Patientenversorgung Kritik an neuer Kommission zur Krankenhausreform

Die rund 2.000 Krankenhäuser in Deutschland müssen dringend zukunftsfest gemacht werden. Eine neue Kommission von Bundesgesundheitsminister Lauterbach soll sich darum kümmern. Doch an deren Zusammensetzung gibt es Kritik, auch aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Patienten warten im Unfall-Krankenhaus auf ihre Behandlung.
Viele Krankenhäuser schreiben rote Zahlen und leiden unter Personalmangel. Eine Kommission von Bundesgesundheitsminister Lauterbach soll jetzt die dringenden Reformen anschieben. Bildrechte: dpa

Letzte Reform liegt 20 Jahre zurück

Die letzte große Strukturreform der Krankenhäuser liegt bereits 20 Jahre zurück. Es hat sich einiges angestaut im deutschen Krankenhauswesen: drohende Insolvenzen, fehlendes Personal, mangelnde Digitalisierung, zu viel Bürokratie. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat jetzt eine neue Kommission berufen, die die Probleme angehen soll. "Endlich" heißt es unisono bei den Krankenhausgesellschaften und Krankenkassen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Doch die Vorfreude ist verhalten. Denn die zu lösenden Probleme sind gewaltig und vielschichtig.

Bereits jetzt Unterversorgung auf dem Land

In Sachsen, dem Bundesland mit der ältesten Bevölkerung, steht man bei der Patientenversorgung vor großen Herausforderungen, besonders im ländlichen Raum. "Der Fachkräftemangel in den Heil- und der Pflegeberufen führt bereits jetzt zur Unterversorgung in ländlichen Regionen, wie Ostsachen und Erzgebirge", sagt Friedrich R. München, stellvertretender Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen.

Vor diesem Hintergrund sehe man es kritisch, dass in dem neuen Gremium zwar Wissenschaftler, aber keine Vertreter von Krankenhausträgern aus ländlichen, strukturschwachen Regionen sind. "Es besteht die Gefahr, dass die Probleme, die Krankenhäuser aufgrund der demographischen Entwicklung in der Fläche zu bewältigen haben, in dieser Berliner Regierungskommission wenig Gehör finden", so Friedrich R. München. Hinzu käme, dass in der Kommission generell zu wenig Experten aus Ostdeutschland sind.

Forderung: Krankenhäuser sollen für ambulante Versorgung öffnen

Bei der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt erhofft man sich von den Reformen insbesondere die Aufhebung der strikten Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung. "Krankenhäuser müssen für ambulante Versorgungsmöglichkeiten geöffnet, ambulante fachärztliche Leistungen ausgeweitet und das aufwendige Zulassungsverfahren stark entbürokratisiert werden", erklärt Geschäftsführer Dr. Gösta Heelmann. Dafür brauche es einen klug geplanten und gesteuerten Umbau der Versorgungsstrukturen.

Vergütungssystem muss reformiert werden

Auch in Thüringen hofft man, dass sich die Regierungskommission eine Neustrukturierung auf den Weg bringt , denn hier gibt es besonders viele Ärzte die bald in Rente gehen und keine Nachfolger für ihre Praxen finden. "Die Krankenhäuser können mithelfen, Praxisschließungen abzufedern", ergänzt Rainer Poniewaß von der Landeskrankenhausgesellschaft Thüringen. Dazu müssten die aktuellen Vergütungssysteme reformiert werden.  "Deswegen muss sich die Regierungskommission jetzt auf den Weg machen, die Rahmenbedingungen für die ambulante Leistungserbringung in den Krankenhäusern zu schaffen, im Interesse einer weiteren guten Patientenversorgung im ländlichen Raum."

