Ärztegewerkschaft Marburger Bund fordert Neuausrichtung im Gesundheitswesen

Der Marburger Bund fordert eine Neuorientierung bei der Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens. Fallpauschalen hätten ausgedient. Ändere sich nicht bald etwas an der Finanzierung, drohe zahlreichen Standorten die Insolvenz. Zudem forderte der Verband mit Nachdruck mehr Medizin-Studienplätze.

Susanne Johna, Erste Vorsitzende des Marburger Bund, spricht auf der zentralen Kundgebung des Marburger Bund auf dem Römerberg.
Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes, Deutschlands einziger Ärztegewerkschaft. Johnas Verband spricht sich für ein Ende der Fallpauschalen im Gesundheitswesen aus. Bildrechte: dpa

Der Ärzteverband Marburger Bund fordert eine grundlegende Neuorientierung der Krankenhaus-Finanzierung. Das derzeitige Fallpauschalen-System habe komplett ausgedient, sagte die Verbandsvorsitzende Susanne Johna nach der zweitägigen Hauptversammlung der Ärztegewerkschaft in Bremen. Mengenanreize müssten beseitigt werden, bekräftigte Johna ihre Forderung.

Kombinierte Vergütung gefordert

Der Marburger Bund fordert ein kombiniertes Vergütungssystem aus der Deckung krankenhausindividueller Ausgaben sowie der Abrechnung landeseinheitlicher pauschalisierter Kosten. Johna kritisierte überdies, dass die Länder zu einem großen Teil ihren Verpflichtungen zur Übernahme der Investitionskosten nicht nachkämen. Sie zahlten weniger als die Hälfte dessen, was sie finanzieren müssten: "Das kann nicht funktionieren."

Was ist eigentlich die Fallpauschale? Durch Fallpauschalen wird die Vergütung von medizinischen Behandlungen geregelt. Basis der Vergütung sind nicht Dauer oder Aufwand der Behandlung, sondern es gibt eine festgelegte Vergütung pro Fall. Die Fallpauschalen wurden in Deutschland 2003 flächendeckend eingeführt. Kritiker sehen in ihnen einen Anreiz zur Fließbandmedizin.

Wenn es bei der Krankenhausplanung und der Finanzierung nicht bald sinnvolle Reformen gebe, dann drohten Krankenhausstandorte in die Insolvenz zu gehen, warnte Johna. Derzeit finde ein durch politische Entscheidungen forcierter Verdrängungswettbewerb statt, unter dem das Klinikpersonal und die Patienten gleichermaßen zu leiden hätten. "Wir brauchen eine Krankenhausversorgung, die stärker auf Kooperation, Vernetzung und Bedarfsgerechtigkeit ausgerichtet ist", sagte Johna.

Mehr Studienplätze gegen Ruhestandswelle

Ein wichtiger Tagesordnungspunkt bei der Hauptversammlung war auch der Medizinermangel. Knapp 90.000 der 416.000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzte stünden nach Zahlen der Bundesärztekammer kurz vor dem Ruhestand, sagte Johna. Vor diesem Hintergrund forderte sie einen Ausbau der Studienplätze um mindestens zehn Prozent. "Wegducken hilft nicht – wir brauchen mehr ärztlichen Nachwuchs, um den wachsenden Ersatzbedarf durch die Verrentung der Babyboomer wenigstens teilweise ausgleichen zu können." Die Zeit dränge, so Johna.

Schließlich warnte der Marburger Bund auch vor einer zunehmenden Monopolbildung bei Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Der wachsende Anteil von börsennotierten Unternehmen und Privatkapital-Beteiligungen bedrohe die Versorgungsqualität, heißt es in einem Beschluss der Jahreshauptversammlung. Der Marburger Bund forderte den Gesetzgeber auf, ein frei zugängliches Register zu schaffen, das Besitzverhältnisse und medizinische Verantwortlichkeit für die MVZ offenlegt.

Die 230 Delegierten des Marburger Bundes trafen sich am Wochenende zu ihrer Hauptversammlung in Bremen, die wenige Tage vor dem Ärztetag in Bremen stattfindet. Der Marburger Bund ist der Verband aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte. Mit rund 131.000 Mitgliedern ist er nach eigenen Angaben der größte deutsche Ärzteverband und Deutschlands einzige Ärztegewerkschaft.

dpa, epd (jan)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Mai 2022 | 19:45 Uhr

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