Interview Markus Frenzel: FAKT-Recherche führte zur Rückgabe von Herero-Schädeln an Namibia

Die Recherchen des damaligen FAKT-Redakteurs Markus Frenzel im Jahr 2008 haben die öffentliche Debatte um die Auseindersetzung mit den Verbrechen des Deutschen Reichs an dem Volk der Herero wesentlich unterstützt. Heute hat Deutschland die Kolonialverbrechen als Völkermord anerkannt. - Lesen Sie aus diesem Anlass ein Interview mit Markus Frenzel.

Markus Frenzel
Markus Frenzel Bildrechte: Baptiste La Chouette/MDR

Wie sind Sie damals auf die Spur der Schädel gestoßen?

Eigentlich hatte ich nicht nach Schädeln gesucht. Ich hatte mich intensiver mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigt. Damals gab es eine Diskussion über fragwürdige Personen, nach denen immer noch Straßen oder Kasernen benannt waren, die aber in den deutschen Kolonien teils ziemlich verbrecherisch gewütet hatten. Im Rahmen dieser Recherchen stieß ich auf Inventarlisten deutscher Archive und Depots. Nach und nach kam die ganzen Wahrheit raus, eine entsetzliche Wahrheit.

Inwiefern?

Es gab damals einen regelrechten Handel mit menschlichen Überresten. Deutsche Forscher gaben ihre Bestellungen nach Deutsch-Südwest durch. In etwa so, als würde man heute über Amazon Schädel von diesem oder jenem Stamm bestellen. Oder Beinknochen, Ellenknochen und so weiter. Nach einigen Wochen wurden die Überreste dann nach Berlin, Hamburg oder Leipzig geliefert. Was mich am meisten bei den Recherchen schockiert hat, offenbar wurden teils auch "Auftragsarbeiten" durchgeführt. Also ein Forscher bestellte einen Schädel einer speziellen Ethnie. Es gab aber in der Kolonie niemanden, der gerade tot war und dann wurde eben jemand umgebracht.

Ihre Recherchen standen am Anfang diplomatischer Verwerfungen!

Ja. Als wir mit der Geschichte damals bei FAKT rauskamen, waren tags darauf die Zeitungen in ganz Afrika voll mit unseren Recherchen. Ich bekam damals Anrufe aus Südafrika, Namibia natürlich, aus Paris von Radio France Internationale, die eine zentrale Rolle für die Information auf dem Kontinent spielen. Aus Nairobi und viele mehr. Solche Belege für die verbrecherische Ausbeutung der europäischen Kolonien waren bis dahin sehr selten.

Und wie ging es weiter?

Der namibische Botschafter war sehr an den Recherchen interessiert. Wir standen über mehrere Jahre in einem engen Kontakt. Bei der 20 Jahr-Feier der Gründung Namibias erwähnte der Botschafter die FAKT-Recherchen vor einem großen Publikum in Berlin. Er sagte, dass die Arbeit für sein Land von ganz zentraler Bedeutung sei. Und anschließend wurden in einem Staatsakt auch alle Schädel, die wir gefunden hatten, an Namibia zurückgegeben.

Der deutsche Staat zeigte sich also einsichtig?

Teilweise. Ich hatte damals Informationen, dass weit mehr Schädel in den verschiedensten Depots in ganz Deutschland lagen. Auch in Hamburg oder Leipzig etwa. Wir hatten nur die Schädel in Freiburg und im Keller der Charité in Berlin ausfindig gemacht. Die anderen Institute haben nicht wirklich danach gesucht. Auch dort wäre man sicher schnell fündig geworden.

Wie bewerten Sie die neuesten diplomatischen Entwicklungen, die Anerkennung des Völkermordes an den Herero und Nama in damals Deutsch-Südwest?

Es ist ein längst überfälliger Schritt. Aber es ist gut, dass es endlich geschehen ist. Nur wer sich auch kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, der kann bewusst in der Gegenwart leben. Für mich ist die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit kein Zeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil. Es ist ein Zeichen für eine starke, demokratische Gesellschaft, die auch die dunklen Flecken ausleuchten will und verstehen will.

Markus Frenzel Markus Frenzel arbeitete bis 2016 für das ARD-Magazin FAKT. Für seine journalistische Arbeit bekam er mehrere Auszeichnungen, darunter den Marler Preis für Menschenrechte von Amnesty International, den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis und den Journalistenpreis des Europäischen Parlaments. Frenzel hat auch mehrere Bücher geschrieben. Heute arbeitet er in der Politik.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Fernsehen | 28. Mai 2021 | 19:30 Uhr

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