Dritte Corona-Welle Steigende Infektionszahlen nicht auf mehr Tests zurückzuführen

Die Inzidenzen steigen. "In Deutschland hat die dritte Welle schon begonnen", sagt der Chef des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler. Warum ist das so? Hat das damit zu tun, dass wirklich mehr Menschen erkranken? Oder liegt es vielleicht einfach daran, dass mehr getestet wird?

Oberfeldwebel Lisa Höhne führt einen Corona-Schnelltest im sogenannten Schnelltest-Bus durch.
Ein verstärkter Einsatz von Schnelltests soll mehr Klarheit über das Infektionsgeschehen bringen. Bildrechte: dpa

Ein Beispiel aus Magdeburg: Hier gibt es seit Jahresbeginn ein Antigen-Schnelltestzentrum und zwar im Stadtteiltreff Oase. Letzte Woche wurden knapp 1.300 Menschen getestet, erklärt die Leiterin Dr. Katrin Borucki von der Uniklinik. Reichlich zwei Prozent seien positiv gewesen. "Und wenn wir einen positiven Befund detektieren, wird anschließend vor Ort ein zweiter Abstrich durchgeführt." Dieser Abstrich werde dann am Universitätsklinikum mittels PCR untersucht. "Und wenn sich dieses Testergebnis bestätigt, erfolgt auch sofort eine Meldung an das Gesundheitsamt."

Katrin Borucki und ihre Mitarbeiterinnen testen zurzeit etwas mehr als noch Anfang Januar. Der Bedarf in der Bevölkerung habe zugenommen. Die Medizinerin sagt, sie könne sogar noch ungefähr 30 Prozent mehr Menschen testen. Die Kapazitäten dafür seien da, aber das sei personalintensiv und dieses Personal müsse erstmal rekrutiert und finanziert werden.

Deutlich weniger PCR-Tests als Ende letzten Jahres

Mehr Tests, mehr entdeckte Infizierte – das stellt auch Katrin Borucki fest. Jedoch ist Magdeburg nur ein winziger Ausschnitt im Infektionsgeschehen. Insgesamt nämlich wird bundesweit zurzeit ziemlich wenig getestet. Das zeigt ein Blick auf die Statistik der PCR-Tests. Zuletzt werteten die Labors in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts im Schnitt reichlich eine Million PCR-Tests pro Woche aus. Das sind so wenige wie seit Monaten nicht. Im November und Dezember waren es bis zu anderthalb Millionen.

Die sogenannte Positivenquote, also der Anteil positiver Testergebnisse an allen Tests, ist seit dem Infektionshöhepunkt rund um den Jahreswechsel gefallen. Seit Mitte Februar bleibt sie aber konstant, mit leicht steigenden Tendenzen. Auch das spricht gegen die These, dass die steigenden Infektionszahlen auf einen erhöhten Einsatz von Schnelltests zurückgehen.

Testmöglichkeiten werden nicht ausgeschöpft

Zu Schnelltests werden keine Statistiken geführt. Es ist aber anzunehmen, dass bundesweit auch die Zahl der Schnelltests auf niedrigem Niveau vor sich hin dümpelt. Wer nämlich ein positives Schnelltest-Ergebnis bekommt, der muss hinterher immer auch einen PCR-Test machen. Das heißt also: Die Zahl der PCR-Tests würde steigen, wenn mehr Schnelltests durchgeführt würden. Doch das tut sie nicht.

Der Virologe Klaus Stöhr kritisiert das im Gespräch mit MDR AKTUELL. Es sei fraglich, warum es noch immer keine Teststrategie in Deutschland gebe. "Wir wollen ja eine Bekämpfung vornehmen. Deswegen muss man sich konzentrieren auf die, die am stärksten betroffen sind. Das sind die Alters- und Risikogruppen."

Impfen und Testen – das sind zurzeit die beiden wichtigsten Instrumente, auf die die Bundesregierung im Kampf gegen die Corona-Pandemie setzt. Der Gedanke dabei: Sehr viele Tests würden die Inzidenzen zwar kurzfristig noch stärker steigen lassen. Aber man bekäme auch ein besseres Bild vom Infektionsgeschehen. 

Die Test-Kapazitäten werden aber bei Weitem nicht genutzt. Dem RKI zufolge könnten die Labors in Deutschland wöchentlich doppelt so viele Tests auswerten wie zurzeit. Der Virologe Stöhr fordert daher, die Testmöglichkeiten stärker auszuschöpfen und zwar vor allem in Alten- und Pflegeheimen. Bewohner und Personal sollten täglich getestet werden, um die Heime in No-Covid-Zonen umzuwandeln.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. März 2021 | 06:00 Uhr

297 Kommentare

DER Beobachter vor 14 Wochen

Kritiker - meinen Sie den kinderleichten und kinderverträglichen Selbstschnelltest oder den, wo das Fachpersonal wie Gottes Strafe den Leerdenkern in Kehle und Nase rumbohren muss? Letztere Aussicht würde die vllt. tatsächlich auf Distanz zu unserer Polizei halten...

Ritter Runkel vor 14 Wochen

Im vergangenen Sommer lag die Inzidenz lange bei unter 5, trotzdem haben die Gesundheitsämter es nicht geschafft, die zweite Welle zu verhindern, sie konnten nicht einmal die wichtigsten Infektionsorte und -wege feststellen.
Auch jetzt, wo die Werte vielerorts um die 50 liegen, sinken die Werte nicht, weil die Kontaktverfolgung wieder nicht funktioniert.
Dann haben RKI und Gesundheitsämter es immer noch nicht geschafft, Testdaten und Kontaktverfolgung digital zu organisieren, damit alle in Echtzeit dieselben Daten haben und damit alle auf einem hohen, professionellen Niveau arbeiten.
Nigeria und Ghana betreiben schon lange 100 % ihrer Gesundheitsämter mit der Deutschen! SORMAS-Software.
Unsere Behörden haben nach dem 1. Januar 2021, auch den zweiten Stichtag, den 28. Februar 2021, verpasst.

Kritiker vor 14 Wochen

@Peter: Was nutzen Lockerungen zBsp. im Einzelhandel, wenn die Geschäftsinhaber ihre Rücklagen aufgebraucht haben und daher keine Gelder für kommende Ausgaben mehr zur Verfügung haben.

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