Verbreitung des Coronavirus Kinder im Pandemiegeschehen: Die unerkannten Virusträger?

Es ist ein politisches Narrativ: Kinder und Schulen gelten bisher kaum als Verbreitungsherde des Coronavirus. Entsprechend unterschiedlich ist der Umgang mit Schulschließungen in den verschiedenen Bundesländern. Doch neuere Studien zeigen, dass sie fast genauso wie Erwachsene zum Infektionsgeschehen beitragen können.

trauriger Smiley an Tafel
Lange Zeit hieß es aus der Politik, die Schulen seien sicher und Kinder würden kaum zum Infektionsgeschehen beitragen. Doch neuere Studien belegen das Gegenteil. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mügeln, eine Kleinstadt in Sachsen. Hier gab es an der Grundschule Tintenklecks einen der bundesweit größten nachgewiesenen Corona-Ausbrüche an Schulen. Momentan gibt es in der Grundschule nur eine Notbetreuung für Kinder. Sonst findet kein Unterricht statt. Im November stand die kleine Schule drei Wochen unter Quarantäne. Nach einem Corona- Ausbruch  im Ort wurden alle 130 Schüler und Lehrer getestet: 63 waren positiv. Besonders viele Infektionen gab es in einer ersten Klasse, berichtet Schulleiterin Konstanze Hartmann: "Das hat uns alle sehr verblüfft. Und dadurch hat das alles nochmal einen ganz anderen Stellenwert bekommen, weil wir ja auch erst gedacht hatten, dass in der Schule, im Grundschulbereich, weniger die Gefahr besteht."

Fünf von acht Lehrern infiziert

Von den acht Lehrern waren fünf mit dem Virus infiziert. Auch Konstanze Hartmann, aber sie hatte keine Symptome der Krankheit, ihr ging es die ganze Zeit gut. Aus dem sächsischen Kultusministerium hieß es den ganzen Sommer über bis in den November hinein, von Schulen gehe kein größeres Infektionsrisiko aus, Kinder seien weniger betroffen.

Frau mit Mundschutz
Konstanze Hartmann ist Schulleiterin der Grundschule Tintenklecks im sächsischen Mügeln. Im November 2020 gab es an ihrer Schule 63 positive Coronafälle. Auch sie selbst war betroffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Als es dann aber bei uns so eine Dimension angenommen hat, da habe ich mir natürlich auch die Frage gestellt, stimmt das denn so, was da immer gesagt wurde? Und ja, wir haben es dann ja auch bewiesen, dass diese asymptomatischen Fälle eben ein weitaus größeres Ausmaß an unserer Schule hatten, als wir alle gedacht haben", sagt Konstanze Hartmann.

Ohne Symptome, aber ansteckend

Genau da liegt ein Problem. Viele Kinder zeigen keine Anzeichen von Corona, auch wenn sie infiziert sind. Das ist einerseits natürlich gut, andererseits eine Gefahr, wenn das Infektionsrisiko, das von Ihnen ausgehen kann, unterschätzt wird.

Inzwischen gibt es eine Reihe internationaler Studien, die nahelegen, dass Kinder ähnlich oft wie Erwachsene von Corona betroffen sind. Eine repräsentative Studie des Helmholtz-Zentrums München mit 20.000 Kindern unter Leitung von Professorin Anette-Gabriele Ziegler hat das über den ganzen Freistaat Bayern verteilt, vom Ausbruch der Pandemie bis heute, untersucht.

Dunkelziffer bei Kindern größer als bei Erwachsenen

"Wir haben bei Beginn der Pandemie begonnen, Kinder zu untersuchen, auf Antikörper gegen das Coronavirus. D.h. also wir haben keinen direkten Virusnachweis gemacht, sondern wir haben untersucht, ob Kinder eine Infektion durchgemacht haben. Und wir haben herausgefunden, dass sechsmal mehr Kinder betroffen waren als eigentlich angenommen. Damals hat sich herausgestellt, dass Kinder doch eigentlich ähnlich häufig betroffen sind wie Erwachsene", sagt Ziegler.  

Frau mit Mundschutz an Schreibtisch
Professorin Anette-Gabriele Ziegler leitet eine repräsentative Studie des Helmholtz-Zentrums München, die Kinder in Bayern auf Corona-Antikörper untersucht. Das Ergebnis: Kinder sind ähnlich häufig betroffen wie Erwachsene. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Folglich waren sechsmal mehr Kinder tatsächlich infiziert als bei den Gesundheitsämtern in die Statistik eingingen sind. Und die Dunkelziffer sei bei Kindern größer als bei Erwachsenen, so Ziegler weiter, weil hier die meisten Ansteckungen ohne Symptome verlaufen würden. Und wenn man nicht merkt, dass man in irgendeiner Form krank ist, würde man ja auch nicht einen Test machen.

Relevante Erkenntnisse bleiben unbeachtet

Wenn jetzt also in der Politik heftig darüber gestritten wird, wann Schulen wieder geöffnet werden können, sind das wichtige Erkenntnisse, die in die Sicherheitskonzepte von Schulen mit einfließen sollten.

