Feminismus Gendern verringert Sprachverstehen nicht

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Am Montag ist Weltfrauentag. Seit genau 100 Jahren wird immer am 8. März auf die Rechte von Frauen aufmerksam gemacht. Geht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter kommt man aktuell an einem Thema nicht vorbei – der geschlechtergerechten Sprache. Über Für und Wider dieser Sprache wird munter gestritten, für die Wissenschaft dagegen ist die Lage klar.

Aufkleber mit Aufschrift *innen an einem Stromkasten
Sprache kann zum Beispiel durch das Gendersternchen geschlechtergereht werden. Bildrechte: imago images/Ralph Peters

Der Lkw-Fahrer, die Studentin, das Kollegium. Drei Substantive, drei grammatische Geschlechter. Männlich, weiblich und sächlich. So weit, so klar. In der Mehrzahl aber heißt es: Die Lkw-Fahrer, die Studenten, die Kollegen. Ungenannt bleiben in den Ohren einiger Menschen damit die Frauen am Steuer, im Seminar oder Büro. Eine Lösung dafür soll das Gendern darstellen – also die geschlechtergerechte Sprache. So macht es auch Sophie aus Leipzig: "Ich sage nicht nur LKW-Fahrer, sondern LKW-Fahrer_Innen. Da ist nach der männlichen Form eine kurze Pause und dann wird die weiblich Form drangehangen."

Doch die Debatte um geschlechtergerechte Sprache hat in Deutschland kein leichtes Los. "Zu kompliziert" und "unverständlich" sind oft gehörte Gegenargumente, auch von Sprachverhunzung ist gern die Rede. Im Deutschen würden generell jegliche sprachliche Veränderungen kategorisch abgelehnt, sagt die Linguistin Damaris Nübling. Das gelte für die Rechtschreibreformen, bei Anglizismen, vor allem aber für die geschlechtergerechte Sprache.

Pluralformen lassen eher an Männer denken

In der Sprachwissenschaft sei bereits in 20 verschiedenen Experimenten untersucht worden, ob und wie Gendern funktioniere. Nübling erklärt ein Beispiel, bei dem man Personen bittet, Figuren in einem Satz Namen zu geben. Der Satz könnte folgender sein: "Es treffen sich zwei Vegetarier und drei Hundehalter vor einer Metzgerei." Die Aufgabe sei nun den Figuren Namen zu geben und die Geschichte weiterzuspinnen. "Und bei zwei Vegetariern und drei Hundehaltern da kommen in aller, aller Regel Männer raus", so Nübling.

Heißt: Die herkömmlichen Pluralformen - wie "die Hundehalter" – lassen eher an Männer als an Frauen denken. Ein anderes Experiment bewies laut Nübling, dass sich dieser Effekt am besten mit einer kurzen Sprechpause (Glottal Stop) verhindern ließ – also wenn von "Hundehalter_Innen" gesprochen wurde.

Gendern mindert nicht das Textverstehen

Eine weitere Untersuchung zeigte, dass Gendern das Sprachverstehen auch nicht erschwert: "Man hat Testpersonen, die nicht wussten worum es ging, Beipackzettel von Arzneien gegeben. Ihnen wurde gesagt, es würde ihr Gedächtnis geprüft und sie sollen möglichst präzise, das, was in den Beipackzetteln drin steht, im Anschluss beantworten."

Natürlich unterschieden sich die Beipackzettel: In der einen Gruppe gab es die herkömmlichen Pluralformen, in der zweiten eine Doppelnennung – wie "Patienten und Patientinnen" und in der dritten Version war von den Patient_Innen die Rede. Das Ergebnis: Es gab keine Unterschiede im Textverstehen.

Die meisten Deutschen aber lehnen Umfragen zufolge eine geschlechtergerechte Sprache dennoch ab. Auch Frauen wie Inga Neumann, Professorin aus Regensburg: "Ich nehme die Debatte immer mit größtem Erstaunen wahr. Die gegenwärtige Debatte über diese gendergerechte Sprache ist aus meiner Sicht komplett befremdlich." Die Diskussion darüber aber wird sicher nicht so schnell abebben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. März 2021 | 07:55 Uhr

173 Kommentare

Wessi vor 5 Wochen

@ Norbert ...nana, ich bin ja was Kultur anbelangt völlig Ihrer Meinung.Aber ich maße mir nicht an, die Kultur von Anderen als "Verhunzung" oder was weiß ich auch immer zu bezeichnen.Das ist genau das wie 1933-45 Kunst als "entartet" bezeichnet wurde.Jede*r darf seine Kultur haben.Wer Kultur aufzwingt ist Faschist.Wenn Ihnen etwas "überflüssig" scheint, na, dann nutzen Sie es nicht,andere denken anders.Respektieren Sie das!Ich stehe zu 100% hinter den Genoss*innen Esken+Künert.Und die SPD braucht nicht die Sympathie von...naja...das ist alles OT.

THOMAS H vor 5 Wochen

Jan: Ich habe Freiheit so verstanden, das durch die Einführung der Gender-Sprachverunstaltung (m. M.) in den Behörden, sich dies auf die gesamte Gesellschaft auswirken wird und Menschen in Zukunft gezwungen werden, sich dieser Schreibweise (vor allem im behördlichen Bereich) anzunehmen. Die Behördensprache ist so schon kompliziert zu verstehen und wird dann noch undurchsichtiger und unverständlicher. Ich warte auf den Tag, wo der Genderunsinn in täglichen Serien auftaucht und der "Schluckauf" die Sprachverfolgung (welche heute schon durch zu laute Hintergrundmusik gestört wird) noch mehr erschwert wird. Gleichberechtigung bringt das Gendern bestimmt nicht und ich schalte schon jetzt jede Sendung mit diesem Genderunsinn aus, da es oft genug, durch die fehlende "I"-Pause nur in weiblicher Form zu verstehen ist.
Vielleicht verstehen Sie nun, was Freiheit, m. M. mit Zwang gemeint hat.

Norbert 56 NRW vor 5 Wochen

Die Seite woher es kommt ist mir völlig egal, ich empfinde dieses Gendergaga einfach völlig überflüssig. Eine Verhuntzung der deutschen Sprache, nicht mehr und nicht weniger. Das Beispiel mit der SPD geht nicht gegen ihre geheiligte Partei, sondern sollte aufzeigen wieviele den Knall nicht gehört haben. Die verbohrte Stutenbissigkeit ihrer Vorsitzenden incl der blinden Gefolgschaft von Wetterfähnchen Kühnert erzeugt keine Sympathien...

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