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Beim Nudelhersteller Teigwaren Riesa haben es die Beschäftigten geschafft, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Bildrechte: dpa

Niedergang gestoppt?Gewerkschaften erzielen im Osten Erfolge

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Stand: 09. Februar 2022, 07:18 Uhr

Gewerkschaften hatten es in Ostdeutschland lange schwer. Die Mitgliederzahlen sanken stetig. Nur eine Minderheit der Betriebe zahlte Tariflöhne. Doch zuletzt meldeten die IG Metall und die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten Erfolge. In der sächsischen Gastronomie steigen die Einstiegslöhne um fast 30 Prozent, in der ostdeutschen Metallbranche reduzieren sich die Arbeitszeiten in Richtung 35-Stunden-Woche. Stehen die Gewerkschaften im Osten vor einem Comeback?

Man muss es realistisch sehen. Noch immer wird nur jeder dritte Ostdeutsche nach einem Branchentarifvertrag bezahlt. Trotzdem bewegt sich etwas. Und das hat mit Menschen wie Bernd Kruppa zu tun. Seit vielen Jahren begleitet der IG-Metaller die Autoindustrie bei Leipzig. Der Gewerkschafter betreute die Heerscharen an Leiharbeitern, die für möglichst wenig Lohn Porsche und BMW unterstützen sollten.

Start ohne Strukturen

Kruppa erzählt: "Anfänglich war es so, dass es überhaupt keine Tarifverträge gab. Und insofern sind wir dazu übergegangen, erst einmal Gremien, also Betriebsratsgremien zu organisieren. Dann haben wir im zweiten Schritt auch überlegt, wie kann man Tarifstrukturen auf Basis von IG-Metall-Tarifverträgen organisieren."

Inzwischen erhalten Leiharbeiter in den Autofabriken Löhne nach Tarif. Die Belegschaften haben sich das mit der IG Metall erstritten. Die Gewerkschaft wächst im Osten wieder leicht. Der Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen meldete zuletzt rund 102.000 Mitglieder. Vergangenes Jahr sind knapp 7.900 neu eingetreten – vor allem in Sachsen.

Pandemie bremst Gewerkschaft aus

Auch die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten meldet in Ostdeutschland Erfolge. Zwar ist die Mitgliederzahl vergangenes Jahr um zwei Prozent gesunken. Ost-Chef Uwe Ledwig führt das aber auf die Pandemie zurück, ein Sondereffekt durch Lockdowns in Gastronomie und Handel: "Im Industriebereich, also der Ernährungsindustrie, haben wir in den letzten drei Jahren 2.000 neue Mitglieder gewonnen mit einer klar steigenden Tendenz."

Osten probiert neue Strategie

Doch wieso können einzelne Gewerkschaften im Osten wieder Mitglieder binden, während die Zahlen bundesweit weiterhin sinken? Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung macht dafür eine neue Strategie aus. Weil im Osten in nur wenigen Betrieben Flächentarifverträge gälten, würden sich Gewerkschaften nun verstärkt auf einzelne, prominente Betriebe konzentrieren, sagt Forscher Thorsten Schulten.

"Ein sehr, mittlerweile schon berühmtes Beispiel in Ostdeutschland ist der Nudelhersteller Teigwaren Riesa, wo quasi wie im Lehrbuch der Organisationslehre es den Beschäftigten gelungen ist, erst einen Betriebsrat zu bilden, dann die gewerkschaftlichen Organisationsgrad deutlich zu erhöhen, um dann im letzten Schritt auch tatsächlich einen Tarifvertrag durchzusetzen."

Fachkräftemangel verhilft zu höheren Löhnen

Dass dies in diversen Betrieben gelungen ist, liegt allerdings nicht nur an Geschick. Der demographische Wandel spiele den Ost-Gewerkschaften in die Hände, meint Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle.

Seiner Einschätzung nach "spüren die Arbeitgeber den Mangel an Arbeits- und Fachkräften besonders stark und stimmen daher Lohnerhöhungen zu. Und dieser Arbeitskräftemangel wird aufgrund der ungünstigen demographischen Entwicklung in unseren Ländern nicht besser werden, vor allem auf dem Land im Osten."

Ost-West-Angleichung bleibt ungewiss

Könnte der Osten also noch mehr aufholen, eine Tarifbindung wie im Westen erreichen? Müller ist unentschieden: "Ob die Tarifbindung im Osten wieder zunimmt, lässt sich schwer prognostizieren. Wenn der Wettbewerb um Arbeitskräfte besonders eng wird, besonders hart wird, und Unternehmen den Eindruck haben, sie werden auf dem Arbeitsmarkt damit punkten, dann werden sie verstärkt da reingehen."

Für Gewerkschafter wie Bernd Kruppa oder Uwe Ledwig sind das gute Aussichten. Noch ist der Weg zu einer Ost-West-Angleichung weit. Doch der jahrelange Niedergang der Gewerkschaften im Osten scheint - zumindest in bestimmten Branchen - gestoppt.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 09. Februar 2022 | 06:00 Uhr