Corona-Protest Kinderschuh-Aktion: Kein harmloser Protest fürs Kinderwohl

Dass sich Eltern für das Wohl ihrer Kinder einsetzen, zieht gewöhnlich keine Kritik auf sich. Allerdings scheinen die problematischen Hintergründe der bundesweit geplanten "Aktion Kinderschuhe" am 1. April vielen nicht bewusst zu sein – oder ignoriert zu werden.

Kinderschuhe auf einer Treppe
Mit dem Kinderschuh-Protest fordern Eltern während der Corona-Pandemie eine Öffnung von Kitas und Schulen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Bilder aufgereihter Kinderschuhe, flankiert von Luftballons und selbstgemalten Plakaten vor Rathäusern, lösten vergangene Woche ein geteiltes Echo aus. Einige Bürgermeister in Mitteldeutschland begrüßten die Aktion, weil damit auf die Bedürfnisse der Kinder aufmerksam gemacht werde. Andere hingegen, wie der Oberbürgermeister von Radeberg, kritisieren die Aktion scharf.

Was wirken könnte wie ein harmloser Protest, hat MDR-Recherchen zufolge tatsächlich einen besorgniserregenden Hintergrund. Die Aktion wird fast ausschließlich von Gruppierungen beworben, die der Querdenken-Szene und verschwörungsideologischem Denken nahestehen. Zudem löst das Bild von hunderten Kinderschuhen in der Öffentlichkeit eine grausame Erinnerung hervor.

Eine Erinnerung, über die der Autor Johannes R. Becher in einem Gedicht über die furchtbaren Morde an Millionen Kindern im Nationalsozialismus schreibt. Der Kindermord sei klar erwiesen, dichtet er, "und nie vergess ich unter diesen, die Kinderschuhe aus Lublin." Diese eindrucksvolle Schilderung beruht auf dem Bild von Bergen an Kinderschuhen in den KZ-Lagern, die bei der Befreiung gefunden wurden und die Dimension der grausamen Morde vermitteln.

Nicht alle haben böse Absichten

An die ermordeten Kinder muss auch Reinhard Schramm denken. Er ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Thüringen und sagt: "Als ich die Bilder von Kinderschuhen vor Rathäusern gesehen habe, musste ich natürlich sofort an die jüdischen Kinder im Holocaust und das Gedicht 'Kinderschuhe aus Lublin' denken." Doch er betont auch, dass nicht jeder diese Assoziation hat. Nicht alle Protestierenden würden wissen, welche Bedeutung darin liege. "Mir geht es deshalb darum, nicht jeden sofort zum Antisemiten zu stempeln", so Schramm. Vielmehr sollten sie "verstehen, dass sie sich geirrt haben, dass man das nicht machen sollte."

Diese Einschätzung teilt auch Benjamin Winkler, Experte für Verschwörungsideologien bei der Amadeu Antonio Stiftung. "Vielen Menschen, die an dieser Aktion teilnehmen, wird weder die historische Bedeutung bewusst sein, noch die verschwörungsideologischen Motive mancher Organisator*innen im Hintergrund." Den Urhebern der Aktion, sagt Benjamin Winkler, dürften die historischen Konnotationen hingegen sehr genau bekannt sein. Diese zu identifizieren ist jedoch kaum möglich. Bei der Recherche wird aber deutlich, welche Verbindungen, Strukturen und  Netzwerke hinter den wichtigsten Werbern für die Aktion stehen.

Viele Kinderschuhe und Stiefel stehen auf der Eingangstreppe zur Schule. Am Geländer und der Tür sind Plakate zu sehen.
Kinderschuhe stehen auf der Rathaustreppe in Gotha Bildrechte: MDR/Nicole Mirhenn

Unklarer Ursprung, klare Schlagseite

Am meisten Reichweite erhält der Aufruf durch die Initiative "Eltern stehen auf". Dabei handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der ideologische und strukturelle Verbindungen in die Querdenken-Szene aufweist, wie Recherchen von MDR SACHSEN-ANHALT bereits zeigten. Im Telegram-Kanal der Haupt-Initiative folgen mehr als 20.000 Accounts den Inhalten.

Woher die Idee ursprünglich stammt, ist weiterhin unklar. Am 22. März postete der Verein bei Facebook einen Flyer, der zu der "Aktion Kinderschuhe" aufruft. Als Initiator der Protestidee, Kinderschuhe vor Rathäusern zu platzieren, will der Verein nicht gelten. Das teilte die Vorsitzende des Vereins, Christiane Panno, MDR SACHSEN-ANHALT mit. Dieser Aussage stehen jedoch Hinweise entgegen, die genau diesen Eindruck nahelegen. Beispielsweise ist das Logo, das sich der Verein hat markenrechtlich schützen lassen, auf Flyern zur "Aktion Kinderschuhe" zu sehen.

