Bilanz zur Einwanderung Breite Kritik am Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Laut Chef der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele braucht Deutschland jährlich rund 400.000 Zuwanderer, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dafür ist bereits im März 2020 das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten. Trotzdem haben in diesem Jahr bisher weniger als 30.000 Menschen ein Visum erteilt bekommen. Deshalb gibt es viel Kritik aus Wirtschaft und Politik an dem Gesetz.

Visitenkarten liegen im Eingang der Zentralen Servicestelle Berufsanerkennung.
Bei der Berufsanerkennung von Fachkräften aus dem Ausland gibt es noch einige bürokratische Hürden. Bildrechte: dpa

Als einen Meilenstein der deutschen Migrationspolitik hat Bundesinnenminister Horst Seehofer das Fachkräfteeinwanderungsgesetz damals bezeichnet und ein Jahr später eine positive Bilanz gezogen. Das Gesetz an sich sei grundsätzlich die richtige Idee, findet auch der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Reint Gropp.

Allerdings seien die Zahlen der Eingewanderten relativ klein: "Im letzten Jahr sind tatsächlich 30.000 Menschen unter dem Gesetz nach Deutschland eingewandert, was nur ein kleiner Teil dieses Bedarfs, den der Präsident der Arbeitsagentur genannt hat, von 400.000, abdecken wird", sagt Gropp. Im ersten Halbjahr 2021 sind 25.980 Visa erteilt worden, wie MDR AKTUELL vom Auswärtigen Amt erfuhr. Es verwies darauf, dass wegen der jeweiligen Corona-Auflagen vor Ort, die Visastellen nur eingeschränkt und reduziert arbeiten.

Fachkräfte wandern vor allem in westdeutsche Großstädte

Trotz Einwanderungsgesetz seien die bürokratischen Hürden für qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittländern immer noch zu hoch, finden der Ökonom Gropp und auch der Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Bundesgeschäftsführer Markus Jerger: "Was uns beschäftigt ist, dass die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse einfach nicht funktioniert und vielleicht als Alternative keine Tests, zum Beispiel, dieses Problem lösen können." Zumal hochqualifizierte Fachkräfte Länder wie Israel oder die USA vorziehen würden, weil dort weniger Steuern und mehr unternehmerische Freiheiten geboten würden, sagt Jerger.

Aber auch innerhalb Deutschlands gibt es ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage, beobachtet der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle: "Die Menschen wandern eher nach Hamburg, Frankfurt und nach München ein als nach Leipzig, Halle oder Rostock. Aber der Bedarf und die Demografie in Ostdeutschland ist nochmal ein ganzes Stück dramatischer als im Westen."

Ausländer siedeln sich ungern auf dem Land an

Insbesondere die mittelständischen Unternehmen leiden hier doppelt, berichtet Jerger. Auf dem Land fehlen ihnen zum einen die deutschen Fachkräfte, andererseits sei die Stimmung so, dass: "Zum Teil natürlich auch Ausländer nicht ganz in das lokale Kultur- und Sozialleben integriert werden können, auch vielleicht mehr auffallen als in einer Großstadt. Dort siedeln sich in der Regel Fachkräfte aus dem Ausland nicht gerne an."

Die migrationspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Filiz Polat schlägt deshalb ein Einwanderungsgesetz vor, das nicht nur unbürokratischer ist, sondern sich auch an den Bedürfnissen vor Ort orientiere: "Wir haben keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, sondern, wir haben Engpässe in bestimmten Branchen und Regionen und dafür fordern wir dann parallel eine Einwanderungskommission, die passgenau die Einwanderungsbedarfe pro Jahr definiert."

Kritik am Einwanderungsgesetz

Dagegen findet der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP, Michael Theurer, dass Deutschland auch attraktive Angebote machen muss, um die besten Köpfe ins Land zu locken. Das Gesetz greife zu kurz: "Das von uns geforderte Punkte-System fehlt, die Chancenkarte fehlt. Was das Gesetz vor allen Dingen nicht gebracht hat, ist der Spurwechsel, dass eben Menschen mit Migrationshintergrund, die hier einen Arbeitsplatz oder Ausbildungsplatz haben, auch hierbleiben können."

Zu bürokratisch, nicht weit genug gedacht und nicht ausreichend wirkungsvoll – die Kritik aus Wirtschaft und Politik am Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist groß.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. August 2021 | 07:08 Uhr

40 Kommentare

Hansi63 vor 22 Wochen

Ich persönlich kenne ein sehr gutes Beispiel. Eine sehr nette junge Frau aus Vorderasien (sehr gutes Deutsch) hat mich als Servierkraft bedient, im Gespräch mit Ihr erfahre ich das sie von Beruf OP Kinderkrankenschwester ist, da frage ich mich doch was mit unserer Politik los ist, in ihrer Heimat würde sie viel mehr gutes tun können als mich in Deutschland zu bedienen ! In vielen der Länder verschlechtert sich die Lage dermaßen und wir locken noch diesen Ländern ihre Fachkräfte ab !

Erichs Rache vor 22 Wochen

@Hansi63

"neue Kolonialpolitik" des Westens????

So neu ist das gar nicht. Denken Sie mal an die vielen Ostdeutschen, die vor 1961 und nach 1989 "rübergemacht" sind. Die wollten auch nicht mehr in Ostdeutschland leben und waren auf der Suche nach ihrem persönlichem Glück.

Deutschland ist nun mal wie ein Magnet in Europa. Die Vereinigten Staaten sind dies in Amerika.

Was wollen Sie dagegen tun?? Sachsen dichtmachen?

SilverAger vor 22 Wochen

in den AMEOS Kliniken wird Frau super versorgt; mit osteuropäischen Sprachkenntnissen klappt jede Verständigunng und nur die sturen auf deutsch pochendendes ewigen Nörgler murren und sind dann schnell gesund

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