Faktencheck So kommt der Aufbau von Ladestationen für E-Autos voran

Rebecca Nordin Mencke
Bildrechte: Rebecca Nordin Mencke

Elektromobilität gilt als einer der Schlüssel, um die Klimaschutzziele des Bundes zu erreichen. Doch ohne ausreichend Ladestationen bleiben E-Autos schnell auf der Strecke. Die Bundesregierung hatte daher einen massiven Ausbau der Ladeinfrastruktur angekündigt. Was ist bisher tatsächlich passiert?

Laden eines ID.3 an der Gläsernen Manufaktur in Dresden.
Die Infrastruktur für E-Fahrzeuge muss sehr viel kleinteiliger geplant werden als klassische Tankstellen für Verbrenner. Bildrechte: Volkswagen / Killig

Behauptung: Bis 2030 soll es bundesweit eine Million öffentlich zugängliche Ladepunkte für E-Autos geben.

In ihrem "Masterplan Ladeinfrastruktur" hielt die Bundesregierung im November 2019 fest, dass bis zum Jahr 2030 bundesweit eine Million öffentlich zugängliche Ladepunkte für E-Autos entstehen sollen. Die Zahl der zugelassenen E-Fahrzeuge soll bis dahin auf zehn Millionen steigen. Allein innerhalb der ersten zwei Jahre nach Bekanntgabe des Papiers waren 50.000 neue Ladestationen vorgesehen.

Fakt I: So setzen sich die öffentlichen Ladestationen zusammen

Zentral erfasst werden lediglich die öffentlich zugänglichen Ladepunkte. Auf diese bezieht sich auch das Ziel von einer Million bis zum Jahr 2030. Anders als klassische Tankstellen sind die Ladepunkte sehr viel kleinteiliger verteilt. Auf öffentlichen Straßen und Parkplätzen, an zentralen Achsen wie Autobahnraststätten oder angeschlossen an Einkaufszentren sollen sie möglichst gut in den Alltag der Nutzerinnen und Nutzer passen. Wie das Bundesverkehrsministerium MDR AKTUELL mitteilte, betreiben private Energieunternehmen etwa die Hälfte aller öffentlich zugänglichen Ladepunkte. Auf kommunale Energieunternehmen und Kommunen verteilt sich ein weiteres Viertel, auf Automobilindustrie und Carsharing-Anbieter etwa zehn Prozent. Die übrigen öffentlichen Ladepunkte werden demnach von Einzelhandel und weiteren Unternehmen betrieben.

Der Bundesnetzagentur zufolge gab es mit Stand August 2019 – also kurz vor Bekanntgabe des "Masterplan Ladeinfrastruktur" – bundesweit rund 21.100 solcher Ladepunkte. Inzwischen gibt die Behörde nach jüngstem Stand vom 1. Juni 2021 die Zahl der Ladepunkte mit insgesamt 44.100 an. Davon sind 37.705 Normalladepunkte und 6.395 Schnellladepunkte.

Damit hat sich die Zahl der Ladepunkte zwar innerhalb von knapp zwei Jahren mehr als verdoppelt. Auch bekräftigt das Bundesverkehrsministerium das Ziel, bis Ende 2021 50.000 neue und damit insgesamt rund 72.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte zu schaffen. Dafür müssten allerdings in den verbleibenden sechs Monaten 27.900 Ladepunkte entstehen – deutlich mehr als in den fast zwei Jahren zuvor. Das Bundesverkehrsministerium verweist dazu lediglich auf konkret geplante 10.000 neue Schnellladepunkte bis 2023 und weitere voraussichtlich 20.000 Ladepunkte, für die ab August ein Förderprogramm bis 2025 laufen solle.

Nach dem "Masterplan Ladeinfrastruktur" hatte zudem die Automobilwirtschaft bis 2022 selbst den Aufbau von mindestens 15.000 öffentlichen Ladepunkten angekündigt. Wie viele genau davon bereits stehen, dazu macht der Verband der Automobilindustrie keine Angaben. Eine VDA-Sprecherin erklärt MDR AKTUELL, man werde die Verpflichtung erfüllen. Zudem plane die Automobilindustrie 100.000 neue Ladepunkte auf ihren Betriebsgeländen und dem angeschlossenen Handel bis zum Jahr 2030. Ein Teil davon werde auch öffentlich zugänglich sein.

Insbesondere die bereits installierte Schnellladeinfrastruktur entlang von Autobahnen ist heute tendenziell noch unterausgelastet, um den kommenden Markthochlauf elektrischer Pkw zu unterstützen.

