Erdgasversorgung Historisch niedrige Füllstände in deutschen Gasspeichern: Und nun?

Der Bedarf an dem Energieträger Erdgas nimmt stetig zu – so auch die Preise! Noch fließt das Gas aus Russland: Aber der andauernde Konflikt in der Ukraine stellt Wirtschaft und Politik vor die Frage: Wie kann sich Deutschland für den Notfall absichern? Wie gestaltet man die die Versorgung unabhängig? Denn deutsche Speicher sind so leer wie schon lange nicht mehr.

Erdgasspeicher Rehden
Der Erdgasspeicher in Rehden ist der größte in Europa. Aber derzeit ist er nur marginal gefüllt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

BASF hat seine Gasspeicher an Gazprom verkauft

In der Zukunft sollen “Erneuerbare” und Wasserstoff unsere Energieprobleme lösen. Kurzfristig verlässt man sich auf Speicherkapazitäten für Erdgas. Denn diese Anlagen werden benötigt, um Spitzen in der Nachfrage auszugleichen oder Engpässe in der Gaslieferung zu überbrücken. Gerade an kalten Tagen mit hoher Heizlast sind diese Speicheranlagen unverzichtbar. Sie dienen der Energieversorgung so als Puffersystem. 

47 Untertage-Anlagen gibt es davon in Deutschland. Doch ihre Füllstände befinden sich auf einem historischen Tief. Waren die Speicher im Januar noch zu 46 Prozent gefüllt, sind es heute, am 15.02.2022, gerade mal 32,6 Prozent. Im Vergleich: Vor zwei Jahren befanden sich die Füllstände zur selben Zeit bei 81,4 Prozent. Dabei ist Deutschland einer der größten Gasimporteure der Welt. Mit 139 Milliarden Kubikkilometern flossen 2019 10,8 Prozent der weltweiten Exporte nach Deutschland – das war mehr als China zu diesem Zeitpunkt. Bezogen wird das meiste Gas aus Russland.

Doch nicht nur im Export nimmt Russland eine dominierende Rolle ein. Dem russischen Energieriesen Gazprom und seinen Tochterunternehmen gehören auch noch zwischen 20 und 25 Prozent der deutschen Gasspeicher. Diese wurden zu Beginn des Ukraine-Konflikts 2015 an Gazprom verkauft. Im Austausch erhielt der vorherige Besitzer, die BASF-Tochter “Wintershall”, Anteile an Förderquellen in Sibirien. 

Das galt unter anderem für den größten Gasspeicher Europas in Rehden, Niedersachsen. Dort lagern 2000 Meter unter der Erde aktuell rund 16 Prozent des in Deutschland gespeicherten Gases. Bereits damals beklagten viele Experten diesen Schritt. Man befürchtete weiter in die Abhängigkeit von Russland zu geraten.

Speicher nicht rechtzeitig wieder befüllt und Kritik an Russlands Exportstrategie

Doch Sorge um Gaslieferungen bestanden 2015 nicht. Lange galt der Gasmarkt laut Wirtschaft und Politik als liquide. In der Hoffnung auf günstigere Preise verzichteten die Betreiber der Speicher daher auf zusätzliche Importe, um diese wieder zu füllen. Diese Erwartung wurde durch mehrere Umstände enttäuscht. 

Die Versorger gaben an, ein besonders kalter April hätte durch den zusätzlichen Energiebedarf die Rücklagenbildung belastet. Durch die Extra-Ausspeisungen war es für die Betreiber schwierig, die Speicher zu füllen. Als Chinas Wirtschaft nach der Pandemie wieder hochfuhr, stieg der Bedarf an Energie auf dem Weltmarkt rasant an und mit ihm die Preise. 

Timon Gremmels, MdB für die SPD, spricht hier von “Marktversagen”. Laut Gremmels haben die Versorger den Markt falsch eingeschätzt. Das Bundeswirtschaftsministerium will das so nicht bestätigen, Susanne Ungrad räumt aber ein: "Letztlich entscheiden aber Marktakteure über die Ein- und Ausspeicherung von Gas im Rahmen ihrer Strategie zur Versorgung ihrer Kunden."

