Kommentar "Fridays for Future" und die Kipp-Punkte der Demokratie

An diesem Freitag findet wieder ein globaler Klimastreik statt, auch in Deutschland demonstrieren die Anhänger von "Fridays for Future". Doch die Umweltbewegung ist umstritten. Das hat auch zu tun mit ihrem Anspruch, unumstößliche Wahrheiten zu vertreten. Ein Kommentar von Michael Kaste.

Demonstration von Fridays for Future 2019
Die Umweltbewegung "Fridays for Future" ruft ab diesem Freitag wieder zum Klimastreik auf. Bildrechte: MDR/BR/RBB/Jürgen Todt

Am 20. August 2018 setzt sich in Stockholm ein 15-jähriges Mädchen in blauen Sneakern und Ringelpulli vor den schwedischen Reichstag: Schulstreik für das Klima. Zwei Jahre später ist Greta Thunberg so bekannt wie der Papst und wird von der Bundeskanzlerin empfangen. Mit am Tisch: Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht der Klimajugend.

Mehr Erfolg, mehr Anerkennung ist kaum möglich - doch an der Basis regt sich Protest. Aktivisten monieren, das Treffen sei mit der Basis nicht abgesprochen. Die Reaktion von Greta und Luisa ist zumindest kreativ: Sie hätten sich quasi privat mit der Kanzlerin getroffen und nicht als Akteure von "Fridays for Future".

Ebenso gut hätte Angela Merkel erklären können, sie habe nicht als Kanzlerin zu dem Treffen eingeladen. Wurde am Ende gar nicht über Klimafragen gesprochen? Die seltsamen Ausflüchte  von Greta & Co. stehen jedenfalls in brisantem Kontrast zum sonst großspurig vertretenen Anspruch, in Umweltfragen für eine gesamte Generation zu sprechen.

Parallelen zu populistischen Bewegungen

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg spricht beim Un-Klimagipfel bei den Vereinten Nationen.
Klimaaktivistin Greta Thunberg beim Klimagipfel der Vereinten Nationen. Bildrechte: dpa

Doch das so beiläufig bloßgestellte Demokratie-Defizit war mehr als nur eine kommunikative Panne. Wer die Ziele und Methoden von "Fridays for Future" analysiert, erkennt ernüchternde Parallelen zu populistischen und demokratiefeindlichen Bewegungen. Nur wenige Wochen nach dem Treffen im Kanzleramt veröffentlichte das Wissenschaftszentrum Berlin bemerkenswerte Ergebnisse einer Langzeitstudie zum Thema Populismus.

Neben dem erfreulichen Befund, dass der Populismus in Deutschland deutlich weniger Resonanz findet als in den Jahren zuvor, beschreiben die Forscher drei spezifische Denkmuster, die den Populisten der Gegenwart auszeichnen. Die erste dieser drei Dimensionen ist die sogenannte "Anti-Establishment-Haltung", wie sie zum Beispiel bei AfD und Pegida weit verbreitet ist. Vertreter dieser Denkschule lehnen die sogenannten Eliten strikt ab und sehen sich selbst im Besitz der reinen, der absoluten Wahrheit. Es fällt nicht schwer, genau diese Schablone auch im Handeln der Umweltjugend zu erkennen. Insbesondere die legendäre Wut-und-Tränen-Rede Thunbergs, ihr "Wie könnt Ihr es wagen?!", ist von diesem Geist durchtränkt.

"Fridays for Future" sieht sich selbst in Erzieherrolle

Klarer und emotionaler als in dieser Rede vor den versammelten Staats- und Regierungschefs der Welt kann man die Verachtung von Eliten kaum ausdrücken. Die Fantasie von einem allumfassenden Politik-Versagen gipfelt in dem Satz: "Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld!".

Der ironiefreie Wahrheitsanspruch wird inzwischen auf jeder Kundgebung, in jedem Interview mantrahaft beschworen, so wie hier von Luisa Neubauer in einem TAZ-Interview: Wir "sind eine wissenschaftsgeleitete Bewegung und haben damit eine ganz andere Diskussionsgrundlage (als die Politiker)". Das damit einhergehende Gouvernantenhafte, das Belehrende, findet Neubauer sogar irgendwie sexy. Sie beschreibt im gleichen Interview, dass "Fridays for Future" den Staat vielleicht nicht gerade erziehe. Aber man komme doch in eine, wenn auch "merkwürdige" Erzieherrolle.

Die eigenen Thesen zum Volkswillen überhöht

Geradezu exemplarisch findet sich die zweite Dimension des Populismus bei "Fridays for Future". Anti-Pluralismus nennen die Forscher das Phänomen, wonach die eigene These zum Volkswillen überhöht wird. So weit gehen die Klimaschützerinnen nicht - sie gehen sogar noch ein ganzes Stück weiter. Von der Unfehlbarkeit des eigenen Arguments beseelt, behaupten sie, im Namen der künftigen Menschheit zu sprechen. Auch dies ist in der Rede von Greta vor den Vereinten Nationen nachzulesen.