Daniel Speth Energiewirtschaftler am Fraunhofer ISI

Nach Einschätzung des Energiewirtschaftlers Daniel Speth vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) ist die derzeitige öffentliche Ladeinfrastruktur vor allem als Anreiz gedacht, um möglichen Nutzerinnen und Nutzern die Reichweitenangst zu nehmen. Künftig werde sich der Bedarf aber zunehmend am tatsächlichen Nutzungsverhalten ausrichten, das jedoch noch beobachtet werden müsse, erklärt er MDR AKTUELL.

Fakt II: Private Ladestationen machen größten Anteil aus

Den größten Anteil der Ladeinfrastruktur machen nach Einschätzung von Fachleuten nicht-öffentliche Ladepunkte aus, also am Wohnort oder Arbeitsplatz. Die von der Bundesregierung eingerichtete Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) schätzt den Anteil dieser Ladevorgänge auf rund 85 Prozent. Auch in Prognosen für 2030 soll der Anteil öffentlicher Ladevorgänge je nach Entwicklungsszenario lediglich zwischen zwölf und 24 Prozent liegen.

Wie viele private Ladepunkte es gibt, ist allerdings nicht bekannt. Wer sich etwa am Wohnort eine sogenannte Wallbox einrichtet, muss das lediglich dem Netzbetreiber melden, damit dieser den entsprechenden Strombedarf kalkulieren kann. Zumindest einen Hinweis auf die Entwicklung im privaten Bereich kann ein Förderprogramm des Bundesverkehrsministeriums geben: Dem Ministerium zufolge haben seit November 2020 mehr als 500.000 Haushalte einen Zuschuss für den Kauf und die Installation einer Wallbox beantragt. Fast die Hälfte davon besitze zwar noch kein Elektroauto, plane das aber in der näheren Zukunft. Jüngste Gesetzesänderungen stärken zudem die Rechte von Mietern und Wohnungseigentümern, die in Mehrfamilienhäusern eine Ladesäule installieren wollen.

Fakt III: So wird der Bedarf an öffentlichen Ladestationen berechnet

Das Ziel von einer Million öffentlichen Ladepunkten und zehn Millionen E-Fahrzeugen bis 2030 folgte einer EU-Empfehlung, wonach das Verhältnis bei 1:10 liegen soll. Insbesondere der Verband der Automobilindustrie (VDA) pocht auf die Einhaltung dieses Ziels. Verbandspräsidentin Hildegard Müller wies im Mai auf den rasanten Anstieg bei Zulassungen für E-Autos hin. Das Kraftfahrtbundesamt meldete für das Jahr 2020 bei den neu zugelassenen Pkw mit reinem Elektroantrieb ein Plus von 206 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch im ersten Halbjahr 2021 setzte sich der Anstieg weiter fort. Laut Müller müssten für diese Autos pro Woche 2.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte entstehen – statt wie bisher etwa 1.000 pro Monat.

An dem Verhältnis 1:10 gibt es jedoch zunehmend Zweifel. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) erklärte bereits im September 2019, für die geplanten zehn Millionen E-Autos im Jahr 2030 seien 350.000 öffentliche Ladepunkte ausreichend. Auch Daniel Speth vom Fraunhofer ISI erklärt MDR AKTUELL, bei der Elektromobilität habe man es mit einem "technisch sehr dynamischen Umfeld" zu tun. Inzwischen gebe es differenziertere Abschätzungen zum Bedarf an Ladeinfrastruktur, aber speziell beim tatsächlichen Nutzungsverhalten müsse man noch Erfahrungen sammeln.

In einer Studie entwarf die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur 2020 im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums genauere Zukunftsszenarien bis 2030. Nach verschiedenen Modellen wurde dabei berechnet, wie viele öffentlich zugängliche Ladepunkte künftig benötigt werden. Dabei kamen die Forschenden auf einen deutlich geringeren Bedarf als das zunächst geplante Eine-Million-Ziel: Mindestens 440.000 bis 843.000 öffentliche Ladepunkte wären demnach bis 2030 nötig – obwohl die Anzahl an E-Fahrzeugen deutlich stärker steigen könnte. Bis zum Jahr 2030 prognostiziert die Studie bundesweit nicht mehr zehn Millionen, sondern 14,8 Millionen E-Fahrzeuge – sowohl mit batterieelektrischem Antrieb als auch Plug-In-Hybride. Bereits 2025 könnte die Zahl bei 5,5 Millionen liegen. Statt des Verhältnisses 1:10 geht die Studie davon aus, dass bis 2030 im Schnitt ein Ladepunkt für 20 E-Fahrzeuge ausreicht – mit regionalen Unterschieden. In Städten ist demnach der Bedarf mit einem öffentlichen Ladepunkt für 14 E-Fahrzeuge höher als in ländlichen Gebieten, das auf ein Verhältnis 1:23 prognostiziert wird.

