Kommentar Selenskyj ist Mahner, Inspiration und schlechtes Gewissen

Mit seiner Rede im Bundestag hat Wolodymyr Selenskyj der deutschen Politik den Spiegel vorgehalten, kommentiert Hauptstadt-Korrespondent Alexander Budweg. Wir alle müssten uns fragen: Haben wir genug getan?

Kommentar von Alexander Budweg zu Rede von Selenskyj im Bundestag
Von der deutschen Politik forderte Ukraines Präsident Selenskyj im Bundestag eine Führungsrolle, schreibt unser Hauptstadt-Korrespondent Alexander Budweg. Bildrechte: Collage: Tanja Schnitzler/ARD Hauptstadtstudio / dpa

Diese Videobotschaft hält uns schonungslos den Spiegel vor. Doch sie ist auch Mahnung und Inspiration. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist am Donnerstagmorgen live aus dem umkämpften Kiew in den Deutschen Bundestag zugeschaltet. Während in seinem Land Bomben fallen, Raketen einschlagen und Artilleriefeuer niedergeht, wendet sich Selenskyj an die Abgeordneten, an die Bundesregierung und an das deutsche Volk. Dass die Zuschaltung sich verzögert, weil es unmittelbar zuvor einen Anschlag in der ukrainischen Hauptstadt gegeben hatte, bedarf keiner weiteren Einordnung.

Der ukrainische Präsident erzählt von den Zerstörungen in seinem Land und von den vielen Toten, darunter auch Kinder. Er macht uns klar, dass das alles gerade mitten in Europa im Jahr 2022 passiert. Und Selenskyj erinnert uns daran, dass in seinem Land nicht erst seit drei Wochen Krieg herrscht, sondern im Donbass seit acht Jahren. Seine Landsleute kämpfen um ihre Rechte, um ihre Freiheit und um ihr Überleben.

Ukraines Präsident bei seiner Rede im Deutschen Bundestag 12 min
Bildrechte: mdr

Selenskyj will wach rütteln

Auch wenn wir es vielleicht gerne täten, wir können vor all dem nicht die Augen verschließen. Und durch seine Videobotschaft lässt es der ukrainische Präsident nicht zu. "In Europa wird ein Volk vernichtet." Mit diesen eindringlichen Worten versucht Selenskyj uns wach zu rütteln. Von der deutschen Politik fordert er eine Führungsrolle beim Schutz der Ukraine gegen den russischen Angriff. "Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die es verdient", richtete sich Selenskyj direkt an Bundeskanzler Olaf Scholz. Und während der ukrainische Präsident spricht, müssen sich Scholz, seine Regierung, die Abgeordneten und alle, die ihm zuhören fragen: Haben wir genug getan, um den Krieg in der Ukraine zu verhindern? Und tun wir genug, um ihn auch wieder zu beenden?

Während der ukrainische Präsident spricht, müssen sich Scholz, seine Regierung, die Abgeordneten und alle, die ihm zuhören fragen: Haben wir genug getan, um den Krieg in der Ukraine zu verhindern? Und tun wir genug, um ihn auch wieder zu beenden?

Selenskyj spart auch nicht mit Kritik. So seien die Sanktionen zu spät gekommen und sie wären nicht genug gewesen, um den russischen Angriff zu stoppen. Dabei geben ihm die Fakten Recht: Es herrscht Krieg in der Ukraine und es scheint, als würden nur die mutig kämpfenden Ukrainerinnen und Ukrainer derzeit einen Strich durch Putins Rechnung machen.

Wir finanzieren Putins Krieg

Der ukrainische Präsident spricht auch die nach wie vor bestehenden wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland an. Wir beziehen noch immer Gas, Öl und Kohle von dort und finanzieren damit auch Putins Krieg. Noch immer warten viele deutsche Unternehmen ab und wollen sich nicht endgültig vom russischen Markt zurückziehen.

Vor allem dem Wirtschaftsminister wird diese schonungslose Analyse treffen. Schon in der Sendung "Anne Will" merkte man Robert Habeck an, welch moralische Konflikte dies in ihm auslöst. Der Grünenpolitiker weiß: Wir können nicht ad hoc alle Verbindungen nach Russland kappen, wollen wir die Auswirkungen des Ukrainekriegs hierzulande kontrollierbar halten. Aber ihm und uns muss auch klar sein: Für Wolodymyr Selenskyj und viele Ukrainer wirkt das auch ein Stück weit so, als würden wir sie im Stich lassen.

Beim Nato-Beitritt stets vertröstet

Selenskyj erinnert uns auch an die Fehler der Vergangenheit. Lange hat die deutsche Politik die Ostseepipeline Nordstream 2 als rein wirtschaftliche Unternehmung abgetan. Doch natürlich verfolgte Russlands Präsident Putin damit auch andere Ziele. Immer und immer wieder ist die Ukraine beim Thema Nato-Beitritt vertröstet worden und hatte letztlich keinerlei Sicherheitsgarantien mehr. Auch das muss sich die deutsche Politik vorhalten lassen.

Die Videobotschaft des ukrainischen Präsidenten mahnt uns aber nicht nur, die Ukraine nicht zu vergessen und unser Handeln zu hinterfragen. Sie sollte uns auch Inspiration sein. Schließlich erinnert Selenskyj uns auch an all die mutigen Menschen in seinem Land, die sich dort in diesem Moment einer scheinbaren Übermacht entgegenstellen und europäische Werte verteidigen. Und nicht zuletzt spricht zu uns ein Mann, der die Chance hatte, das Land zu verlassen, als es noch ging. Doch Selenskyj ist geblieben und das trotz des Wissens, dass er Putins Ziel Nummer eins ist.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 17. März 2022 | 13:00 Uhr

Mehr aus Politik

Mehr aus Deutschland