Mitteldeutschland Effekte durch Wiedereinführung der Meisterpflicht gering

Um die Hürden für eine Existenzgründung zu senken, ist 2004 für 53 Handwerksberufe die Meisterpflicht abgeschafft worden. Man musste also kein Meister mehr sein, um ein Unternehmen zu gründen. 2020 wurde die Meisterpflicht in zwölf Berufen wieder eingeführt. Ziel war es, die Qualität und die Qualifikation im Handwerk zu stärken und dessen Zukunft langfristig zu sichern. Doch der große Erfolg blieb bislang aus.

Meisterabsolventen halten bei einer Feier 2014 Meisterbriefe
Meisterabsolventen bei der Überreichung der Meisterbriefe Bildrechte: dpa

Im deutschen Handwerk hat es vor einigen Jahren eine einschneidende Reform geben. 2004 wurde die Handwerksordnung überarbeitet: Um die Hürden für eine Existenzgründung zu senken, war für 53 Handwerksberufe die Meisterpflicht abgeschafft worden. Man musste also kein Meister mehr sein, um ein Unternehmen zu gründen. So sollte damals auch etwas gegen die Arbeitslosigkeit getan werden.

Mehr Neugründungen, weniger Nachwuchs

Eine Auszubildende arbeitet mit einem Hobel an einem Werkstück.
Eine Auszubildende auf dem Weg zum Orgelbauer Bildrechte: dpa

Im Ergebnis wurden zwar mehr Betriebe gegründet, es fehlte aber schnell an Nachwuchs, weil viele Betriebe ohne Meister nicht ausbildeten. Als Konsequenz wurde in diesem Jahr die Meisterpflicht in zwölf Berufen wieder eingeführt – unter anderem für Fliesenleger, Böttcher, Raumausstatter und Orgel- und Harmoniumbauer.

Ziel war es, die Qualität und die Qualifikation im Handwerk zu stärken und dessen Zukunft langfristig zu sichern. Einen Monat später kam Corona. Und so gilt das, was der Geschäftsführer des Thüringer Handwerkstages, Thomas Malcherek, sagt, gleichermaßen für alle mitteldeutschen Länder, man musste nun nach einem Jahr feststellen, dass es keinen Run gegeben habe.

Veränderte Prioritäten in der Pandemie

Malcherek und seine Handwerkskammerkollegen in Sachsen und Sachsen-Anhalt machen das insbesondere an der Pandemie fest. In der Krise denke man eben nicht zuerst daran, einen neuen Betrieb zu gründen oder in die Ausbildung zu investieren – das höre man aus allen Landesverbänden.

Thomas Malcherek, 2017
Thomas Malcherek, Geschäftsführer des Thüringer Handwerkstages Bildrechte: dpa

Die Krise sei leider auch im kommenden Jahr noch nicht vorbei, sagt Malcherek. Mit einer besonders dynamischen Entwicklung bei den neuen Meisterberufen sei also auch 2021 nicht zu rechnen.

Die Rückkehr zur Meisterpflicht in den betroffenen Handwerken wird sich erst auf lange Sicht auszahlen, davon ist Malcherek überzeugt: "Wer in diese Berufe geht, weiß, wenn er einen Betrieb gründen will, braucht er einen Meistertitel. Also wird es viel bewusster eine Entscheidung geben, in den Beruf reinzugehen." Er denke, so Malcherek, das habe eher eine langfristige Perspektive, als dass man kurzfristig nach einem Jahr sagen könne, die "Rückvermeisterung" war ein Erfolg oder war vielleicht kein so großer Erfolg.

Auch das Gute sehen

Ein Mäppchen und ein Hobel liegen auf einer Werkbank.
Ausbildung im Handwerk Bildrechte: dpa

Aber auch wenn das Jahr nicht so gelaufen ist wie erhofft – es sei noch lange nicht alles schlecht gewesen, sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, Andreas Brzezinski. Die Meisterpflicht sei eine klare Aufwertung der betroffenen Gewerke. Gerade im Orgel- und Harmoniumbau, wo Sachsen tolle Wurzeln habe, wolle man dort einfach wieder hin. Dies sei ein wichtiger Schritt. Ebenso bei der Aufwertung von Handwerken wie beim Raumausstatter oder auch beim Fliesen-, Platten- Mosaikleger.

