Homosexuelle und Transmenschen Mehr Gewalt wegen sexueller Orientierung als bekannt

In Berlin hat sich die Gewalt gegen Homosexuelle und Transmenschen zuletzt verdoppelt. Das zeigt die bundesweit erste Monitoring-Studie dazu. Berlin ist bislang das einzige Bundesland, das Hasskriminalität gegen geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung in der Polizeistatistik erfasst. Das Queere Netzwerk Sachsen hält eine solche Erfassung auch hierzulande für überfällig.

Symbolfoto eines schwulen Paares, dass sich den Sonnuntergang ansieht
Nähe in der Öffentlichkeit kann dazu führen kann, dass man bedroht, beschimpft oder physisch attackiert wird: Für viele trans- oder homosexuelle Menschen in Deutschland ist das Realität. Bildrechte: imago images/Westend61

Die tödliche Messerattacke auf zwei homosexuelle Männer im Oktober in Dresden hat das Thema wieder ans Licht geholt: Gewalt gegen Menschen, die abseits der konservativen sexuellen Norm leben, ist leider alltäglich und nimmt dramatisch zu, wie Studien zeigen. Die Camino Werkstatt in Berlin veröffentlicht die bundesweit erste Monitoring-Studie zum Thema trans- und homophobe Gewalt im Auftrag des Landes Berlin. Hier soll kontinuierlich ausgewertet werden, was die Zahlen aus der Berliner Polizeistatistik bedeuten. Albrecht Lüter als Leiter der Team-Studie weiß:

Ganz grob kann man sagen, dass die Fallzahlen (...) – also die Fälle angezeigter Hasskriminalität gegen die geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung – ganz enorm gestiegen sind. Mittlerweile sind wir in Berlin bei ungefähr einer Anzeige pro Tag. Und das ist eine Verdopplung gegenüber von vor zwei Jahren.

Dr. Albrecht Lüter, Berlin
Mit einem Transparent mit der Aufschrift zur gleichnamigen Demonstration unter dem Motto: ?The future is intersectional ? queer perspectives? zieht ein Demonstrationszug durch Leipzig. Die Veranstalter der wollen fordern gleiche Rechte für Trans- und Nicht-Binäre-Personen sowie weltweite Solidarität mit Queeren. Es wurden 500 Teilnehmer für die Demonstration angemeldet.
Demonstration im Sommer in Leipzig Bildrechte: dpa

In Mitteldeutschland existieren kaum Zahlen in der Polizeistatistik. Es wird bisher nur wenig oder noch gar nicht zwischen Gewalt allgemein und trans- oder homophob motivierter Gewalt unterschieden. Berlin ist da bislang ein Vorreiter und nennt das Kind schon seit 1990 bei seinem Namen. Die anderen Bundesländer wollen hier zwar noch nachziehen, doch das dauert.

Sachsen-Anhalt hat eine Dunkelfeldstudie zu Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in Auftrag gegeben: Die Hochschule Merseburg arbeitet derzeit daran. Auch in Thüringen soll es eine Studie geben. Und Sachsen hat sie bereits.

Rechenbeispiel aus Sachsen

Machen wir also ein Rechenbeispiel aus Sachsen: Wir vergleichen Zahlen der Polizeistatistik, mit denen der ersten wissenschaftlichen Dunkelfeldstudie zu Gewalterfahrungen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans-, Inter- und queeren Menschen (LSBTIQ) in Sachsen von 2019. Martin Wunderlich ist Sprecher der Fachstelle LAG Queeres Netzwerk Sachsen, das die Studie durchgeführt hat. Und er sagt:

Da sind im Grunde genommen zwischen 2001 und 2017 (...) nur Straftaten in einem niedrigen zweistelligen Bereich überhaupt in die Statistik eingegangen. Mit unserer Studie konnten wir aber in einem Zeitraum von nur fünf Jahren über 1.600 solcher Verbrechen nachweisen.

Martin Wunderlich, Queeres Netzwerk Sachsen

Und das seien die ersten relevanten wissenschaftlichen Daten, mit denen man deutlich machen könne, "hier wir haben ein viel größeres Problem als es die offiziellen Zahlen ausweisen und deswegen sehen wir einen akuten Handlungsbedarf".

Nur elf Prozent derjenigen, die Opfer werden, zeigten den Angriff bei der Polizei auch an, sagt Wunderlich. Aber die Zahlen nähmen zu, denn Politik, Polizei und Justiz seien zunehmend für das Thema sensibilisiert. Doch genau daraus entstehe auch ein weiterer Grund für die rasant steigenden Zahlen. Das Thema werde zunehmend diskutiert und das rufe Gegner der Liberalisierung auf den Plan:

Das ist (...) die Ambivalenz, mit der wir uns seit Jahren auseinandersetzen müssen, dass wir auf der einen Seite Verbesserungen der Situation haben, (...) natürlich aber auch einen verstärkten Widerstand aus Teilen der Bevölkerung spüren.

Martin Wunderlich

Und dieser Widerstand führe bei manchen zur Gewalt. In Sachsen seien die Straftaten zu einem großen Teil dem rechten Milieu zuzuordnen, sagt Wunderlich. In der Berliner Studie sieht das etwas anders aus. Lüter spricht von einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Fast 80 Prozent der Straftaten lassen sich demnach keinem politischen Lager zuordnen. Auch vermehrt religiös-motivierte Gewalt, etwa von Menschen mit muslimischem Hintergrund, belege die Studie nicht.

Nur eines haben fast alle gemeinsam: Mehr als 90 Prozent der Tatverdächtigen sind Männer. Und die meisten von ihnen sind bereits der Polizei bekannt – zu einem großen Teil wegen Hasskriminalität, genauso wie auch der Attentäter von Dresden: Der junge Syrer war bereits als islamistischer Gefährder eingestuft.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Dezember 2020 | 05:00 Uhr

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