Wie viele öffentlich zugängliche Ladepunkte für diese Autos notwendig sind, hängt der Studie zufolge unter anderem davon ab, wie der Ausbau der privaten Ladeinfrastruktur vorankommt. Gerät dieser ins Stocken, steigt der Anteil der öffentlichen Ladevorgänge und damit auch der Bedarf an öffentlichen Ladepunkten insgesamt. Aber auch das Nutzungsverhalten und die Weiterentwicklung der Technologie hat einen Einfluss auf den künftigen Bedarf. Durch mehr Schnellladepunkte etwa werden weniger Stationen insgesamt nötig, da sich die Ladedauer deutlich verkürzt. Der Studie zufolge können 10.000 sogenannte High-Power-Charging-, kurz HPC-Ladepunkte in Innenstädten insgesamt 238.000 Normalladepunkte ersetzen.

Fazit: Stockender Ausbau, neue Prognosen

Das Ziel von einer Million öffentlich zugänglichen Ladepunkten bis 2030 erscheint knapp zwei Jahre nach Verkündung der Pläne mindestens fraglich. Zwar hat sich seitdem die Zahl der Ladepunkte mehr als verdoppelt. Mit insgesamt 44.100 Stück bundesweit wäre aber eine erhebliche Beschleunigung beim Ausbau nötig. Doch selbst vom Zwei-Jahres-Ziel wurde in den ersten 18 Monaten nicht einmal die Hälfte geschafft: Von den geplante 50.000 Ladepunkten stehen bis Jahresende noch fast 28.000 aus.

Zugleich legen jüngere Forschungsergebnisse einen niedrigeren Bedarf bis zum Jahr 2030 nahe. Auch das Bundesverkehrsministerium erklärt, das ursprüngliche Ziel sei "nur noch bedingt aussagekräftig". Der Ausbau müsse sich am tatsächlichen Bedarf orientieren. Zugleich verweist das Ministerium darauf, dass "die Transformation des Mobilitätssektors eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe" mit vielen Akteuren sei. Etwa sollten Kommunen nach Möglichkeit ihre Genehmigungsverfahren beschleunigen. Der "Masterplan Ladeinfrastruktur" hatte in jedem Fall bereits festgelegt, in einem Drei-Jahres-Rhythmus auszuwerten, was bereits erreicht wurde und wie die weitere Entwicklung einzuschätzen ist.

Für Daniel Speth vom Fraunhofer ISI steht fest: "Wenn eine Technologie sich dauerhaft verändert und das Nutzungsverhalten noch nicht vollständig klar ist, ist es sicher gut, Ziele zu setzen. Die sollten aber nicht als Weisheit letzter Schluss gelten."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Juli 2021 | 19:00 Uhr

30 Kommentare

Eulenspiegel vor 10 Wochen

Also bei manchen Kommentatoren habe ich den Eindruck das die uns einreden wollen das der Erfolg der Eisenbahn damals nur geschah weil zufällig ein gut ausgebautes Schienennetz zur zur Verfügung stand. Und das Auto wurde nur zum Erfolg weil zufällig ein gut ausgebautes Tankstellennetz da war.
Und das E Auto soll viel Umweltschädlicher als der Verbrenner sein. Bei genauer Betrachtung ist das aber eine Kritik an der Stromerzeugung und nicht am E Auto. Es wir nun mal höchste Zeit für die Energiewende.

MDR-Team vor 10 Wochen

Hallo hansfriederleistner, was meinen Sie genau? Können Sie Ihren Kommentar erläutern und bestenfalls mit Quellenangaben belegen? Nur so können wir eine faktenbasierte Diskussion unter unseren Beiträgen gewährleisten. Viele Grüße die MDR.de-Redaktion

MDR-Team vor 10 Wochen

Hallo part, wir würden Sie bitten Ihre Aussagen mit Quellennachweisen zu belegen, um eine faktenbasierte Diskussion unter unseren Beiträgen zu gewährleisten. Viele Grüße die MDR.de-Redaktion

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