Tag gegen Gewalt an Frauen Mehr Gewalttaten gegen Frauen

In Deutschland wird jede dritte Frau Opfer von Gewalt. Ein internationaler Aktionstag am Mittwoch sollte für das Problem sensibilisieren. Verbände fordern von der Politik aktiveres Gegensteuern.

Aktivistinnen stehen am €žInternationalen Tag gegen Gewalt an Frauen†vor dem Brandenburger Tor und lassen Luftballons steigen.
Frauen-Protest am Brandenburger Tor in Berlin. Bildrechte: dpa

In Deutschland wird jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer oder sexualisierter Gewalt. Jeden dritten Tag tötet ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Der Blick auf die Statistik des Bundeskriminalamts ist so ernüchternd wie in den letzten Jahren: Seit 2017 steigen die Fälle von partnerschaftlicher Gewalt. Knapp 115.000 Fälle waren es im vergangenen Jahr.

Anstieg auch in Mitteldeutschland

Auch der Blick nach Mitteldeutschland spiegelt die zunehmende Gewalt gegen Frauen. In Sachsen etwa gab es 2019 über 5.000 weibliche Opfer und einen Anstieg der Straftaten um knapp drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Sachsen-Anhalt verzeichnet für das letzte Jahr etwas mehr als 4.000 Fälle von Gewalt in Partnerschaften – 3.253 dieser Opfer waren Frauen. Aus dem Thüringer Sozialministerium liegen MDR AKTUELL hierzu keine Daten vor.

Hohe Dunkelziffer

Die Zahlen der Polizeistatistik zeigten jedoch "nur die Spitze des Eisbergs", mahnt die frauenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Ricarda Lang. Sie fordert einen individuellen Rechtsanspruch für Frauen, ausreichend Frauenhausplätze und eine finanzielle Beteiligung vom Bund.

Die Polizeistatistik muss überarbeitet und konkretisiert werden, damit das tatsächliche Ausmaß an Gewalt gegen Frauen auch wirklich abgebildet wird und adäquat bekämpft werden kann.

Ricarda Lang, Bündnis 90/Die Grünen

Verbände fordern schnelles Handeln

Auch der Verein "Terre des Femmes" beobachtet die zunehmende Gewalt gegen Frauen mit Sorge. "Wichtig wäre jetzt, dass man aus dieser erneuten dramatischen Bestätigung endlich auch die richtigen Schlüsse zieht und eine flächendeckende Offensive gegen geschlechtsbasierte Gewalt startet", fordert Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle.

Das Bundesfamilienministerium hat vor einem Jahr gemeinsam mit einer Reihe von Bündnissen die Initiative "Stärker als Gewalt" gestartet. Ab 2020 sollen damit insgesamt 120 Millionen Euro zusätzlich für den Ausbau von Beratungsstellen und Frauenhäusern zur Verfügung gestellt werden.

Ein Diagramm zu Gewalt gegen Frauen
Bildrechte: MDR/Max Schörm

Defizite in Ostdeutschland

Eine der Partnerorganisationen dieser Initiative ist der "Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe" (BFF). Der Verband betreibt bundesweit rund 200 Notrufe und Beratungsstellen für Frauen, macht Öffentlichkeitsarbeit und organisiert Seminare zum Thema Gewalt gegen Frauen. BFF-Referentin Katharina Göpner kann auch eine positive Entwicklung aufzeigen. Immer mehr Frauen und Mädchen suchten Hilfe in den Beratungsstellen. Vor allem in den neuen Bundesländern fehle es aber an Beratungsstellen. Opfer müssten dann weit fahren oder lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Europaweite Notrufnummer geplant

Seit über zwei Jahren ist die Bundesregierung auch gesetzlich dazu verpflichtet, sich gegen Gewalt an Frauen einzusetzen und Betroffenen Schutz und Beratung zu gewährleisten. Denn seit 2018 gilt die Istanbul-Konvention, eine Verpflichtung aller EU-Mitgliedsstaaten, diskriminierende Gesetze abzuschaffen und von Gewalt betroffenen Frauen zu helfen.

Ein bundesweites Hilfetelefon gibt es in Deutschland bereits seit 2013. Unter der Nummer 08000 116 016 werden Frauen, die Gewalt erfahren, kostenfrei und rund um die Uhr beraten.

Nun soll es eine europaweit einheitliche Notrufnummer geben. Darauf haben sich die Gleichstellungsministerinnen und -minister der EU-Staaten sowie der Schweiz, Norwegen, Island, und Liechtenstein am Freitag geeinigt.

Gewalt gegen Frauen geht uns alle an und ist nirgendwo Privatsache. Sie betrifft sämtliche Altersgruppen und soziale Schichten.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD)

Beratungen sind wichtiger geworden

Mit der Corona-Pandemie habe sich die Situation für von Gewalt betroffene Frauen verschärft, erklärt Göpner vom BFF. Das Virus sei zwar nicht die Ursache der Gewalt. "Aber die wiederholten starken Kontaktbeschränkungen können die Situation für gewaltbetroffene oder von Gewalt bedrohte Frauen und Mädchen zusätzlich erschweren, zum Beispiel wenn sie mit dem Täter in der gleichen Wohnung leben oder weil Kontakte zu Freunden und Freundinnen eingeschränkt sind", merkt Göpner an. Die Beratungsstellen seien auch im Lockdown erreichbar und die Gespräche fänden zum Teil telefonisch statt.

Verlässliche Zahlen dazu, ob die häusliche Gewalt sowie die Gewalt an Frauen mit der Corona-Krise zugenommen hat, gibt es noch nicht. Doch auch andere Initiativen und Frauenhäuser meldeten bereits eine gestiegene Nachfrage an Hilfsangeboten.

Aktionstag gegen Gewalt an Frauen

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen fanden am Mittwoch auch in Mitteldeutschland an vielen Orten Aktionen statt, um auf die Thematik aufmerksam zu machen. Zur weltweiten Aktion "Orange Days" wurden Gebäude in orange angestrahlt und Fahnen gehisst. Daran beteiligten sich etwa die Städte Leipzig, Erfurt und Wittenberg, in denen die Rathäuser am Mittwochabend orange leuchten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 25. November 2020 | 17:45 Uhr

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