Kommentar Vom Flügel getragen

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Alice Weidel und Tino Chrupalla werden die AfD in den Bundestagswahlkampf führen. Damit haben sich die Ex-Flügel-Kräfte in der Partei erneut durchgesetzt. Allerdings wird es für die AfD kein einfacher Wahlkampf werden, weil sie keine Machtoption hat und so im Duell zwischen Union und Grünen zerrieben werden könnte.

Alice Weidel und Tino Chrupalla
Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Alice Weidel und AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla. Bildrechte: IMAGO / Jens Schicke

Überraschen kann das Ergebnis der Urwahl für das AfD-Spitzenduo nicht. Alice Weidel und Tino Chrupalla waren die Favoriten. Interessant ist allerdings der Abstand zwischen den beiden Kandidatenpaaren, denn es erzählt viel über die Mehrheitsverhältnisse in der AfD. Fast drei Viertel votierten für Weidel/Chrupalla. Beide gelten zwar nicht als eindeutige Flügelleute, aber sie werden vom angeblich aufgelösten Flügel um Björn Höcke getragen. Dagegen haben die Wirtschaftsliberalen in der Partei mit ihrem Paar aus der hessischen Bundestagsabgeordneten Joana Cotar und dem ehemaligen Bundeswehrgeneral aus Niedersachsen Joachim Wundrak erneut eine deutliche Niederlage erlitten.

Team steht besonders für die AfD-Wählerschaft in Ostdeutschland

Die Stärke des Teams ergibt sich aus der Summe der beiden AfD-Spitzenpolitiker. Hier verbindet sich Weidels scharfe Rhetorik mit der Bodenständigkeit Chrupallas. Das wird besonders bei der ostdeutschen Basis gut ankommen. Chrupalla spricht nicht nur die Sprache der Menschen zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, er teilt auch ihre Lebenserfahrung. Weidel wird sicher versuchen, mit ihrer wirtschaftspolitischen Kompetenz Kräfte in der Partei zu halten, die sich durch den rechtsnationalen und zum Teil auch rechtsextremistischen Kurs der Nachfolgeorganisation des Flügels, dem sozialpatriotischen Lager, abgestoßen fühlen und zur FDP verloren gehen könnten.

Partei fehlt Lösungskompetenz in der Corona-Pandemie

Wie groß die Gefahr ist, haben die Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gezeigt. Da musste die AfD schwere Verluste in wichtigen Bundesländern hinnehmen. In bundesweiten Umfragen verharrt die Partei um die zwölf Prozent und konnte, anders als erhofft, bisher nicht vom Pandemie-Management der Regierung profitieren. Weidel selbst hat die mangelnde Lösungskompetenz der AfD kritisiert. Einfach nur gegen die Maskenpflicht und alle Corona-Schutzmaßnahmen zu sein, war einfach zu wenig. Das hat die FDP mit einer Mischung aus Ja zum Gesundheitsschutz und Kritik an aus ihrer Sicht überzogenen Maßnahmen besser gemacht.

Weitere Themen: Klimawandel und EU-Austritt

Nun könnte der AfD helfen, dass mit der Abschwächung der Pandemie wieder andere Themen wichtiger werden. Allerdings auch beim Klimaschutz muss die totale Realitätsverweigerung bei den mittlerweile sichtbaren Folgen des Klimawandels nicht wirklich zu höheren Zustimmungswerten führen. Und dann hat man beiden Kandidaten Weidel und Chrupalla noch die Bürde eines möglichen EU-Austritts im Wahlprogramm aufgeladen, der gerade in Westdeutschland nur wenige Anhänger finden wird. Auch wenn die AfD vorgaukelt, dass dies alles "Deutschland. Aber normal." bedeuten würde, ist es eine nostalgische Weltsicht auf das alte Jahrhundert. Dafür ist die Wählerschaft offensichtlich begrenzt.

AfD hat durch rechtsradikale Tendenzen keine Machtoption

Hinzu kommt, dass sich Weidel und Chrupalla zwar vom Strippenzieher Björn Höcke emanzipieren müssten, aber auf die Unterstützung seiner Truppenteile in der Partei angewiesen sind. Er hebt und senkt den Daumen. Von Lucke über Petry bis Meuthen haben alle Führungsfiguren der AfD die Erfahrung gemacht, dass er über ihr Schicksal letztendlich entscheidet. So wird es auch dem Wahlduo gehen. Weichen sie ab von seinem vorgegebenen harten rechten Kurs, wird er sie opfern.

Höckes Macht in der Partei ist zugleich das Risiko für die Gesamtpartei, so sehr Chrupalla und Weidel auch die Stimmung in weiten Teilen der Partei und Anhängerschaft repräsentieren. Durch Höckes Ex-Flügel und die Beobachtung durch den Verfassungsschutz hat die AfD momentan als einzige Bundestagspartei keine Machtoption. Niemand will mit ihr koalieren. Gerade in einer Zuspitzung des Wahlkampfes zwischen Grünen und Union droht die AfD zerrieben zu werden. Ihre Wähler könnten zur Union und FDP abwandern, um eine Kanzlerin Annalena Baerbock zu verhindern. So kann die Mission von Alice Weidel und Tino Chrupalla, trotz der Unterstützung des Flügels schnell zur Bruchlandung werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 25. Mai 2021 | 19:30 Uhr

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