktioniert das denn überhaupt? Kommt ihr klar? Da würde ich mir zum Beispiel wünschen, dass die Schulen eben sagen, wir stellen euch ein Tablet."

Mangel an Schüler-Endgeräten trotz Corona-Sofortprogramms

Das Familieneinkommen der Wontrobas liegt nur knapp über dem Hartz-IV-Satz. Warum bekommen sie von ihrer Schule dann kein Tablet? Schließlich hat der Bund doch schon im Sommer 500 Millionen Euro für Schüler-Endgeräte im Rahmen des Corona-Sofortprogramms beschlossen. 

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Die Familie Wontroba in Gera hat nur einen privaten Laptop für vier Personen. Für die Kinder wird der Unterricht von zu Hause so zu einer echten Herausforderung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Silva Wallstabe ist Schulleiterin am Goethe-Gymnasium in Gera. Hier gehen Bianka Wontrobas Töchter zur Schule. Sie sagt, dass ihre Schule 100 Tablets aus dem Soforthilfeprogramm bekommen soll. "Schöner wäre es gewesen, sie wären im Dezember schon da gewesen", erzählt Silva Wallstabe. "Als die Schule stufenweise wieder geschlossen wurde. Das wäre natürlich die beste Variante gewesen." Doch die Tablets sind immer noch nicht da. Auch Leihgeräte gibt es an der Schule keine. Nur ein 20 Jahre altes Computerkabinett. 

Engpässe bei Tablet-Lieferungen

Bestellt wurden die neuen Tablets vom Amt für Bildung der Stadt Gera, dem Schulträger. Amtsleiter Frank Rühling wartet jeden Tag auf die Geräte für alle Schulen der Stadt. "Es sind 1.800 Tablets, die wir bestellt haben und diese Tablets sind noch unterwegs. Wo sie jetzt räumlich genau sind, kann ich nicht sagen. Das weiß das Unternehmen", sagt er.  

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Frank Rühling ist Leiter des Amts für Bildung der Stadt Gera. Schon im August 2020 hat er einen Antrag für 1.800 Tablets für die Schulen der Stadt gestellt. Die Geräte sind bis heute nicht angekommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und das Unternehmen meldet einen Lieferengpass. Schließlich wollen fast alle Schulen in Deutschland gerade Tablets haben. Die Geraer Bestellung ging erst Mitte November raus. Warum so spät? Das Corona-Soforthilfeprogramm wurde schon im Mai 2020 vom Koalitionsausschuss des Bundes beschlossen: 500 Millionen Euro für Endgeräte für bedürftige Schüler. Nach dem Beschluss legten Kultusministerkonferenz und Bund die Modalitäten fest. Dann musste der Haushaltsauschuss des Bundes zustimmen. Im August hat dann das Thüringer Bildungsministerium eine Richtlinie erarbeitet. Danach konnten die Schulträger die Geräte beantragen - und diese Anträge bewilligte wiederum das Thüringer Bildungsministerium. Und dann war es schon September.

Langwierige Bürokratie

Amtsleiter Frank Rühling erläutert den Vorgang: "Der positive Bescheid ist auf den 1. September 2020 datiert. Wir haben kurz vorher, am 21. August 2020, den Antrag gestellt. Das ist sehr schnell für 920.000 Euro, die beschieden wurden. Diese Prozesse also und gerade auch die Bescheidung des Antrages für die Endgeräte, die gingen sehr schnell, das kann schneller gar nicht gehen."

Doch ein Auftrag von 920.000 Euro müsse europaweit ausgeschrieben werden. Vor der Bestellung müsse dann noch der Vergabeausschuss der Stadt Gera zustimmen, um Korruption zu vermeiden. Dieser Prozess habe dann bis November gedauert. "Wir arbeiten mit Steuermitteln hier im öffentlichen Dienst und deswegen sind Formalien einfach unverzichtbar. Damit sichergestellt ist, dass das alles zweckentsprechend ausgegeben wird", so Frank Rühling.

Dabei ist es nicht neu, dass die Versorgung der Schulen mit digitalen Geräten sehr zeitaufwendig ist. Bereits im Mai 2019 hatte der Bund ein umfassendes Digitalisierungsprogramm für die Schulen auf den Weg gebracht: den DigitalPakt Schule. Fünf Milliarden Euro stehen seitdem für die Unterstützung der Länder und Gemeinden beim Aufbau einer digitalen Bildungsinfrastruktur bereit. MDR exakt fragte bei den Kultusministerien nach, wie viel von dem Geld bereits für konkrete Projekte beantragt und dann vom Land bewilligt wurde. In Sachsen-Anhalt sind das gerade einmal 24,6 Millionen Euro von insgesamt rund 153 Millionen Euro. Thüringen hat bislang rund 41 Millionen von 147 Millionen Euro für Digitalisierungsprojekte bewilligt. Nur an den sächsischen Schulen ist bereits fast das gesamte Budget fest eingeplant. 257 Millionen von knapp 275 Millionen Euro.

In Sachen Digitalisierung der Schulen kommen die Länder also sehr unterschiedlich voran. Das wird auch an der sachsen-anhaltischen Gemeinschaftsschule Gröbzig im Landkreis Anhalt-Bitterfeld deutlich. Rund 270 Schüler werden hier unterrichtet. Normalerweise. Jetzt gibt es auch hier nur noch digitalen Unterricht. Dorothee Suchomel muss ihre Deutschstunde nun als Videokonferenz abhalten. Auf ihrem privaten Tablet. Auch hier sind Dienstgeräte Fehlanzeige. "Ich sehe: Joel hat das Mikro noch an", sagt Dorothee Suchomel. "Malte, lsa, Sophie und alle anderen haben es schon aus. Tommy schreibt, dass er gern den Zauberlehrling aufsagen würde."

