Kommentar Es braucht endlich eine Perspektive in der Pandemie

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Trotz sinkender Infektionszahlen gab es wieder nur eine Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März. Nur die Friseure dürfen ab 1. März wieder öffnen. Der versprochene Stufenplan wurde nicht verabschiedet. So fehlt eine Perspektive, wann mit welchen Öffnungen bei sinkenden Zahlen zu rechnen ist und welche Einschränkungen bei steigenden Inzidenzen zu erwarten sind. Damit wird der Geduldsfaden der Menschen in der Pandemie zum Zerreißen gespannt.

In einem Schaufenster hängen schwarze Plakate.
Warum dürfen Friseure öffnen, Geschäfte aber nicht? Bildrechte: MDR/Nicky Scholz

Langsam ist die Geduld auch der härtesten Verfechter der Corona-Beschränkungen am Ende. So geht es jedenfalls mir. Ich habe meine Kontakte auf ein Mindestmaß reduziert, ich trage eine FFP-2-Maske bei jedem Weg in der Öffentlichkeit oder auch im Studio. Ich wasche oder desinfiziere ständig meine Hände und lüfte mein Büro bis auch dort die Temperaturen nah am Gefrierpunkt sind. So erschienen mir die Trauben so nah, die Inzidenz von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner greifbar, spätestens Ende Februar. Doch nun werden die Trauben noch einmal höher gehängt – auf 35 Neuinfektionen. Erbaulich ist das nicht.

Kampf gegen Mutationen muss konsequenter sein

Natürlich erkenne auch ich die neue Gefahr durch die Mutationen und verstehe auch die Angst von Kanzlerin Merkel vor einer dritten Welle. Aber ich verstehe nicht, warum es jeden Tag noch eine Menge Flüge aus Großbritannien nach Deutschland gibt, die so auch eine Einflugschneise für das mutierte Virus sind. Machen wir uns nichts vor, kaum einer der Passagiere geht da wirklich in die befohlene Quarantäne, weil sie keiner kontrolliert.

Warum müssen immer noch unbedingt Fußballspiele zwischen englischen und deutschen Mannschaften stattfinden? Meines Erachtens ist RB Leipzig nicht systemrelevant. Man darf schon gar nicht überlegen, wie viele Schnelltests jeden Tag drauf gehen, damit die deutschen Profisportler von B wie Biathlon bis V wie Volleyball weiter hin und her reisen und so den Sportbetrieb am Laufen halten, während Zehntausende Schüler mangels Tests nicht in die Schule gehen dürfen. Warum wird nicht endlich die Grenze nach Tschechien geschlossen, obwohl dort B 1.1.7. wütet? Nicht alle der zigtausenden Pendler werden Ärzte oder Pflege- und Reinigungskräfte in bayrischen und sächsischen Krankenhäusern sein. Wenn schon Konsequenz, dann bitte für alle.

Warum dürfen Friseure öffnen, Geschäfte aber nicht

Dazu gehört auch die Öffnung der Friseurläden. Natürlich schwören alle Coiffeure, dass bei den Hygienemaßnahmen von ihnen keine Gefahr ausgeht. Aber sie sind an ihren Kunden sicher näher dran als manche Verkäuferin im kleinen Modeladen oder Blumengeschäft. Und selbst bei den großen Kaufhäusern hatte man vor dem Lockdown die räumliche Verteilung der Kunden und Zugangsbeschränkungen nach meinen Beobachtungen gut im Griff. Warum also bleiben alle anderen Geschäfte geschlossen? Logisch ist das nicht.

Es braucht nicht weiter eine Salamitaktik nach der Gefühlslage der Kanzlerin, sondern endlich einen klaren Stufenplan, ab welcher Inzidenz welche Öffnungen unter welchen Bedingungen möglich sind oder umgekehrt zu welchen Einschränkungen es kommen kann, wenn die Zahlen wieder steigen. Nach einem Jahr Pandemie kann man die Menschen nicht mehr mit Floskeln wie "auf Sicht fahren" oder "nach Augenmaß handeln" abspeisen. Mit einem Stufenplan hat jeder eine klare Orientierung und auch eine Hoffnung.

