Kriminalstatistik Mehr als 17.700 Kinder Opfer sexualisierter Gewalt

Die Polizei in Deutschland hat 2021 deutlich mehr Missbrauchsfälle an Kindern und Jugendlichen als noch im Jahr zuvor erfasst. Demnach waren mehr als 17.700 Minderjährige Opfer sexualisierter Gewalt. Das sind zwei Kinder pro Tag mehr als noch 2020, so der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch. Deutschlands Missbrauchsbeauftragte, Kerstin Claus, fordert derweil mehr Ressourcen für die Bekämpfung der Dunkelziffer.

Symbolfoto - Ein Mädchen sitzt in einer Zimmerecke und legt ihren Kopf auf ihre Knie.
Die Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern sind seit 2020 deutlich gestiegen. Bildrechte: imago images/Shotshop

Im vergangenen Jahr sind mehr als 17.700 Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer sexueller Gewalt geworden. Das sind im Durchschnitt 49 minderjährige Opfer pro Tag, erklärte der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, am Montag in Berlin. Zusammen mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus, stellte er eine Sonderauswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik zur Gewalt an Kindern vor.

Demnach wurden 17.704 unter 14-Jährige im vergangenen Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch – ein Anstieg von 4,6 Prozent. Das seien zwei Kinder mehr pro Tag als noch 2020, verdeutlichte Münch. 2.281 von ihnen waren jünger als sechs Jahre. Meist kämen die Täter aus dem Umfeld der Kinder. "Das verdeutlicht das dramatische Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Kinder, was sich ebenfalls an den dramatisch gestiegenen Fallzahlen im Bereich der Verbreitung, des Erwerbs, des Besitzes und der Herstellung von Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche festmachen lässt," erklärt Münch.

Starker Anstieg von Missbrauchsdarstellungen an Kindern

Demnach haben sich die Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Missbrauchsdarstellungen 2020 mehr als verdoppelt. So registrierten die Behörden im vergangenem Jahr 39.171 Fälle – ein Anstieg um 108,8 Prozent. Zum Vergleich: 2020 waren es rund 18.700 Fälle. Die reine Verbreitung oder der Besitz von Missbrauchsdarstellungen stieg von 3.107 (2020) auf 5,105 (2021) an.

Weiterhin große Dunkelziffer

Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches größer, erklärte Münch. Die Schätzungen der Behörden gehen davon aus, dass in Deutschland pro Schulklasse ein bis zwei Schüler von sexueller Gewalt in unterschiedlichsten Lebensbereichen betroffen seien.

Die Pandemie könnte diese Entwicklung noch befördert haben. Durch Kontaktbeschränkungen und ein längeres Zusammenleben auf engstem Raum könnten bereits vorhandene Gewaltneigungen zusätzlich gestiegen seien. Jedoch lässt sich ein direkter Zusammenhang mit der Pandemie aus der Datenlage nicht ableiten.

Münch begrüßte dennoch eine Zunahme an Hinweisen auf strafrechtlich relevante Fälle von sexualisierter Gewalt oder Missbrauchsdarstellungen, die bei den Behörden eingehen: "Das gestiegene Hinweisaufkommen trägt wesentlich zur Aufhellung des großen Dunkelfeldes im Bereich sexueller Missbrauch von Kindern bei." Schwerste Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche als schwächste Mitglieder der Gesellschaft seien besonders zu ächten, zu verfolgen und zu beenden, sagte Münch.

Europa: Drehkreuz für Verbreitung von Missbrauchsabbildungen

Neben der Kriminalstatistik der Bundesregierung verweisen auch internationale Zahlen auf einen starken Anstieg der sexuellen Ausbeutung von Kindern online. So sollen über 60 Prozent des weltweiten Materials auf europäischen Servern angeboten werden.

Kerstin Claus, die unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs sieht Europa deshalb als Drehkreuz bei der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen und fordert mehr Ressourcen für eine adäquate Strafverfolgung: "Wir brauchen eine verstärkte europäische Zusammenarbeit und deutlich mehr Investitionen in die personelle und technologische Ausstattung der Ermittlungsbehörden." Jeder Ermittlungserfolg sei wichtig, denn er biete die Chance, akuten Kindesmissbrauch zu stoppen und weitere Taten zu verhindern.

Unterstützung erhalten die deutschen Behörden seit einigen Jahren durch das US-amerikanische National Center of Missing and Exploited Children (NCMEC). Die Behörde übermittelt bei entdeckten Delikten mit Tatort in Deutschland Daten an das Bundeskriminalamt. Auch die EU-Kommission plant verschärfte Verordnungen, wonach Online-Anbieter dazu verpflichtet werden sollen, eine Risikobewertung vorzunehmen und auf Anordnung Material im Internet zu sichten, zu melden und zu entfernen.

dpa, epd co fu, MDR Aktuell

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. Mai 2022 | 13:00 Uhr

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