Zu wenig "Praktiker" in der Kommission

Sowohl bei den Krankenhausgesellschaften als auch bei den Krankenkassen bedauert man, dass man als Vertreter der Selbstverwaltung nicht im Gremium vertreten ist. Die neue Expertenkommission besteht aus 16 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Pflege, Medizin, Ökonomie und Recht. "Es braucht neben der wissenschaftlichen Theorie die unmittelbaren Erfahrungen aus der Praxis sowie die Perspektive der Versicherten und Arbeitgeber als Finanziers des Gesundheitssystems, um eine bedarfsgerechte, nachhaltige und effiziente Versorgung für die Menschen zu schaffen", kritisiert Rainer Striebel, Vorstandsvorsitzender der AOK PLUS Sachsen und Thüringen.

Umsetzung ab 2023 geplant

Krankenhäuser, Krankenkassen und Verbände gehören der Kommission zwar nicht an, sollen aber regelmäßig angehört werden. Der Plan für die Kran­kenhausreform sehe ein dreistufiges Verfahren aus wissenschaftlicher Erarbeitung der Reformvorschläge, An­hörung der Verbände und Umsetzung in Zusammenarbeit mit den Ländern vor, so Gesundheitsminister Lauterbach bei der Vorstellung des Gremiums.

Die Empfehlungen der Kommission sollen Grundlage für Krankenhausreformen ab dem Jahr 2023 werden. Die Reformen sind dringend notwendig. Denn nicht erst seit der Corona-Pandemie schreiben viele Kliniken rote Zahlen und fühlen sich Patienten besonders im ländlichen Raum nicht mehr gut versorgt.

Die Mitglieder der Regierungskommission

  1. Prof. Dr. Tom Bschor, Koordinator der Regierungskommission, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und langjähriger Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie der Schlosspark-Klinik Berlin und stellvertretender Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie.
  2. Prof. Dr. Martina Hasseler ist als Pflege- und Rehabilitationswissenschaftlerin Professorin für Klinische Pflege an der Fakultät Gesundheitswesen an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.
  3. Dr. Heidemarie Haeske-Seeberg ist Vorsitzende der Gesellschaft für Qualitätsmanagement und leitet den Bereich für Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement der Sana Kliniken AG.
  4. Michaela Evans ist Direktorin des Forschungsschwerpunktes Arbeit & Wandel am Institut Arbeit und Technik (IAT) an der Westfälischen Hochschule.
  5. Prof. Dr. Jörg Dötsch ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Köln.
  6. Prof. Dr. Christian Karagiannidis ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN).
  7. Prof. Dr. Heyo Kroemer ist Pharmazeut und Pharmakologe und Vorstandsvorsitzender der Charité.
  8. Prof. Dr. Rajan Somasundaram ist Ärztlicher Leiter in der Notaufnahme Campus Benjamin Franklin mit den Tätigkeitsschwerpunkten Notfallmedizin und Porphyrien.
  9. Prof. Dr. Dagmar Felix hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt Sozialrecht an der Universität Hamburg inne.
  10. Prof. Dr Stefan Huster hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Gesundheits- und Sozialrecht und Rechtsphilosophie an der Ruhr-Universität Bochum inne.
  11. Prof. Dr. Thorsten Kingreen hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Sozialrecht und Gesundheitsrecht an der Universität Regensburg inne. Er arbeitet unter anderem zu Grundrechts- und Verfassungsfragen.
  12. Prof. Dr. Laura Münkler hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht mit Schwerpunkt Verwaltungs- und Gesundheitsrecht an der Universität Greifswald inne.
  13. Prof. Dr. Boris Augurzky ist Kompetenzbereichsleiter Gesundheit im Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsinstitut (RWI).
  14. Prof. Dr. Reinhard Busse ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin. Sein Schwerpunkt ist u. a. Gesundheitssystemforschung.
  15. Die Volkswirtin Irmtraud Gürkan war lange im Management der Universitätsklinik Heidelberg tätig und ist Gründungsmitglied des Verbands der Universtiätsklinika Deutschland (VUD). Derzeit ist sie u. a. stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Charité.
  16. Prof. Dr. Leonie Sundmacher hat den Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften an der Technische Universität München.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 02. Mai 2022 | 19:30 Uhr

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