Keine Erklärung für die hohen Sterbezahlen

Auch andere Fragen bleiben offen. Noch immer sind die Sterbezahlen sehr hoch und das Durchschnittsalter der an oder mit Corona Verstorbenen liegt bei 85 Jahren. Obwohl nun die Pflege- und Altenheime weitgehend durchgeimpft sind. Die Antwort ist einfach: Man hat die ambulant Gepflegten und ihre Betreuer bei den Impfplanungen vergessen. Doch dort gibt es durch den Kontakt mit den Pflegern und pflegenden Angehörigen auch viele Corona-Ansteckungen. Jetzt sollen sie in der zweiten Gruppe berücksichtigt werden plus Kontaktpersonen. Das ist viel zu spät. Es hätten sich sicher an den vielen Orten, wo sich Landräte, Bürgermeister und andere beim Impfen vorgedrängelt haben, entsprechende Familien finden lassen.

Von der Pleite der Impfstoffbeschaffung möchte man gar nicht wieder reden. Das habe ich schon getan.

Bürokratie statt Unterstützung

Unverständlich ist aber auch, dass erst am gestrigen Mittwoch der Antrag für weitere Überbrückungshilfen für Geschäfte und Unternehmen durch das Bundeswirtschaftsministerium freigeschaltet wurde und Hilfen für November und Dezember immer noch nicht vollständig ausgezahlt sind. Regierungsbeamte können sich offenbar, dank sicherer Salärs und Pensionen, nicht vorstellen, wie Ladenbesitzern, Gastwirten, Hoteliers und anderen Unternehmern das Wasser bis zum Hals steht, wenn nicht sogar schon höher. Da helfen auch nicht die Krokodilstränen der Kanzlerin heute im Bundestag. Da hilft vielleicht nur noch ein Personalwechsel an der Spitze im Bundeswirtschaftsministerium. Die Kanzlerinnentreue von Peter Altmaier kann nicht allein der Beschäftigungsgrund sein.

Nein, man verliert langsam Mut und Geduld weiter durchzuhalten, selbst wenn man bereit ist, viele Einschränkungen hinzunehmen. Es ist zu viel in den letzten Monaten in der Pandemiebekämpfung nicht so gelaufen, wie es hätte laufen können. Angst vor dem Virus allein kann nicht die Perspektive und Strategie der Bundesregierung sein. Das muss auch Angela Merkel langsam begreifen.   

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Februar 2021 | 10:00 Uhr

77 Kommentare

Storch Heiner vor 41 Wochen

unser "Bollwerk der Demokratie" bewies mit 81. Tagesordnungspunkten am Freitag in 1000 Tagung Handlungsfähigkeit während weltweiter Pandemie - europäisch handelnd damit es wieder aufwärts geht mit Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Ritter Runkel vor 41 Wochen

Ist es nicht naiv, ausgerechnet einer Regierung beim Lockdown trauen, die vorher das Gesundheitssystem einer neoliberalen Rosskur unterzogen hat, die trotz fertiger Pandemiepläne nicht vorbereitet war, die Pandemie sträflich unterschätzt hat, die bei der Maskenbeschaffung versagt hat, bei der Schutzkleidungsbeschaffung weiter versagt hat, die bei der Impfstoffbeschaffung leichtfertig und fahrlässig kniepig agierte und die Folgen der vorangegangenen Lockdowns den normalen Bürger ausbaden lässt, aber für die Industrie wie selbstverständlich umfangreiche Hilfen aus dem Ärmel schüttelt?
Kann man dieser Regierung noch trauen?

Culicoidea vor 41 Wochen

Uns Demokraten gefiel schon Prof. Dr. Wolfgang Böhmer und wir wählen auch Dr. Reiner Haseloff zur 3. Amtsperiode wieder, in der Hoffnung das es für schwarzgrün reicht denn bei schwarzgrün rot oder sogar schwarzgrün rot rot bleibt viel Eigeninitiative auf der Strecke und es müssen ständig mehr schlecht als recht, Kompromisse gemacht werden.

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