Aufarbeitung DDR-Geschichte Der letzte Bericht der Stasi-Unterlagenbehörde

Der Stasi-Unterlagenbeauftragte Roland Jahn hat den letzten Bericht in der Geschichte seiner Behörde vorgelegt. Mehr als 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wird sie Ende Juni aufgelöst. Damit endet auch Jahns Amtszeit. Das Interesse auf Einblick in die Stasi-Akten ist nach wie vor hoch. Vor allem Angehörige und Nachkommen Verstorbener stellten Anträge auf Akteneinsicht.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
Am 17. Juni endet nicht nur die Amtszeit des Bundesbeauftragten, Roland Jahn, sondern auch die Arbeit der Stasi-Unterlagenbehörde in ihrer jetzigen Form. Bildrechte: dpa

Weiter großes Interesse an Stasi-Akten

Jeden Monat stellen bis zu 4.500 Menschen Anträge auf Stasi-Akteneinsicht. Der scheidende Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU), Roland Jahn, sagte bei der Vorlage des 15. und letzten Tätigkeitsberichts seiner Behörde, viele Anträge würden mittlerweile von Menschen gestellt, die sich für das Leben ihrer verstorbenen Eltern und Großeltern interessierten. Zugenommen hätten auch Anträge auf Rehabilitierung. Konstant sei zudem das Interesse von Medien und Forschung.

Jahn: Akten wichtig für die Demokratie

Die Stasi-Unterlagen können unserer heutigen Gesellschaft einen großen Dienst erweisen.

Roland Jahn Beaufttragter für Stasi-Unterlagen

Jahn bekräftigte, im Stasi-Unterlagen-Archiv stecke "viel Stoff für die Gestaltung der Demokratie". Auch unterstütze es die Sensibilisierung für Werte wie Freiheit und Menschenrechte.

Tausende zerrissene Stasi-Akten noch nicht rekonstruiert

Seit Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) Ende Dezember 1991 machten insgesamt fast 2,17 Millionen Menschen von ihrem Recht auf persönliche Akteneinsicht Gebrauch. Zur Stasi-Hinterlassenschaft gehören allein mehr als 111 Kilometer Schriftgut. Hinzu kommen Hunderttausende Fotos und Tondokumente. In mehr als 15.000 Säcken lagern nach wie vor zerrissene und noch nicht erschlossene Papiere. Die in großem Stil geplante, virtuelle Rekonstruktion kam bislang nicht zustande. Dies bleibt laut Jahn weiter eine wichtige Aufgabe.

In der Leipziger Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) liegen 2013 Säcke mit vernichteten Stasi-Akten.
In den Archiven des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) - wie hier in Leipzig - warten mehrere Tausend Säcke mit zerkleinerten Stasi-Akten auf ihre Erschließung. Bildrechte: dpa

Die Sonderbehörde wird im Sommer aufgelöst, die Akten gehen dann ins Bundesarchiv über. Rund 1.300 Mitarbeiter werden den Angaben zufolge übernommen. Der frühere Dissident, Bürgerrechtler und Journalist Jahn bekräftigte am Freitag in Berlin, auch nach der Überführung von Millionen Dokumenten der DDR-Staatssicherheit in das Bundesarchiv blieben die Akten zugänglich.

Jahn begrüßte zudem, dass ein Bundesbeauftragter für die Opfer der SED-Diktatur eingerichtet werde. Mit diesem Ombudsmann nach dem Vorbild des Wehrbeauftragten gebe es nun einen "Kümmerer". Diesen gesetzlichen Auftrag habe die Stasi-Unterlagenbehörde nie gehabt, sei dafür aber des Öfteren in Anspruch genommen worden, blickte Jahn zurück.

Der Opferbeauftragte wird direkt beim Bundestag angesiedelt. Wer die Aufgabe übernimmt, steht noch nicht fest. Jahns Amtszeit endet im Juni. Er selbst will die neue Stelle nach eigenen Worten nicht. Jetzt müssten Jüngere in die Verantwortung gehen, sagte der 68-Jährige.

Akten bleiben in den einstigen Stasi-Zentralen

 Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, geht in einem Aktenraum der ehemaligen Stasi-Zentrale, Campus für Demokratie, zwischen Regalen
Roland Jahn leitet seit zehn Jahren die Stasi-Unterlagenbehörde. Bildrechte: dpa

Ziel ist es laut Jahn, die Unterlagen dauerhaft zu sichern und der Gesellschaft zur Verfügung zur stellen. Der Bundestag hatte im November 2020 gesetzlich verankert, dass das Archiv am historischen Ort der einstigen Stasi-Zentrale in Berlin sowie an 13 ostdeutschen Standorten in seiner Gesamtheit Teil des nationalen Gedächtnisses wird.

Als Haupt-Archivstandorte vorgesehen sind Halle, Leipzig, Erfurt, Rostock und Frankfurt (Oder). Außerdem sollen Außenstellen zur Information, Beratung, Antragstellung und Akteneinsicht in Chemnitz, Dresden, Gera, Magdeburg, Suhl, Cottbus, Neubrandenburg und Schwerin eingerichtet werden.

Unterlagenbehörde fusioniert mit Bundesarchiv

Der Ratsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Markus Meckel, sieht in der Auflösung der Behörde auch Chancen. Meckel sagte im "Deutschlandfunk", die Behörde habe zuletzt zu viele Aufgaben und kein klares Konzept gehabt. Viele, die an der Behörde festhalten wollten, sähen in ihr lediglich ein Symbol. Doch die Überführung der Stasi-Akten ins Bundesarchiv bedeute eine neue Struktur und biete die Möglichkeit, den schlechten Zustand der Akten etwa durch eine Digitalisierung zu verbessern. Gleichzeitig könne man andere Aufgaben von der Archivierung trennen. So sollte die Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht in einem Archiv erfolgen, sondern in der politischen Bildung, mahnte Meckel.

Nach dem Mauerfall 1989 hatten mutige Bürgerrechtler einen großen Teil der Stasi-Unterlagen vor der Vernichtung gerettet. Die Einrichtung der Behörde und das Archiv gelten als Errungenschaft der Friedlichen Revolution.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 19. März 2021 | 19:30 Uhr

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