Angela Merkel Bilanz: Was bleibt von Merkels Kanzlerschaft im Osten?

Mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet die Bundeswehr die scheidende Kanzlerin Angela Merkel. Während ihrer Kanzlerschaft hat sie eng mit den Ministerpräsidenten der Länder zusammengearbeitet, auch im Osten. Doch ihre ostdeutsche Herkunft blendete die Kanzlerin aus. Ebenso den Fakt, die erste Frau im Amt zu sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) informiert im Bundeskanzleramt über den virtuellen G20-Sondergipfel zur Krise in Afghanistan.
Bald ist so ein Bild Geschichte: Angela Merkel hält eine Pressekonferenz im Namen der Bundesregierung. Bildrechte: dpa

Christine Lieberknecht sitzt am Schreibtisch im Arbeitszimmer ihres Hauses in der Nähe von Weimar. Die Antwort auf die Frage, ob sie Bundeskanzlerin Angela Merkel vermissen wird, muss sie nicht lange suchen: "Ich persönliche werde sie auf jeden Fall vermissen. Diese Konsequenz und auch diese Uneitelkeit, mit der sie ihr Tagesgeschäft betrieben hat, wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben."

Enge Bund-Länder-Beziehungen

Zwischen Oktober 2009 und Dezember 2014 war CDU-Mitglied Christine Lieberknecht Ministerpräsidentin von Thüringen. In dieser Zeit hat sie eng mit der scheidenden Kanzlerin zusammengearbeitet.

Sie war immer wieder von der Kanzlerin beeindruckt: "Es war erstaunlich, wie ernst Angela Merkel die Bund-Länder-Beziehungen genommen hat. Es gab keine Vorbereitung auf der Unions-Seite, wo sie nicht am Abend einer Bundesratssitzung intensiv mit den Ministerpräsidenten gesprochen hätte. Sie hat ihren Terminkalender, auch die Auslandsreisen, danach ausgerichtet, am Vorabend der Bundesratssitzungen auf jeden Fall im Land zu sein."

Zu wenig "ostdeutscher Nimbus"

Nach Ansicht von Christine Lieberknecht wollte Angela Merkel die Kanzlerin für alle sein und hat deshalb ihre Herkunft ausgeblendet. So sieht es auch ihr Nachfolger im Amt, der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow.

In seinen Augen hat Angela Merkel aber noch mehr verleugnet. Man habe weniger gespürt, dass sie eine Frau ist: "Was man spürte, war immer die Naturwissenschaftlerin, die Themen sehr rational bearbeitet, das hat sie großartig gemacht", betont Ramelow.

16 Jahre Bundeskanzlerin Merkel. Was bleibt? Der Aufbau Ost ist weit gekommen, aber noch nicht abgeschlossen. Noch immer sind gleiche Lebensverhältnisse zwischen Ost- und West ein Wunschtraum. Wirtschaftlich hinkt der Osten dem Westen hinterher. Das Brutto-Inlandsprodukt der ostdeutschen Länder erreicht 78 Prozent des westdeutschen Niveaus.

Ich hätte mir eine stärkere Kanzlerin mit ostdeutschem Nimbus gewünscht

Bodo Ramelow Ministerpräsident Thüringen

Auch die Renten-Ungerechtigkeit gibt es noch, etwa bei geschiedenen Ehefrauen oder bei Ehefrauen, die nicht gearbeitet haben um die Familie zu lenken. Ministerpräsident Bodo Ramelow sagt dazu: "Die Kanzlerin kannte diese Themen alle, das weiß ich aus mehreren Gesprächen. Immer wieder hatte ich den Eindruck, jetzt wolle man es anpacken. Auch diese letzte Bundesregierung hatte es im Koalitionsvertrag stehen und es wieder nicht gemacht. Das verbittert Menschen und das ist der Blickwinkel, aus dem ich sage, ich hätte mir eine stärkere Kanzlerin mit ostdeutschem Nimbus gewünscht."

Ramelow: Merkel nicht verantwortlich für AfD im Osten

Dass sie das nicht tat, führt Bodo Ramelow vor allem auf westdeutsch zentrierte Bundesregierungen zurück, die den Osten eher ausgeblendet haben. Auch für das Erstarken der AfD in Ostdeutschland gibt er nicht der Bundeskanzlerin die Schuld, die 2015 für Hunderttausende Menschen auf der Flucht die Grenzen öffnen ließ: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das, was der Thüringen Monitor schon seit 20 Jahren andeutet und aufzeigt, nämlich, dass es 20 bis 25 Prozent Potential in der Gesellschaft gibt, jetzt sichtbar geworden ist."

Das könne man womöglich zeitlich mit der Flüchtlingssituation einordnen, sagt Ramelow, aber: "Die Schuld und die Verantwortung tragen bitte die, die mit Rechtsextremen zusammen marschieren. Und nicht die Bundeskanzlerin Merkel."

Stärke Merkels "nicht auf ersten Blick spürbar"

Am Abend ihrer Verabschiedung wird Bodo Ramelow Angela Merkel noch zweimal treffen. In der Ministerpräsidenten-Konferenz und beim Großen Zapfenstreich in Berlin. Bei der feierlichen Verabschiedung der Bundeskanzlerin ist er als Bundesratspräsident dabei.

Was bleibt für ihn von Angela Merkel? Bodo Ramelow muss nicht lange überlegen. Es ist vor allem ein Bild: "Sie macht einen Eindruck, bei der man ihre Stärke nicht auf den ersten Blick spürt. Es gibt andere Bilder von Männern, die mir jetzt gerade in den Sinn kommen, bei denen ich denke, man spürt die Kraft, aber nicht die Fähigkeit."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 02. Dezember 2021 | 06:19 Uhr

84 Kommentare

Ilse vor 7 Wochen

Frau K.
"Franzosen haben nach Tschernobil keine radioaktive Wolke"

Sie irren, die östlichen u. südlichen Landesteile Frankreichs schon.
Und wenn sie glauben, Merkel habe den Ausstieg aus rationalen Gründen, nach mehreren Pirouetten, gemacht auch.

Frau K. vor 7 Wochen

@Wessi
Ich glaube in der DDR haben die Frauen mehr Jahre zusammenbekommen und mehr ganztags gearbeitet. Kinder kamen ja mit 6 Wochen schon in die Kindergrippe (ein volles Babyjahr gab es erst ab Ende 1985) und haben selten teilzeit gearbeit. Vielleicht erklärt das den Unterschied.

Frau K. vor 7 Wochen

@Ilse
Auch in Frankreich gibt es Widerstand gegen die Endlager, wenn auch nicht so große wie in Deutschland. Die Franzosen haben nach Tschernobil keine radioaktive Wolke über ihrem Land gehabt. Und Wessi hat recht. Die AfD würde aber ganz schnell zu Montagsdemos aufrufen gegen die Endlager demonstrieren, wenn sie sich damit profilieren können.
Die Japaner schicken die Menschen zurück in Gebiete wo überall Behältnisse mit abgetragener kontaminierter Erde liegen und die nicht strahlenfrei sind.
Mich wundert eher, warum die Staaten nicht schlauer sind und aussteigen aus der Atomenergie, wie Deutschland. Frau Merkel hat mit dem Ausstieg genau das getan, was die Mehrheit der Deutschen wollte.

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