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Die Einführung der elektronischen Patientenakte ist von vielen Schwierigkeiten begleitet. Bildrechte: dpa

DigitalisierungHolpriger Start der Patientenakte für die Hosentasche

von Anja Neubert und Ine Dippmann

Stand: 09. September 2021, 05:00 Uhr

Befunde, Medikamente, Arzttermine: In Zukunft soll alles digital gespeichert werden und damit Patienten und Ärzten das Leben vereinfachen. Doch auch wenn die Politik für die elektronische Patientenakte wirbt – noch holpert es gewaltig bei der Einführung.

Theoretisch könnten seine Patienten die elektronische Patientenakte bereits benutzen. Das sagt Hausarzt Jürgen Rietzschel aus Hohenstein-Ernstthal. "Theoretisch", betont er. "Praktisch aber noch nicht. Die technischen Voraussetzungen sind relativ schwierig umzusetzen." Der 36-Jährige arbeitet als angestellter Arzt in einer Außenstelle der Poliklinik Chemnitz. Er ist kein Skeptiker der Digitalisierung. Aber die Einführung der ePA, wie die elektronische Akte genannt wird, bereitet ihm Sorgen.

Die Einführung der ePA verläuft in drei Schritten: Seit Januar müssen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten diese PA seit Januar anbieten. Im zweiten Quartal erfolgte ein sogenanntes Rollout. Bis Mitte des Jahres sollten alle Praxen der vertragsärztlichen Versorgung die notwendige Technik angeschafft haben und an diese Infrastruktur angeschlossen sein. Dazu zählen beispielsweise Vertragsärzte, Vertragszahnärzte, Krankenhäuser, Psychotherapeuten, Hebammen und Rettungsdienste.

Doch der Start der ePA wird von vielen Schwierigkeiten begleitet. Wer nachvollziehen möchte, womit sich Ärzte herumschlagen, muss viel technisches Interesse und Verständnis mitbringen. Denn für die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird in Deutschland eine sogenannte Telematikinfrastruktur (TI) aufgebaut. Der Grund ist die notwendige Sicherheit. Mit der TI sollen alle Daten völlig abgeschirmt vom Internet übertragen werden können.

Hohe technische Anforderungen

Für die Praxis, in der Jürgen Rietzschel als Hausarzt arbeitet, heißt das, dass sie neben dem Verwaltungssystem nun auch einen sogenannten Konnektor braucht. Das ist das Gerät, was die personenbezogenen sensiblen Daten überträgt – mit einem hohen Sicherheitsniveau. Der Konnektor sorgt unter anderem dafür, dass medizinische Dokumente verschlüsselt und signiert werden können.

Doch damit nicht genug. Für viele Anwendungen der TI ist ein elektronischer Heilberufsausweis der Pflicht. Der wird unter anderem für elektronische Signaturen benötigt, die zum Beispiel für den elektronischen Arztbrief oder die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangt wird. Zehn Monate hat Hausarzt Rietzschel darauf gewartet, dass ihm und seinen Mitarbeiterinnen die Ausweise ausgestellt werden.

Die Arztpraxen sind also von den Anbietern der technischen Ausrüstung abhängig. Drei Unternehmen haben zum Beispiel die Konnektoren entwickelt. Diese stellten sich als ein technischer Flaschenhals heraus. Zwar gibt es die gesetzliche Vorgabe, dass die Praxen die ePA ab dem 1. Juli anbieten müssen, aber selbst Praxen, die das wollten, konnten das nicht in jedem Fall: Die für die Zulassung verantwortliche Firma Gematik ließ den ersten Konnektor Anfang Mai zu, den zweiten am 30. Juni und den dritten erst Ende Juli – als die Patientenakte schon seit drei Wochen funktionieren sollte. Keine Zeit für die Ärzte, sich mit dem neuen System auseinanderzusetzen. Lediglich ein enormer Druck auf die Ärzte, dieses schnellstmöglich einzusetzen, kritisiert Hausarzt Rietzschel. "Man hat keine Zeit, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen, wie ich die Praxis da umstrukturieren könnte, was ich jetzt anders machen muss. Man kann das alles nicht testen."