Nachzuvollziehen ist, dass einen Tag vor dem Flyer-Post des Vereins ein Telegram-Kanal gegründet wurde, der sich damals "Aktion Kinderschuh" nannte. Auf Telegram abonnieren knapp 200 Personen diesen Kanal; bei Facebook sind rund 2.200 Nutzer Mitglied in der gleichnamigen Gruppe. Der Telegram-Kanal und die Facebook-Gruppe wurden, nachdem eine MDR SACHSEN-ANHALT-Recherche die Assoziation zu Bergen an Kinderschuhen kritisch beleuchtete, umbenannt. Nun heißt die Gruppe "Aktion Kindermund".

Kuschentiere, Kinderschuhe und Plakate liegen auf einer Rathaustreppe.
Kinderschuh-Protest in Waldheim Bildrechte: Lausitznews Erik-Holm Langhof

Offiziell will "Aktion Kindermund" nichts mit "Eltern stehen auf" zu tun haben. Sie stünden "in keiner Verbindung" zueinander, heißt von der Administratorin des Kanals. Doch die Aktion ist inhaltlich identisch mit dem, wozu auch der eingetragene Verein aufruft. Ebenso ist die ideologische Nähe zu Querdenken offenkundig. So bewarb eine der Administratorinnen von "Aktion Kindermund" die Querdenken-Demo am 7. November in Leipzig auf ihrem Facebook-Account.

Inhaltliche Verbindungen zu Corona-Leugnern und Verschwörungsideologen

Im Haupt-Chat der Telegram-Gruppe "Eltern stehen auf" werden zudem reihenweise Inhalte von antisemitischen Verschwörungsideologen geteilt, die über eine "Neue Weltordnung" fabulieren. Hinzu kommen dutzende geteilte Beiträge des Rechtsextremisten Attila Hildmann sowie der Gruppe "Freie Sachsen", in welcher der sächsische Verfassungsschutz eine rechtsextreme Führungsriege ausmacht.

Auch Beiträge von "D-Day 2.0" werden in vielen der "Eltern stehen auf"-Gruppen beworben. Dabei handelt es sich um eine Initiative, die bundesweit agiert und Rechtsextreme, Reichsbürger und Selbstverwalter vereint. Laut dem Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg ist bei dieser Gruppierung eine "extremistische Einflussnahme auf das Corona-Protestgeschehen" festzustellen. Auf der Website werben sie mit der zu "Querdenken" nahen Organisation "#honkforhope", die als europäisches Netzwerk Busreisen zu Corona-Protesten veranstaltet. Deren Führungsfiguren fielen kürzlich mit Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppen auf. Einer der "#honkforhope"-Initiatoren, Alexander Ehrlich, wirbt offen für "D-Day 2.0", ein anderer ist Mit-Organisator von "Freie Sachsen".

Experte: Kinder werden bewusst instrumentalisiert

Eltern, die lediglich gegen die Schulschließungen protestieren und auf die Bedürfnisse ihrer Kinder aufmerksam machen wollen, sind diese Verbindungen offenbar zunächst nicht unbedingt bewusst. Benjamin Winkler sieht in dieser Verschleierung ein koordiniertes Vorgehen. "Ich vermute, dass es ein taktisches Manöver war, die Not der Eltern auszunutzen – viele Eltern haben ja ein berechtigtes Interesse, dass die Schulen öffnen", sagt Winkler. Hier würden Kinder bewusst instrumentalisiert, um das eigene Anliegen zu stärken.

Dahinter stehe eine bewährte Taktik, wie sie seit den Pandemie-Protesten zu finden ist. Es gehe darum, so Winkler, "Aktionen unkoordiniert und quasi spontan wirken zu lassen, während tatsächlich Instanzen im Hintergrund die Vorhaben koordinieren". Dies sei seit den Corona-Protesten, seit dem Frühjahr 2020, bekannt. Dem Impuls zu einer Aktion folge die Organisation solcher Protestformate. "Und je öfter Menschen daran teilnehmen, desto mehr werden sie von einer digitalen zu einer analogen Gemeinschaft", sagt Winkler.

Die Bilder von Kinderschuhen werden weiterhin verbreitet. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Thüringen, hofft nun, dass die Protestierenden zum Nachdenken angeregt werden. Denn "wenn die 1,5 Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Kinder wirklich bewusst gleichgesetzt werden mit den Unannehmlichkeiten von Kindern aus unserer heutigen Pandemiezeit, wäre das sehr grausam und schmerzhaft", sagt Schramm.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 22. März 2021 | 17:30 Uhr

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