Kommentar K-Frage der Union: Die falsche Antwort

"Die Würfel sind gefallen." So begann Markus Söder seine Pressekonferenz am Dienstagmittag. Er zieht seine Kanzlerkandidatur zurück. Armin Laschet soll es machen. Damit ist der Machtkampf in der Union entschieden. Also Ende gut, alles gut? Bei weitem nicht, meint Hauptstadtkorrespondentin Sarah Frühauf.

Markus Söder (CSU, hinten), Ministerpräsident von Bayern und CSU-Vorsitzender, kommt neben Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
CSU-Chef Markus Söder (hinten) überlässt die Kanzlerkandidatur der Union CDU-Chef Armin Laschet (vorn). Bildrechte: dpa

Markus Söder ist alles andere als sympathisch. Er ist der Inbegriff des Machtpolitikers. Im Wikipedia-Artikel zur Definition "Opportunist" könnte sein Foto verlinkt sein. Ein Alphamännchen, wie es im Buche steht. So eine Art Mann hat schon einmal das Land geführt: Damals stellte die SPD den Kanzler, sein Name war Gerhard Schröder. Dieser Politikertypus ist fast ausgestorben. Man hätte ihm jetzt noch einmal eine Chance geben sollen.

Opportunist Söders mit Gespür für Stimmungen

Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern, setzt sich zu Beginn einer Sitzung des Ministerrats in der Staatskanzlei mit einer FFP2-Schutzmaske auf seinen Platz
Markus Söder Bildrechte: dpa

Es sind Zeiten des Umbruchs. Die Pandemie hat das gesellschaftliche Leben völlig auf den Kopf gestellt. Wegen des Wirtschaftseinbruchs drohen gesellschaftliche Verwerfungen. Es gibt eine Sehnsucht nach Stabilität, Sicherheit oder einfach eine starke Schulter, an die man sich anlehnen kann. Die bietet Markus Söder, vermeintlich zumindest. Denn das größte Talent des Opportunisten Söder ist sein Gespür für Stimmungen im Land. Gleich zu Beginn der Pandemie hat er sich als Macher inszeniert. Auch wenn das, was er getan hat, nicht immer von Erfolg gekrönt war. Söder hat nie gezögert. Die Menschen danken es ihm mit guten Umfragewerten.

Zauderer Laschet mit Prinzipien und inhaltlichem Anspruch

Armin Laschet
Armin Laschet Bildrechte: dpa

Armin Laschet wirkt dagegen als Zauderer. Mal ist er gegen harte Regeln, für Lockerungen, dann versucht er sich über unausgegorene Vorschläge wie dem Brückenlockdown zu profilieren. Um es ganz vereinfacht zu sagen: Laschet wirkt verunsichert, Söder kraftvoll. Laschet ist ein Politiker mit Prinzipien und inhaltlichem Anspruch, den man sich in einer anderen Situation gut im Kanzleramt hätte vorstellen könnte. Nun, da sich vieles verändert, hätte es einen Politiker gebraucht, wie Markus Söder. Den aufgrund seines unbändigen Machtwillens stets eine Aura der Durchsetzungskraft umgibt, der nie an seiner Politik oder sich Zweifel zugelassen hat.

Zwischenrechnung bei Sachsen-Anhalt-Wahl

Reiner Haseloff
Reiner Haseloff Bildrechte: imago images / Susanne Hübner

Ja, bis zur Bundestagswahl im September sind es noch einige Monate. Bis dahin kann viel passieren. Die Pandemie könnte vorbei und die Bürger mit der Regierungspolitik versöhnt sein. Man könnte hoffnungsvoll sagen: Abgerechnet wird für Armin Laschet zum Schluss. Es kommt aber schon mal eine Zwischenrechnung. Anfang Juni wählen die Sachsen-Anhalter einen neuen Landtag. Die AfD könnte dabei stärkste Kraft werden. Kein unrealistisches Szenario über das man auf Bundesebene am liebsten gar nicht nachdenken möchte. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff kann es aber nicht ignorieren. Sein Appell für Markus Söder hatte einen Grund: Mit ihm als Kanzlerkandidat hätte die CDU in Sachsen-Anhalt bessere Chancen gehabt.