Damit nicht genug kamen technikseitig zwei weitere Probleme hinzu:Bis jetzt liegen nicht für alle Praxisverwaltungssysteme Zulassungen für die ePA-Updates vor, wie es von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt heißt. Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen meldeten die Hersteller der technischen Komponenten zudem Lieferengpässe. Inzwischen seien sie jedoch behoben.

Corona-Pandemie trägt zur Verzögerung bei

Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen sieht darüber hinaus in der Corona-Pandemie einen Grund für die verzögerte Einführung. "Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte haben sich neben ihrer ursprünglichen Aufgabe zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung mit Engagement in den Dienst der Pandemiebekämpfung gestellt und unzählige Überstunden geleistet." Digitalisierung sei ein wichtiges Thema, eine Pandemie zu bekämpfen aber ein noch viel Wichtigeres, das es priorisiert anzugehen gelte.

Die Pandemie und Überlastung der Praxen sieht auch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt als Gründe für den holprigen Start. "Es fehlt die Zeit, sich ausreichend mit dem Thema und den Notwendigkeiten auseinandersetzten zu können."

Kritik an politischem Druck und Sanktionen

Praxen, die nicht an die technische Infrastruktur angebunden sind, sollen per Gesetz 2,5 Prozent der Honorare gekürzt werden. Der Gesetzgeber sieht zudem eine Honorarkürzung von 1 Prozent für Praxen vor, die die ePA nicht bis zum 1. Juli bereitgestellt haben.

Dagegen sind die Kassenärztlichen Vereinigungen Sturm gelaufen. "Gemeinsam mit vielen anderen Organisationen der ärztlichen Selbstverwaltung und den freien ärztlichen Berufsverbänden kritisieren wir den politischen Druck zur forcierten Digitalisierung der Arztpraxen, bevor die vorausgesetzten technischen Lösungen ausgereift sind und bevor Mehrwerte für Patienten und Ärzte die Aufwände überwiegen", heißt es etwa aus Thüringen.

"Akt politischer Ignoranz"? An der Einführung der elektronischen Patientenakte gibt es auch Kritik. Bildrechte: Colourbox.de

"Dass trotz aller Proteste im Zusammenhang mit der Einführung der Telematik-Infrastruktur ohne ausreichende Feldtests auch die Einführung der elektronischen Patientenakte wiederum mit gesetzlicher Sanktionierung verknüpft wurde, ist ein Akt politischer Ignoranz, welcher das Vertrauen und die Unterstützung der Vertragsärzte und -psychotherapeuten für eine eigentlich zukunftsweisende Entwicklung untergräbt."

Dr. Sylvia Krug, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen, betont, dass "angesichts der Anforderungen an den Praxisbetrieb gerade in dieser uns alle herausfordernden Corona-Pandemie die Androhung oder Durchsetzung von Sanktionen durch den Gesetzgeber nicht nachvollziehbar ist, noch viel weniger, wenn man die Ärzte mit dem Verlust ihrer Arbeitsfähigkeit bedroht."

Die Kritik war erfolgreich, wie auch die KV Sachsen-Anhalt bestätigt: "Die Regelung wurde aufgrund der aktuellen Situation etwas abgemildert, sodass die Praxen der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt nur mitteilen müssen, ob der notwenige Heilberufsausweis und die Bestellung der ePA zum 1. Juli vorgelegen haben. Unter diesen Bedingungen werden keine Sanktionen greifen."

Da die Hersteller der Konnektoren vielfach auf automatische Updates setzen, hätten Praxen in vielen Fällen die Bestellung gar nicht nachweisen können. Mitglieder der KV Thüringen konnten über das Online-Mitglieder-Portal eine Eigenerklärung für das Vorhandensein der Technik einreichen, um so die Bestellung zu bestätigen. 1.440 Thüringer Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben eine solche Erklärung abgegeben.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 06. September 2021 | 06:24 Uhr