Frauen in der Politik Warum es in den Parteien weniger Frauen als Männer gibt

Das Thüringer Verfassungsgericht hat in dieser Woche das Paritätsgesetz gekippt, das dafür sorgen sollte, dass Männer und Frauen im Wechsel auf den Wahllisten der Partei vertreten sind. Kritiker des Gesetzes meinen: Solch eine Quote sei sowieso Unsinn – schließlich engagierten sich Frauen zahlenmäßig gesehen in Parteien weit weniger als Männer. Aber was hindert Frauen daran, sich stärker politisch zu engagieren?

Daniela Kolbe kennt sehr viele Frauen, die sich politisch engagieren. Ohne diese wären viele Parteien komplett aufgeschmissen, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Leipzig.

Kolbe: Große Unsicherheit bei Frauen

Sichtbar seien allerdings nur wenige, sagt Kolbe: "Es wird dann spannend, wenn es darum geht, Positionen zu übernehmen oder auch Macht zu wollen und da ist mein Eindruck, dass Frauen gefragt werden wollen, und dann immer wieder Sätze kommen, die ich von Männern noch nie gehört habe: Ich trau mir das nicht zu, ich weiß nicht, ob ich immer den Ansprüchen gerecht werde, oder ich weiß gar nicht, ob ich das mit dem Rest, den ich auch gut machen will, vereinbaren kann."

Aus Kolbes Erfahrung heraus müssen Frauen das Gefühl bekommen, wertgeschätzt und respektiert zu werden. Viele Parteien gingen darauf nicht ausreichend ein. Katharina Krefft, Leipziger Stadträtin der Grünen, kann die Unsicherheit vieler Frauen nachvollziehen: "Ich glaube, ein ganz großes Hindernis ist die Erfahrung, die Frauen machen, wenn sie in die Öffentlichkeit treten, denn sie erleben dort ganz schnell, dass sie stark reduziert werden auf ihr Äußeres. Also da wird dann darüber gesprochen, wie ihre Figur ist, es wird auf die Haare reduziert, häufig auch auf ihre Stimme."

Völlig in den Hintergrund gerät, was eine Frau eigentlich sagen will, was der politische Inhalt ist, den sie transportieren will und das ist, glaube ich, dermaßen abschreckend, dass Frauen sich das mehrfach überlegen, ob sie sich das grundsätzlich antun.

Katharina Krefft, Bündnis 90/Die Grünen

Frauen haben es schwerer, aufzusteigen

Wenn sie es sich "antun" und tatsächlich in die Politik gehen, ist nicht der Einstieg das Problem, sondern der Aufstieg, stellt die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wissenschaft, EAF, fest. Studien belegten, dass Frauen beispielsweise vermehrt aussichtslose Wahlkreise erhalten oder seltener über Direktmandate einziehen.

Ausschlaggebend dafür sei unter anderem auch der Faktor Zeit, sagt Tannaz Falaknaz von der EAF: "Frauen leisten noch immer doppelt so viele unbezahlte Familienarbeit. Für Netzwerke brauche ich Zeit, und viele informelle Gespräche, Treffen, finden nach den eigentlichen Sitzungen statt. Die Sitzungs- und Parteikultur müsste sich grundlegend ändern, Sitzungszeiten, Sitzungsorte müssten flexibler gestaltet werden."

CDU-Politikerin Fischer fordert Elternjahr statt Quote

Dieser Meinung ist auch Lilly Fischer, die für die CDU im Erfurter Stadtrat sitzt. Sie ist als einzige der Befragten gegen eine gesetzliche Frauenquote. Die nütze nämlich nichts, wenn man es nicht schaffe, Politik für Frauen attraktiver zu machen. "Es gibt nicht mal eine politische Elternzeit. Eine Frau, die ein Kind bekommt als Abgeordnete, muss quasi am Tag nach der Geburt zur Plenarsitzung erscheinen, sonst kriegt sie Strafen dafür, dass sie nicht im Plenum war, das ist ein großes Problem, deswegen setzt sich die CDU jetzt auch für das politische Elternjahr ein."

Zudem befürworte die CDU eine Kinderbetreuung während der Sitzungen, sowie die Möglichkeit, daran auch digital teilzunehmen. Ideen, die auch die anderen Politikerinnen begrüßen. Alle befragten Frauen sind sich einig: durch die Corona-Pandemie sei die Offenheit gegenüber flexiblem Arbeiten auch in den Parteien gestiegen. Nun müsse man darauf aufbauen, damit mehr Frauen den Weg in die Politik finden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juli 2020 | 07:38 Uhr

16 Kommentare

Demokrat am 18.07.2020

Parteien, Vereine und Politik leiden doch massiv unter einem Nachwuchsmangel und Imageproblem! Wer traut der Politik denn noch die notwendigen Veränderungen zu? Wer sieht in der Ochsentour durch eine Partei denn noch für sich eine persönliche Möglichkeit, geschweige denn Entfaltung?
Im Arbeitsleben geht ohne Frauen nichts mehr, und zwar nicht nur in den viel beschworenen systemrelevanten Berufen, sondern auch dort, wo Frauen bis heute unterrepräsentiert sind. Gerade aber die Ingenieurin, Technikerin, Politikerin hat die Arbeit, den Beruf stark verändert und bereichert. Innovation gelingt fast nur mit einem höheren Frauenanteil. Das zeigen auch Initiativen wie Fridays for Future, die stark von jungen Frauen geprägt sind.
Elternzeit wird zunehmend auch von Männern in Anspruch genommen. Heimchen am Herd reicht keiner Frau heute mehr, genauso wie Karriere einen Kinderwunsch nicht ersetzen kann. Es ist also auch eine Frage der Zukunftsfähigkeit der Politik, sich Frauen zu öffnen!

AnitaR am 18.07.2020

Wieso treffen Männer andere Entscheidungen als Frauen? Sprechen Sie die Entscheidungstärke an, Kinder zu bekommen, jedoch sich nicht um den eigenen Nachwuchs zu kümmern? Ist dieser Charakterzug prätestiniert für die Macht? Kinderbetreuung nimmt soieso nur einen kleinen Teil der aktiven Lebenszeit in Anspruch. Warum kommen Frauen dann auch ausserhalb dieser Zeit nicht voran? Warum kommen Frauen in anderen zivilisierten Ländern besser voran als in Deutschland? "Kompromisse dienen dem Machterhalt". Machterhalt kann kein Selbszweck sein. Kompromisse kann man auch bis zur Selbstaufgabe betreiben, wie der Stabilitätsmechanismus zeigt. Dabei zu sein, um einer grundsätzlich gegensätzlichen politischen Agenda zur Mehrheit zu verhelfen, ist auch Entscheidungsstärke, schädigt jedoch die eigene Partei und die Zukunft des Landes.

Wessi am 17.07.2020

@ Untergegangener ...wozu brauchen wir denn "Deutschland"?Nennen Sie einen Grund!Allerdings haben wir eine erfolgreiche Kanzlerin+kluge Politiker*innen die auch die Gelichbehandlung schon hinbekommen werden.Das mag für die BRd sprechen.

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