Außerdem gebe es viele positive Signale, sagt Brzezinski. Einige der Betriebe dächten darüber nach, mehr auszubilden. Auch gebe es Überlegungen, die Gesellen- und Meisterprüfungsausschüsse zu verstärken. Brzezinski ist deswegen optimistisch, dass die Zahl der Azubis und der Meisterabschlüsse mittelfristig steigen wird.

Weiter große Hoffnungen

Von solchen Signalen berichtet auch Uwe Runge, der Präsident des Handwerkstages Sachsen-Anhalt. Wie seine Kollegen hofft er deswegen, dass die Meisterpflicht auch in weiteren Gewerken wieder zum Standard wird. Runge sagt: "Das ist im Sinne des Handwerks, weil die Meisterausbildung beziehungsweise diese Ordnung, die wir im Handwerk haben, die gibt Rückhalt und Sicherheit." Und das gelte sowohl für die Kunden als auch für die Handwerker selbst.

In der Medizin kommt auch keiner auf die Idee, Chefarztstellen mit Krankenschwestern zu besetzen. Bei uns versucht man sowas.

Uwe Runge Präsident des Handwerkstages Sachsen-Anhalt

Das sei von Anfang an zu Scheitern verurteilt gewesen und müsse jetzt wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden, sagt Runge. Die Meisterordnung sei ein Grundstock für das duale Ausbildungssystem im Handwerk. Denn wer den Meistertitel erlange, der dürfe auch ausbilden. Und eben dieses Zusammenspiel stärke die Qualität und die Qualifikation im Handwerk nachhaltig.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Dezember 2020 | 09:10 Uhr

6 Kommentare

LeseZeichen vor 18 Wochen

Es entsteht der Eindruck, dass es sehr viele Azubis gibt, die händeringend nach einem Ausbildungsplatz suchen. In der Realität ist es aber leider nun mal so, dass kaum noch einer einen handwerklichen Beruf erlernen will. Gefühlt will der eine Teil Influencer und der andere Teil was mit Computern werden.

Die Jugend hat einfach kaum noch einen Bezug zum Handwerk. Jeder glaubt er hat zwei linke Hände und Handwerk ist sowieso uncool. Man muss ggf. schwer für seine Brötchen arbeiten und wird noch nicht mal ganz schnell reich.

Zu dem Meisterzwang hat man ganz schnell eine andere Meinung wenn man mal versucht, einen Handwerker in absehbarer Zeit zu organisieren. Wenn man vermeintlich Glück hat und jemand noch einen Auftrag "einschieben" kann, bekommt man bei der Kostenaufstellung ganz große Augen.

Und nicht zu vergessen, die Damen und Herren aus Osteuropa sind an den Meisterzwang nicht gebunden. Aber selbst dort ist es aber inzwischen schwer, jemanden für einen Auftrag zu begeistern.

bert adorf vor 18 Wochen

Das wäre traurig ohne Orgelbauer, aber nicht soo schlimm. Die Katastrophe bei den Dachdeckern ist schon da: in unserem Landkreis gibt es keine Azubis dieses Jahr. Es sieht generell im Handwerk schlecht aus.

nasowasaberauch vor 18 Wochen

Klares pro zur Meisterpflicht. Es geht nicht nur um die Beherrschung des Meisterberufes an sich, sondern auch um den ganzen Bürokram und um die Einhaltung der sich laufend im überregulierten Deutschland ändernden Bestimmungen. Ein Meisterbrief Handwerk allein macht noch keine gute Arbeit, aber er ist ein Merkmal für Vertrauensvorschuß und gute Arbeit spricht sich rum.

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