Kommentar Gegen ein Recht auf Homeoffice

Sich auf Arbeit zu treffen, prägt den Zusammenhalt der Belegschaft – doch im Homeoffice geht der verloren. Ein Rechtsanspruch auf Homeoffice wird die Arbeitnehmerschaft noch mehr spalten. Das kann nicht im Interesse der SPD sein, meint Hauptstadtkorrespondent Tim Herden.

Eine Frau arbeitet von zu Hause aus
Arbeit von zuhause – Fluch oder Segen? Bildrechte: dpa

Keine Frage. In der Pandemie ist Abstand halten und Beschränkung der Kontakte oberstes Gebot. Auch im Arbeitsalltag. Deshalb ist Homeoffice auch durchaus gerechtfertigt. Aber muss deshalb gleich ein Rechtsanspruch von 24 Tagen pro Jahr entstehen? Damit schießt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil weit übers Ziel hinaus. Wo bleibt da die Tarifautonomie! Wie in der Vergangenheit sollten auch weiter über Arbeitszeitfragen die Tarifparteien entscheiden und nicht der Gesetzgeber.

Da ist ein Eingreifen des Staates erst notwendig, wenn Zustände, wie zuletzt in der Fleischindustrie oder lange Zeit auch im Niedriglohnsektor "sittenwidrig" sind.

Privileg für die einen, Nachteil für die anderen

Bei einem Rechtsanspruch auf Homeoffice sehe ich vielmehr eine Gefahr für den sozialen Frieden. Es gibt viele Bereiche in denen Homeoffice gar nicht möglich ist: Für die Menschen am Fließband, die Reinigungskräfte, die Verkäufer*innen im Supermarkt, für Rettungsdienst und Feuerwehr, die Pflegenden im Heim, die Polizei.

Anders sieht es sicher in akademischen Berufen und vor allem in der Verwaltung von Unternehmen und im Öffentlichen Dienst aus. Hat das dann aber noch was mit sozialer Gerechtigkeit zu tun?

Es fällt auf, dass besonders Menschen mit geringerem Einkommen nichts vom Rechtsanspruch auf Homeoffice haben. Sie werden sogar doppelt bestraft, denn sie müssen auch hin und zurück zur Arbeit, während der Heimarbeiter die Zeit des Arbeitsweges spart und zusätzlich Freizeit erhält. Deshalb frage ich mich auch, warum gerade die SPD auf diesen Gedanken kommt. Oder zeigt das nur, wie weit sich die einstige Partei der sozialen Gerechtigkeit von der Arbeitswelt vieler Arbeitnehmer in diesem Land entfernt hat?

Tim Herden
Hauptstadtkorrespondent Tim Herden ist gegen ein Recht auf Homeoffice. Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Homeoffice kann schnell zum Fluch werden

Sauberes Geschirr und Besteck in einer Geschirrspülmaschine
Mal im Homeoffice während der Arbeit schnell die Spülmaschine anwerfen. Privat- und Arbeitsspähre verschmelzen damit immer mehr. Bildrechte: imago images / Norbert Schmidt

Und ist Homeoffice auch für den Heimarbeiter wirklich von Vorteil? Bisher kritisierten die Gewerkschaften, dass es durch die Digitalisierung kaum noch eine Grenze zwischen dem Beruf und Privatleben gäbe. Besonders sei dafür die permanente Erreichbarkeit durch Telefon und E-Mail ein Grund.

Aber beim Homeoffice verschmelzen Arbeitswelt und privater Raum endgültig miteinander. Denn die Arbeit muss geschafft werden. Auch zuhause. Was zunächst als Freiheit erscheint, mal nebenbei die Waschmaschine oder den Geschirrspüler auszuräumen und mit den Kindern am Nachmittag die Hausaufgaben machen, kann schnell zum Fluch werden. Was nicht erledigt wurde, wird dann in den Abend rücken. Es gibt praktisch keinen geregelten Feierabend mehr. Überstunden ohne Freizeitausgleich könnten zur Selbstverständlichkeit werden.

Auf Arbeit gehen ist sehr sozial

Zudem sind Unternehmen auch soziale Räume und Gemeinschaften. Der Zusammenhalt von Belegschaften ist in vielen Fällen auch Grundlage ihres Erfolges. Aber wer durch Urlaub und Homeoffice bis zu einem Vierteljahr nicht mehr im Unternehmen präsent ist, kann dieses Gefühl leicht verlieren. Das ist gefährlich, wenn gerade den Führungskräften im Homeoffice durch das Fehlen vom persönlichen Kontakten und Gesprächen mit den Leuten an der Basis ein wichtiges Stimmungsbarometer verloren geht. Videokonferenzen können das nicht ersetzen.

Kosten auf Arbeitnehmer abwälzen

Möglicherweise ahnt auch Arbeitsminister Heil gar nicht, welches Tor er da gerade öffnet. Denn am Ende wird es für Unternehmen eine Kosten-Nutzen-Rechnung sein. Wenn die Verwaltung zuhause arbeitet, braucht man weniger Büroräume, muss weniger für Strom und Wasser bezahlen. Schnell wird dann aus dem Rechtsanspruch Normalität in der Arbeitswelt. Mit der Digitalisierung nicht unmöglich. Man verlagert aber auch viele Probleme, Debatten und Konflikte aus den Unternehmen in die häuslichen vier Wände. Man isoliert die Arbeitnehmer. Das kann eigentlich nicht das Ziel eines Sozialdemokraten sein.    

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Januar 2021 | 08:30 Uhr

16 Kommentare

Dreibeiner vor 36 Wochen

das, von dem hier manche träumen, gab es schon immer, das zu hause gearbeitet wurde und 1 x pro Woche zum Arbeitsplatz geschafft und neues zum Bearbeiten geholt wurde, heute beschleunigt schnelles Internet alles

schon viele und Pandemie macht es möglich, je

Der Matthias vor 36 Wochen

@ Jan

Ich denke, dass Sie den Foristen "Freiheit" nur missverstanden haben! Es geht nicht darum, dass Ihr Beispiel vermeintlich nicht mehr zeitgemäß ist, sondern das der Vergleich an sich schon hinkt! "Schlechtwettergeld" ist ja nur eine Zulage bei widrigen Arbeitsbedingungen, so, wie es auch Zuschläge für Nachtarbeit gibt . . . dennoch ändert das aber grundsätzlich an der ArbeitsWEISE der Betroffenen in der Baubranche nichts . . . der Polier oder Betonbauer arbeitet ja trotzdem nach wie vor DRAUSSEN auf dem Bau. Jetzt verstanden, warum der Vergleich mit Homeoffice hinkt!?

Wessi vor 36 Wochen

Also ich denke, wenn man ein Recht auf homeoffice schaffen sollte, müssten viele Dinge geregelt werden.Wie z.B. Überstunden, aber auch banal, aber rechtens, sogen. Bildschirmpausen.Es muß auch geregelt werden, wer was bezahlt...Heizung,Stromkosten.Selbstverständlich müssten alle Arbeitsgeräte vom Unternehmen gestellt werden, desgl. Versicherungen etc..Und daß es Berufe gibt, die eben nicht von zuhause aus arbeiten können, bezweifelt keiner.

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