Laptops ohne Software ausgeliefert

Die Teilnahme an der digitalen Deutschstunde ist für die Schüler freiwillig - denn auch hier haben nicht alle einen eigenen Laptop. 40 mobile Endgeräte für bedürftige Familien sollten eigentlich schon vor dem Lockdown geliefert werden. Doch auch hier gab es Probleme. "Beim Schulträger sind die Laptops ja schon angekommen. Und da ist es wie so oft einfach eine Personalfrage, dass nicht genug Personal da ist, um sie zu bespielen. Dass sie also funktionieren und auch Programme drauf sind. Das wird jetzt gerade nachgeholt", sagt die Deutschlehrerin.

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Dorothee Suchomel, Deutschlehrerin an der Gemeinschaftsschule Gröbzig, muss ihren Unterricht vom privaten Tablet aus abhalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Sachsen-Anhalt wurden die Laptops vom Land bestellt und bereits im Oktober an den Landkreis Anhalt-Bitterfeld geliefert. Allerdings ohne die notwendige Office Software. Drei IT-Sachbearbeiter kümmern sich seitdem um die Installation der Programme auf den insgesamt 1124 Geräten für die Schulen des Landkreises. Und das dauert.

Veraltete Technik und fehlende IT-Experten

Auch die Brüder Justin und Benjamin besitzen keinen eigenen Rechner. Sie dürfen das Computerkabinett benutzen, denn sie haben Förderbedarf. Hier können sie die notwendige Technik nutzen. Doch auch die hat ihre Tücken. "Der Laptop ist gerade ausgegangen", erzählt Benjamin. "Weil der Akku leer ist und der kann nicht geladen werden, weil er bestimmte Ladezeiten hat und die ist gerade nicht."

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Zwar können die Schüler an der Gemeinschaftsschule Gröbzig auf schuleigene Geräte zurückgreifen. Doch auch sie sind der Bürokratie unterworfen: Sind die Akkus mal leer, können sie nur zu bestimmten Zeiten wieder geladen werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die alten Laptops können nur in einem speziell dafür vorgesehenen Schrank geladen werden, zu bestimmten Ladezeiten. Darum müssen sich die Lehrer kümmern. Der Schule fehle ein IT-Mitarbeiter, vor allem wenn jetzt immer mehr Geräte angeschafft würden, so die Schulleiterin Ute Zerbe. "Das ist ja auch der Punkt, den wir uns hier in der Schule wünschen, dass wir so einen IT-Experten hätten. Und ich denke, damit könnte man Schulen auch richtig entlasten", sagt sie.

Mehrfachbelastung für Lehrer

In Leipzig am Kantgymnasium gibt es jemanden, der sich kümmert. Felix Alscher ist eigentlich Mathe- und Informatiklehrer, doch inzwischen eher so etwas wie der IT-Administrator der Schule. Gerade installiert er Betriebssysteme auf einem Dutzend neuer Laptops. Seit er hier arbeitet, hat er die digitale Infrastruktur auf den neusten Stand gebracht. Ein Glücksfall für das Gymnasium, denn ein Einstellungskriterium war sein Know-How nicht.

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Der Mathe- und Informatiklehrer, Felix Alscher, installiert für das Leipziger Kantgymnasium Betriebssysteme auf neuen Schullaptops. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Seitens der Schulträger ist nur in den seltensten Fällen Personal dafür vorgesehen", sagt Felix Alscher. Das heißt, das müssen dann Lehrer an Schulen übernehmen. Auch die wenigsten Schulen haben Verträge mit Firmen über Support, so dass es leider in den meisten Fällen an den Lehrern hängenbleibt, die Schule digital am Laufen zu halten, da Innovation reinzubringen, neue Sachen anzuschaffen."

Felix Alscher wird dafür drei Stunden die Woche vom Unterricht freigestellt. Sein Kollege Frank Haake nur eine – viel zu wenig Zeit für den enormen Aufwand. "Ich weiß nicht wie viele Stunde wir hier sind, ich glaube letzte Woche waren wir mehrere Tage neun Stunden hier", sagt er. Allein in einer Woche hätten die beiden ihr Stundenkontingent bis Februar ausgeschöpft, ergänzt Felix Alscher.  

Geräte sind da – doch es fehlen die Hüllen

"Es ist ein leichtes Ehrenamt, was wir hier machen", so Frank Haake weiter. "Wenn wir es nicht machen würden, hätte die Schule kein vernünftiges Homeschooling-System und die Leidtragenden wären die Schüler, die dann hinten runter fallen. Das ist zumindest mein Grund, warum ich es mache."

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Dort, wo sich einzelne Lehrer mit Computertechnik auskennen, müssen sich diese um die digitale Infrastruktur der Schulen kümmern. Oft bedeutet das für Lehrer jedoch eine Mehrfachbelastung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Endgeräte für bedürftige Familien sind hier schon angekommen. Bestellt wurden sie von der Stadt Leipzig bereits im Sommer letzten Jahres und Ende September geliefert. 4800 Tablets und 1000 Laptops für die Leipziger Schulen. So weit so gut, doch auch hier steckt der Teufel mal wieder im Detail. "Die sind zwar schon an Schülerinnen und Schüler herausgegeben worden, aber nur an wenige. Denn es fehlen leider noch Hüllen für die Geräte und wir hatten nur eine begrenzte Anzahl davon", erläutert Felix Alscher.

In Leipzig fehlen die Hüllen. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld die Software. In Gera gibt es Lieferschwierigkeiten. Bei Familie Wontroba haben mittlerweile alle Kinder eigene Geräte für das Homeschooling. Die haben sie aber von Privatleuten geschenkt bekommen.

 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 27. Januar 2021 | 20:15 Uhr

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