"Alle kommenden Generationen haben euch im Blick und wenn Ihr euch dazu entscheidet, uns im Stich zu lassen, dann entscheide ich mich, euch zu sagen: Wir werden euch das nie vergeben! Wir werden euch das nicht durchgehen lassen!" Die versammelten Staatsoberhäupter applaudierten scheinbar beeindruckt, um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Dabei haben Greta und Gefährtinnen soviel Ignoranz gar nicht verdient – trotz des messianischen Geschwurbels.

Politisches Engagement im inneren Klima-Zirkel unerwünscht

Nach der Shell-Jugendstudie des Jahres 2019 sind nämlich Umweltthemen auf der Sorgenliste des Nachwuchses ganz weit oben. Allerdings ängstigen sich die Jugendlichen vor Terroranschlägen noch mehr als vorm Klimawandel - auch ein Abschwung der Wirtschaft oder aggressiv ausgetragene Meinungsverschiedenheiten (!) beunruhigen die Alterskohorte von "Fridays for Future". Die Probleme der Menschheit werden also deutlich vielfältiger und differenzierter wahrgenommen, als die Klimaaktivistinnen glauben machen wollen.

Auch das scheinbar alternativlose "Bitte hört auf die Wissenschaft" ist ein geradezu klassisches Denkmuster des Populismus: es macht Politiker zu Marionetten einer vermeintlich höheren Einsicht. Denn das in der Verfassung verbriefte Recht, dem eigenen Gewissen zu folgen, wird den frei gewählten Parlamentariern damit abgesprochen. Der Königsweg der parlamentarischen Demokratie, der Konsens, gilt Team Greta als Verrat an den eigenen Prinzipien.

Pikanterweise sehen sich jetzt auch die ersten "Fridays-for-Future"-Aktivisten genau diesem Vorwurf ausgesetzt. Nachdem mit Jakob Blasel ein früherer Bundessprecher der Klimaschutzbewegung angekündigt hatte, in diesem Jahr auf der Liste der Grünen für den Bundestag zu kandidieren, herrschte bei seinen Weggefährten Unmut und Unverständnis. Engagement im politischen Prozess gilt im inneren Klima-Zirkel als Zumutung. Nicht einmal die Politik der Grünen würde zum angestrebten Ziel führen, es müssten "unglaublich viele Kompromisse gemacht werden, die wir uns beim Klimaschutz nicht leisten können". Letztlich sei Blasels Schritt eine "Abkehr von den Prinzipien" der Graswurzelbewegung. Mehr Demokratieverachtung geht nicht.

Dieser erklärte Unwille, die Spielregeln des Grundgesetzes zu respektieren, ist inzwischen zur schwersten Hypothek der Klimabewegung geworden. Längst überlagern die populistischen Muster den idealistischen Plan. Die Neigung zum Belehren und das mangelnde Interesse, Brücken zu bauen, begünstigen zudem das Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland. Weltklima retten, Meinungsklima vergiften? Die Kipp-Punkte der Demokratie sollten jedenfalls wichtiger sein als Rechthaberei beim Klimaschutz.

Quelle: MK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. März 2021 | 05:00 Uhr

91 Kommentare

Norbert 56 NRW vor 37 Wochen

Nun werter MDR das habe ich auch nie bezweifelt. Ich schrieb nur von den Visionen der FfF.
Oder differenzieren selbst Sie jetzt nicht mehr ? Das ist nämlich die Krux in unserem Land, entweder schwarz oder weiss, dazwischen gibt's scheinbar nichts mehr. Wenn jemand an so einen illustren Verein wie FfF zweifelt, wird derjenige schon ziemlich demontiert. Für mich ist FfF nur eine willkommene Sache für einige wenige die sich im grünen Mäntelchen die Tasche vollmachen.

Graf von Henneberg vor 37 Wochen

Gut, daß Sie das erkennen. Damit könnten Sie auch erkennen, was auf die Menschheit zukommen kann. Zitat Wilhem Busch:..."Da hift kein Jammern und kein schreien, sie müssen unters Rad hinein."...
Weder Sie noch ich können die Erdgeschlichte, den Gang aller Dinge aufhalten.
Zu Ihrer Beweisführung zu der wie Sie sagen "Klimaerwämumg" sehe ich Disharmonien bei Ihren Kenntnissen, die Begriffe Klima, Temperatur und Erwärmung im Zusammenhang mit der Temperatur der Atmosphäre sachlich zuzuordnen, was Grundlage für ein dementsprechene Diskussion gelten könnte.

Hossa vor 37 Wochen

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