Klimaprotest "Fridays for Future" und der Populismus-Vorwurf

Kürzlich sorgte ein Kommentar von Michael Kaste für Wirbel. Der Politikchef von MDR AKTUELL Hörfunk zog in seinem Kommentar Parallelen zwischen Fridays for Future und populistischen Bewegungen. Das kam bei der Klimabewegung gar nicht gut an. Wie ist das mit Fridays for Future und dem Populismus?

Demonstranten nehmen mit Transparenten mit der Aufschrift "Wir sind jung und brauchen die Welt" an einer Kundgebung der Bewegung Fridays For Future teil.
Auch in der Corona-Zeit demonstrieren Fridays for Future für mehr Klimaschutz. Bildrechte: dpa

So oft der Begriff "Populismus" auch fällt: Eine verbindliche, einzig gültige Definition gibt es nicht davon. Ein Modell hat das Wissenschaftszentrum Berlin gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung entwickelt. Populismus werde dort in drei Dimensionen eingeteilt, erklärt Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel: "Anti-Establishment, Pro-Volkssouveränität, Anti-Pluralismus. Und die haben wir in acht Aussagen übersetzt. Und wenn die Befragten antworten, ich stimme voll und ganz zu, und das bei allen acht Aussagen, dann nennen wir eine solche Person populistisch eingestellt.

Wissenschaftler sind unterschiedlicher Meinung

Man könne nicht einzelne Punkte herausziehen und dann beliebig einschätzen, meint der Demokratieforscher. So sei Fridays for Future etwa keine Anti-Establishment-Bewegung. Wer vor den Vereinten Nationen sprechen dürfe oder zur Kanzlerin komme, sei längst Teil des Establishments, erklärt Wolfgang Merkel.

Der Klimaforscher Hans von Storch sieht dagegen durchaus populistische Züge bei Fridays for Future: "Das geschieht dadurch, dass sie sich beziehen auf Aussagen von Wissenschaftlern. Und dann sagen, das ist die Wissenschaft. Und es sind immer diejenigen, die medial am deutlichsten sichtbar sind und sich auch nicht scheuen, aus ihrem Wissen unmittelbar politische Forderungen abzuleiten und mit ihrer wissenschaftlichen Autorität abzustützen." Neben eben diesen Forderungen vermisst von Storch klare Lösungsansätze vonseiten der Klimabewegung.

Reaktion von Fridays for Future

Die gebe es aber, erklärt Lara Edtmüller von der Ortsgruppe Dresden von Fridays for Future. Man gehe ganz bewusst ins Gespräch mit Politikern, um gemeinsame Lösungsansätze zu erarbeiten. Besonders auf lokaler und regionaler Ebene passiere ganz viel. "Zum Beispiel im Dresdner Stadtrat gab es schon viele Gespräche mit Leuten, die da im Stadtrat sitzen, wo es zum Beispiel um die Verkehrswende geht – um die konkrete Frage, wie wir in Dresden den Nahverkehr, die Fahrradwege, besser ausbauen können." Ein Demokratiedefizit sieht Edtmüller in den eigenen Reihen nicht. Ganz im Gegenteil: Es gebe bei Fridays for Future sehr viele verschiedene Meinungen darüber, wie man langfristig für Veränderungen beim Klima sorgen könnte. Wichtig sei am Ende immer das Ziel.

MDR AKTUELL-Politikchef Michael Kaste meint dazu: "Ich glaube, das Ziel von Fridays for Future, nämlich einen Klimakollaps zu verhindern – dagegen wird kein vernünftiger Mensch etwas einwenden. Aber in meinem Kommentar ging es nicht um dieses Ziel, sondern um die Methoden. Um die Argumentationsmuster und die sind, zumindest teilweise, populistisch. Und das ist schon ein wunder Punkt bei Fridays for Future." In einem Punkt sind sich alle einig: Dass es wichtig ist auf Augenhöhe miteinander zu sprechen. Nur so wird es möglich sein, Lösungen für die Klimakrise zu finden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. April 2021 | 06:24 Uhr

162 Kommentare

THOMAS H vor 4 Wochen

goffman: Ihren letzten Absatz "FFF .... ersparen." verstehe ich nicht. Wenn FFF sich wirklich der Komplexität und dem Maßnahmenumfang bewußt wäre, würde FFF doch schon jetzt auf Handy, digitale Ausweitung (Schulen), Elektromobiltät usw, wegen eines höheren Stromverbrauchs, zusätzlich zu Kohleausstieg und Verbrennergeiselung, verzichten. Desweiteren würden sie doch nicht die Forderungen stellen, wenn dann Einschränkungen kommen, welche die Lebensqualität (kaltes Wasser, keine Heizung, nicht nutzbares Internet wegen längerem Stromausfall usw) beeinflussen, wobei es fraglich ist, ob sich die Kosten der kommenden Generationen verringern, wenn der Strom teuer aus anderen Länder (Kernkraft, Kohle) bezogen werden muß.
Für mich steht fest: Erst wenn die gesamte Weltpolitik und - wirtschaft, gemeinsam gegen den Klimawandel etwas unternehmen wird, kann sich etwas ändern. Auch FFF wird nichts erreichen, wenn die Weltpolitik und -wirtschaft nicht will.

schneefuchs vor 4 Wochen

Vielen Dank an Katja-Dietrich Stieler, besonders aber an Lorenz Hoffmann für seinen Gegenkommentar (heute bei MDR aktuell). Ich bin froh, dass die ursprüngliche Meinungsäusserungen von Herrn Kaste nicht einfach so unerwidert vom MDR stehen gelassen wurden.

goffman vor 4 Wochen

Und YouTube zeigt natürlich die Realität.
1. Aus dem realen Leben kann ich den Eindruck von Denkschnecke bestätigen: vor allem im Vergleich mit anderen Demos derselben Größenordnung ist FFF ein Reinigungstrupp.
2. Ich habe versucht Ihre Behauptung zu verifizieren und auf YouTube nach entsprechenden Videos gesucht. Auf den Videos, die ich gefunden habe, sah ich weder Einwegbecher noch Müll.
Wenn ich eins finden würde (wie gesagt: hab ich nicht) müsste man sich natürlich trotzdem fragen, ob es 1. repräsentativ ist (Schwarze Schafe mag es ja sicher geben) 2. ob herumliegender Müll von den Teilnehmern stammt und 3. ob das Video "echt" ist - YouTube Videos bieten massig Manipulationsmöglichkeiten

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