Volksnähe Söders hätte der CDU in Sachsen-Anhalt geholfen

Denn natürlich strahlt die Bundespolitik auch immer ins Land. Zahlreiche Sachsen-Anhalter sind unzufrieden mit der Großen Koalition im Bund. Sie sind ihrer überdrüssig. Söder gilt als ein Gegenmodell zur Kanzlerin. Dabei geht es nicht um Inhalte und Fakten, sondern um ein Gefühl, das Söder vermittelt: das Bild eines starken konservativen Mannes, der Kante zeigt. Laschet dagegen steht vor allem für eine Fortführung der Ära Merkel: nett, aber irgendwie ohne eigenes Profil. Sicherlich ist Söder ein Populist. Populismus bedeutet im Wortsinn aber auch Volksnähe. Diese Volksnähe Söders hätte der CDU in Sachsen-Anhalt sehr geholfen.

Bundes-CDU unterschätzte schon einmal Stimmung im Osten

Annegret Kramp-Karrenbauer
Annegret Kramp-Karrenbauer Bildrechte: imago images / osnapix

Nun kann man im Landesverband in Sachsen-Anhalt seinen Frust nur herunterschlucken und darauf hoffen, dass die Bürger zumindest honorieren, dass Ministerpräsident Haseloff sich im Bundesvorstand gegen Laschet und für Söder ausgesprochen hat. Wenn es schlecht läuft, sind weitere Wähler verprellt und die CDU verliert die Spitzenposition im Land. Das würde einem politischen Erdbeben gleich kommen. Schon einmal hat die Bundes-CDU die Stimmung im Osten unterschätzt: In der Causa Kemmerich. Der Thüringer Landesverband hatte gemeinsam mit der AfD den FDP-Kandidaten zum Ministerpräsidenten gewählt.

Die damalige CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer musste sich eingestehen, dass ihr die Autorität fehlt, die Thüringer CDU wieder einzufangen. Sie kündigte ihren Rücktritt an.

CDU läuft Gefahr, Blick für Wähler zu verlieren

Die Wunde ist immer noch tief. Mit der Entscheidung für Laschet begeht die Bundesspitze allerdings wieder den gleichen Fehler. Damals in Thüringen wurde die Unzufriedenheit des Landesverbandes nicht gehört. Mit der AfD kooperiert man nicht, war die Ansage aus Berlin. In Erfurt wollte man zumindest Strategien diskutieren, wie man mit der immer stärker werdenden AfD umgeht. Deckel drauf machen - diese Strategie fährt der Bundesvorstand auch jetzt wieder in der K-Frage. Das, obwohl es an der CDU-Basis wegen der Entscheidung für Laschet und gegen Söder immer noch heftig rumort. Eine Partei, die es nicht schafft, in einen offenen Diskurs mit ihren eigenen Mitgliedern zu treten, läuft Gefahr auch den Blick ihre Wähler weiter zu verlieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 20. April 2021 | 19:30 Uhr

62 Kommentare

Bernd1951 vor 25 Wochen

Vielleicht hat Markus Söder bei seinem Satz "Die Würfel sind gefallen" nur ein kleines Wort vergessen, nämlich "vorerst". Ich kann mir vorstellen, wenn die Wahl in Sachsen-Anhalt für die CDU sehr schlecht ausgeht, dass dann noch einmal "gewürfelt" wird. Nur so kann ich mir den "Rückzieher" des Machtmenschen Markus Söder erklären. Ob dann Markus Söder bei den "Nordlichtern" eine bessere Chance bekommt, steht auf einem anderen Blatt.

Critica vor 25 Wochen

mdr, Deutschland ist allerdings auf dem Weg dorthin. Warum wurde heute der Föderalismus geschwächt? Weitere Schritte werden folgen - auch wenn Sie es nicht sehen wollen und schon gar nicht darüber schreiben werden.

MDR-Team vor 25 Wochen

Liebe(r) Nutzer(in),

Deutschland ist keine Monarchie. Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie. Die Bürger wählen im September einen neuen Bundestag. Dessen Abgeordnete wählen dann eine Regierung.

Die MDR.de-Redaktion

Mehr aus Politik

Mehr aus Deutschland