Andere machen Russlands Exportstrategie verantwortlich: Russland würde die Lieferungen an Westeuropa, etwa durch die Pipeline "Jamal" verringern.

Kreml weist Vorwürfe zurück

Russlands Präsident widersprach den Anschuldigungen. Laut den öffentlichen Geschäftszahlen der Gazprom lieferte der Konzern nicht nur vertragsmäßig, sondern habe sogar von Januar bis November 2021 sieben Prozent mehr Gas nach Europa verkauft als im Vorjahr. Sowohl das Bundeswirtschaftsministerium als auch die Unternehmen RWE und Uniper bestätigten, dass die vertraglich zugesicherte Menge geliefert wurde. 

Der Kreml-Chef sah die Schuld bei den deutschen Energieunternehmen. Diese hätten das russische Gas gewinnbringend an europäische Nachbarländer verkauft. Um Engpässe auszugleichen musste Deutschland sogenannte Long Term Options, also Gas zu einem höheren Preis, kaufen. Auch der Bundeswirtschaftsminister spricht von Handlungsbedarf. 

Ruf nach staatlicher Gasreserve

Um sich vor solchen Ereignissen zu schützen, versucht Deutschland seine Gasversorgung auch auf anderen Wegen sicherzustellen. Zum Beispiel durch Importe aus den Niederlanden, Norwegen oder der inländischen Gewinnung. Doch diese Mengen können den Bedarf nicht ausreichend decken. Im Nachhinein dann die Versorgung mit "Long Term Options" zu decken, ist kostspielig und und hilft nur kurzfristig. Andere politische Mittel seien aber durch die zunehmende Liberalisierung des Marktes schwierig.

"Ansonsten sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. Nur führt das trotzdem dazu, dass die Preise sehr hoch sind, dass wir keine Entlastungssignale geben können.Insofern gibt es da einen politischen Handlungsauftrag", sagt der Bundesminister Robert Habeck und fügt hinzu: "Deswegen ist der Weg ein denkbarer: Der Staat steigt ein und schafft eine nationale Gasreserve."

Staatliche Gasreserven in der EU verschieden geregelt

Anders als  für Öl, Nahrungs- und Arzneimittel gibt es sie in Deutschland noch nicht: Die staatliche Gasreserve. Das liegt unter anderem daran, dass für Gas keine internationalen Vorgaben bestehen. Auch innerhalb der EU ist das Vorgehen nicht einheitlich – so das Bundeswirtschaftsministerium.Verschiedene Länder nutzen aber auch andere Modelle. Italien schreibt seinen Speicherbetreibern zum Beispiel eine Mindestfüllmenge und Deadlines vor. 

Habecks Vorgänger haben ihm in dieser Hinsicht, nach eigener Aussage, keine konkreten Vorschläge hinterlassen: So Habeck: §Es gibt auch keine Vorarbeiten dazu, weil die politische Mengenlehre war, dass der Markt das regelt. Und das, obwohl bereits in den letzten Jahren die Frage nach staatlichen Gasspeichern mehrfach aufgeworfen wurde. Nicht zuletzt nachdem Gazprom die deutschen Speicher übernahm. Doch das Ministerium hielt damals solche vorsorglichen Maßnahmen mit Blick auf den liquiden Gasmarkt für unnötig.

Politik und Wirtschaft in Deutschland sehen Handlungsbedarf

Nicht nur die Politik sieht inzwischen Handlungsbedarf. Auch Markus Krebber, Chef des Energiekonzerns RWE, spricht von Möglichkeiten für staatlichen Energiesicherung. Er sagte der FAZ: "Das kann in Richtung einer staatlichen Bevorratung gehen wie beim Erdöl. Alternativ sei eine schärfere Regulierung denkbar, so dass Gasversorger ihre Lieferverpflichtungen zu bestimmten Anteilen durch langfristige Kaufverträge oder Einspeicherungen absichern müssen. In Deutschland haben wir da eine Regelungslücke."

Neben der nationalen Lösung besteht außerdem die Möglichkeit einer gemeinsamen europäischen Strategie. Außerdem bleibt die Frage nach der Infrastruktur bestehen. Unklar ist, ob neue Anlagen gebaut oder alte zurückgekauft werden müssten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 15. Februar 2022 | 20:15 Uhr

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