Meldungen per Fax Digitalisierung der Gesundheitsämter geht schleppend voran

Lydia Jakobi, Autorin und Reporterin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

In der Corona-Krise wurde offensichtlich, wie sehr die Gesundheitsämter in der Digitalisierung hinterherhinken. Viele arbeiten mit Papier und Excel-Tabellen. Testergebnisse werden häufig per Fax verschickt. Der Bund hat deshalb versprochen, die 375 Gesundheitsämter beim Aufbau der digitalen Infrastruktur zu unterstützen. In einem ersten Schritt sollten 50 Millionen Euro fließen. Doch das Geld ist noch nicht überall angekommen.

Soldaten unterstützen im Landratsamt Vorpommern-Greifswald das Gesundheitsamt bei der Corona-Kontaktnachverfolgung.
Bei der Kontaktnachverfolgung hilft den Gesundheitsämtern derzeit die Bundeswehr. Bei der digitalen Infrastruktur will die Bundesregierung unter die Arme greifen. Bildrechte: dpa

Die Liste, die das Gesundheitsamt in Halle geschickt hat, liest sich wie ein Wunschzettel: Die Behörde braucht Video- und Konferenztechnik, Computer und Zubehör, leistungsstarke Server und eine neue Software. Nur das Geld, das der Bund dafür versprochen hat, ist noch nicht da, heißt es auf Anfrage von MDR AKTUELL.

So geht es vielen Ämtern, erklärt Ute Teichert, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes: "Ich weiß, dass viele darauf noch warten und ich weiß, dass im Moment auch die Vereinbarungen dafür noch in der Umsetzung sind." Nach ihrer Einschätzung ist das Geld noch nicht flächendeckend ausgezahlt worden.

Verträge noch nicht geschlossen

In Sachsen-Anhalt wurde die notwendige Vereinbarung mit dem Bund zwar unterzeichnet. Es geht allein hier um 1,4 Millionen Euro. Nun müsse aber noch eine andere bürokratische Hürde genommen werden, sagt Lothar Theel vom Landkreistag: "Ja, zugesagt ist das Geld. Aber es ist noch nicht geflossen, weil da vorher noch Zuwendungsverträge geschlossen werden müssen." Die Verträge sollen im Januar fertig werden. Die Gesundheitsämter können die benötigte Technik aber schon vorher beantragen.

In Sachsen ist man einen Schritt weiter. Das Sozialministerium schreibt, die insgesamt rund 2,5 Millionen Euro seien vollständig ausgezahlt worden. Im Kreis Nordsachsen sind zum Beispiel mehr als 110.000 Euro angekommen. Das Ministerium erklärt: "Die Landkreise und kreisfreien Städte können die Gelder im Rahmen der durch die Verwaltungsvereinbarung mit dem Bund festgelegten Verwendungszwecke selbständig für die Verbesserung ihrer Hard- und Softwareausstattung verwenden."

Systemwechsel im Krisenmodus

Ute Teichert vom Verband der Amtsärzte sagt, das sei der einfache Teil der Digitalisierung. Schwieriger werde es, die Gesundheitsämter deutschlandweit zu vernetzen und die Kommunikationswege zu vereinheitlichen. Auch das gehört zu den Zielen des Bundes. Nur: Es dauert. Teichert erklärt: "Über die Monate haben die Gesundheitsämter eigene Lösungen aufgebaut, die für sich auch gut funktionieren. Und es ist natürlich superschwierig in einer Situation, wo einen die Arbeit überrollt, dann auch noch Zeit zu finden, um neue Systeme zu installieren. Das ist eine Herkulesaufgabe."

Auch das Gesundheitsamt in Halle hat zur Erfassung der Corona-Daten eine eigene Software entwickelt. Ab 1. Januar sei man allerdings verpflichtet, das allgemeine Meldesystem mit dem Namen DEMIS zu nutzen, heißt es von der Stadt. Das soll später in der einheitlichen Plattform SORMAS aufgehen, die sich noch in der Pilotphase befindet.

Weitere Milliarden sollen fließen

Die Soforthilfe, die der Bund im Mai für die Anschaffung neuer Technik bereitgestellt hat, ist also nur der Anfang. Lothar Theel vom Landkreistag Sachsen-Anhalt rechnet vor, dass die 50 Millionen Euro für die Landkreise in Sachsen-Anhalt jeweils zwischen 50.000 und 150.000 Euro bedeuten. "Das ist ja wirklich nicht viel Geld. Und das Ziel ist ja ein digitales Gesundheitsamt und dafür stellt der Bund bis zum Jahr 2026 vier Milliarden zur Verfügung."

Das heißt also, das ist noch nicht der ganz große Wurf.

Lothar Theel Landkreistag Sachsen-Anhalt

Trotzdem wäre es ein Fortschritt, wenn zumindest diese 50 Millionen schon komplett ausgezahlt wären.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Dezember 2020 | 05:00 Uhr

16 Kommentare

Normalbuerger vor 37 Wochen

Das kann ich nicht sagen, was aber klar ist , dass dort jegliche Bezahlerei mit Handy ,Karte etc. funktioniert! Bargeld ist dort nur noch theoretisch vorhanden! Aber für Digitalisierung muss man auch als Staat/ Bevölkerung bereit sein. Diesen krassen Unterschied sehe ich immer wieder, wenn ich an der Kasse des Supermarktes stehe und mit ansehen muss wie Leute unterschiedlichen Alters Ihre Geldscheine und Münzen stundenlang aus dem Portemonnaie kramen ?

ElBuffo vor 38 Wochen

Hätten wir hierzulande auch eine Wüste, würde da das Netz möglicherweise auch besser sein, da sich dort selten jemand fände, der dem Ausbau Steine in den Weg legt. Aber um es mal konkret zu machen: Wieviel Anschlüsse/Nutzer gibt es in der namibischen Wüste?

Normalbuerger vor 38 Wochen

Genauso sieht es aus und beim Arbeitsamt geht es gleich weiter. Mit jedem vermittelten Arbeitslosen, sägen die Vermittler an ihrem eigenen Stuhl ! Wer sollte das ernsthaft wollen? Was für ein krankes System!

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