Erkenntnisse, die in der Lehrerschaft gerade heiß diskutiert werden, schildert Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbandes. Doch die neuen Studien würden von der Politik kaum zur Kenntnis genommen. "Der Politik war es sehr wichtig zu sagen, es besteht keine erhöhte Gefahr an den Schulen und man hat im Gegensatz dazu vernachlässigt, dass es eben viele Kinder und Jugendliche gibt, die asymptomatisch erkranken", so Meidinger. "Und man hat ja eine ganz große Studie, die es dazu gab, nämlich die Studie des Helmholtz-Zentrums München, völlig unterdrückt. Ich kenne  keine Verlautbarung eines Ministeriums, keine Diskussion, auch nicht mit Bildungsministerien, wo diese Studie von der Politik in Betracht gezogen worden ist."

Ein Mann im Klassenzimmer schaut zur Kamera.
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, meint, die Politik hätte unter dem vermeintlichen Druck der Eltern lange Zeit unter allen Umständen am Präsenzunterricht festhalten wollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu ähnlichen Ergebnissen wie das Helmholtz-Zentrum München kommt eine groß angelegte Studie aus Österreich, die an fast 250 Schulen durchgeführt wurde und demnächst veröffentlicht wird. Zusammen mit der Uni Wien hat Professor Michael Wagner das Infektionsgeschehen bei Kindern bis 14 Jahre untersucht. Zusammenfassend sagt er, dass sich Kinder genauso leicht anstecken würden wie Erwachsene und ebenfalls infektiös seien. Dies im Pandemiegeschehen außer Acht zu lassen, wäre ein großer Fehler. "Das muss man in diese ganze Güterabwägung, die ja hochkomplex ist, einfach mit einbeziehen - Schulen öffnen oder Schulen schließen. Und dabei nicht in ein Wunschdenken verfallen, wenn man sagt, Kinder spielen überhaupt keine Rolle bei der Pandemie. Denn das ist definitiv nicht so", sagt Wagner.  

Nur passende Studien sind gute Studien?

An der Universitäts-Kinderklinik in Leipzig hat man im Frühjahr mit einer Untersuchung bei 2.000 Kindern aus dem Großraum Zwickau, Dresden und Leipzig begonnen. Sie wurde vom Freistaat Sachsen mitfinanziert. Auf diese Studie hatten sich auch Politiker gestützt, um zu argumentieren, Kinder seien kaum am Pandemiegeschehen beteiligt. Darauf deuteten die ersten Ergebnisse auch hin, so Studienleiter und Direktor der Kinderklinik Professor Wieland Kiess: "Ganz kurz zusammengefasst, zeigen die Ergebnisse unserer Studie, dass in der Anfangszeit – also vor ungefähr einem Jahr, als Corona in Sachsen praktisch nicht vorhanden war – auch die Corona-Infektionen und Antikörperabwehrstoffe gegen Corona bei Kindern nicht vorhanden waren. Aber wir haben tatsächlich einen Anstieg in den Schulen gesehen, der ganz niedrig war. Und wenn man die Studie heute wiederholen würde, wäre der Anstieg viel, viel höher, weil ja die Durchseuchung in der Bevölkerung viel höher ist."

Ein Arzt
Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Leipzig, Professor Wieland Kiess. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stellt sich die Frage, warum haben die politisch Verantwortlichen neue wissenschaftliche Erkenntnisse mit Blick auf Corona-Infektionen und Kinder so lange ignoriert? Der Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger hat eine Vermutung. "Wir haben vom Lehrerverband den starken Eindruck gehabt, dass die Politik, auch unter dem vermeintlichen Druck der Bevölkerung und der Eltern, gemeint hat, sie müsse unter allen Umständen am Präsenzunterricht festhalten", sagt er. "Deswegen hat man natürlich auch nach Argumenten und nach Studien gesucht, die das rechtfertigen. Aber da hat man leider sehr einseitig gesucht, nämlich nur die Studien, die sozusagen in diese Argumentationskette gepasst haben."  

Politische Verantwortung wird wegdelegiert

Wie lange  es dauert bis die Schulen wieder komplett geöffnet werden, ist völlig offen. Eine Nachfrage bei der zuständigen Kultusministerkonferenz, was die Bildungsminister von den neuen Studienergebnissen halten und welche Konsequenzen sie daraus ziehen, blieb ergebnislos. Ein Interview mit der Vorsitzenden, der brandenburgischen Bildungsministerin Britta Ernst, wurde abgelehnt. Man sehe das Thema eher bei der Gesundheitsministerkonferenz angesiedelt, hieß es zur Begründung.

Gerichtsgebäude
Das sächsische Kultusministerium fühlt sich bei der Frage, ob Schulen sicher sind und Kinder zur Verbreitung von Corona beitragen, nicht verantwortlich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch eine Interviewanfrage beim Sächsischen Kultusminister Christian Piwarz wurde negativ beschieden. Die zuständige Pressesprecherin antwortete kurz angebunden: "Ich muss das Interview ablehnen." Stattdessen wurde auf einen Professor verwiesen, der das Ministerium berät. Politische Verantwortung für Schüler und Lehrer wird hier wegdelegiert.

Nadine Eichhorn ist stellvertretende Landeselternratsvorsitzende Sachsens. Dass Kinder ähnlich häufig mit Corona infiziert sein könnten wie Erwachsene, ist auch ein Thema unter den Eltern und sorgt für wachsende Verunsicherung. "Es gibt genügend Eltern, die sagen, aber beim Kultusministerium auf der Seite, da stand immer, Kinder sind keine Treiber der Pandemie, Schulen sind sicher. Die verlassen sich auf die Informationen, die von den Ministerien kommen", sagt Eichhorn.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 26. Januar 2021 | 22:50 Uhr

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