Faktencheck Wie hängen AfD-Wählen und DDR-Vergangenheit zusammen?

Ostdeutsche AfD-Wähler seien in der Demokratie noch nicht angekommen. Mit dieser und ähnlichen Aussagen in der F.A.Z. hat der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz in den vergangenen Tagen für Wirbel gesorgt. Er sagte, einige Menschen seien so "Diktatur-sozialisiert", dass sie auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen seien. Man könne nur auf die nächste Generation hoffen. Aber stimmt das denn? Wählen im Osten nur die Menschen die AfD, die in der DDR aufgewachsen sind? Ein Fakten-Check.

Berlin, 10.11.1989 Mit Wunderkerzen in den Händen freuen sich die Menschen auf der Berliner Mauer über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen.
Der Mauerfall symbolisierte das Ende der DDR – doch sie prägte viele Menschen noch darüber hinaus. Bildrechte: dpa

Fragt man den Demokratieforscher Oliver Decker vom Else-Frenkel-Brunswik-Institut an der Universität Leipzig nach dem Wahlverhalten der Ostdeutschen, sagt er: "Ja, Ostdeutschland hat ein Rechtsextremismusproblem und ja, es hat sicherlich auch was mit längeren Zeitachsen zu tun, sprich mit der Geschichte – nicht nur der DDR, sondern auch dem postnationalsozialistischen Deutschland." Es sei aber kein Problem der Alten und: "Nein, es ist nicht nur diese DDR-Erfahrung."

DDR-Erfahrung nur ein Faktor von vielen

Die Leipziger Autoritarismus-Studien zeigten: Junge Ostdeutsche wählten zunächst oft die NPD, zuletzt die AfD. Das Bild, nur alte Männer wählten die AfD, sei eine aus dem Westen geprägte Sicht, die auf den Osten nicht zutreffe. Auch bei den vergangenen Landtagswahlen im Osten war die AfD die meistgewählte Partei bei den jungen Wählerinnen und Wählern.

Soziologe: Problem stirbt nicht aus

Frank Greuel, Soziologe und Projektleiter am Deutschen Jugendinstitut in Halle sagt, er halte die Idee, dass das Problem irgendwann aussterbe, für nicht tragfähig. "Also ökonomische Unterschiede, sozialstrukturelle Unterschiede, das Gefühl benachteiligt zu sein als Ostdeutscher oder Ostdeutsche – das spielt da mit rein und das ist erstmal relativ unabhängig davon, ob ich in der DDR groß geworden bin oder nicht."

Auch Nachwendegeneration neigt nach rechts

Demokratieforscher Oliver Decker befürchtet sogar, dass die Radikalisierung junger Ostdeutscher tendenziell stärker werden könnte, wenn man einfach glaube, das Problem wachse sich aus. Seiner Meinung nach braucht es viel mehr strukturelle Auseinandersetzung mit dem Thema: "Wir haben es jetzt gerade wieder gesehen mit der Wahl des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen, der dezidiert antidemokratische Positionen und Verschwörungsideologien mitvertritt als Kandidat für den Bundestag für die CDU." Hier bedürfe es einer inhaltlichen Auseinandersetzung, die viel zu spät begonnen habe.

Auch der Soziologe Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz sagt, Prägungen und Einstellungen seien mit dem Mauerfall nicht einfach verschwunden. Aber: "Es sind auch genauso die Selbsterfahrungen, die wir dann als Jugendliche und Erwachsene machen: Wie können wir uns denn am politischen Geschehen beteiligen? Hört denn die Politik das, was wir artikulieren? Werden wir gehalten, uns selbst zu organisieren, werden wir dabei unterstützt?"

Diese Fragen sieht Kollmorgen als ausschlaggebend dafür, ob sich Menschen im demokratischen Prozess engagieren und zur derzeitigen Staats- und Herrschaftsform stehen oder ob sie sich von ihr abwenden.

Fazit: Marco Wanderwitz' Hoffnung auf eine demokratische Nachwendegeneration wird sich von alleine nicht erfüllen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juni 2021 | 06:18 Uhr

Mehr aus Politik

Marco Wanderwitz auf der Pressekonferenz zum Zukunftszentrum Deutsche Einheit 1 min
Bildrechte: mdr

Mehr aus Deutschland