Taliban-Machtübernahme in Afghanistan Merkel: Afghanistan-Einsatz hinterlässt bittere Erkenntnis

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas haben Fehler in der Einschätzung der Situation in Afghanistan eingeräumt. Merkel sprach von einer bitteren Erkenntnis. Deutschland will nun 10.000 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit bringen. Merkel dämpfte jedoch die Hoffnung. Kritik übte die Kanzlerin am Abzug der USA.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
Merkel: Viele Menschen werden versuchen, das Land zu verlassen Bildrechte: dpa

Nach der faktischen Machtübernahme durch die militant-islamistischen Taliban in Afghanistan hat die Bundesregierung Fehler eingeräumt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in einer Pressekonferenz, man habe die Schnelligkeit des Vormarschs der Taliban völlig unterschätzt. "Wir haben alle - da übernehmen ich auch die Verantwortung - die Entwicklung falsch eingeschätzt."

Merkel: Keine erfolgreichen Bemühungen

Merkel erklärte, der fast 20 Jahre währende Einsatz sei "nicht so geglückt, wie wir uns das vorgenommen haben". Sie fügte hinzu, das sei eine Erkenntnis, die bitter sei. Die Bündnispartner müssten sich eingestehen, "dass das keine erfolgreichen Bemühungen waren". Dramatisch und furchtbar sei diese Entwicklung insbesondere für die Menschen in Afghanistan", sagte die Kanzlerin. Die Lage sei "furchtbar für die Millionen Afghanen, die sich für eine freie Gesellschaft eingesetzt haben".

Maas: Wir haben die Lage falsch eingeschätzt

Zuvor hatte bereits Bundesaußenminister Heiko Maas Fehler eingeräumt: "Es gibt auch nichts zu beschönigen: Wir alle - die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft - wir haben die Lage falsch eingeschätzt."

Maas bezeichnete die Bilder von verzweifelten Menschen am Flughafen der Hauptstadt Kabul als außerordentlich schmerzhaft. Deutschland werde nichts unversucht lassen, so viele Menschen wie möglich aus der katastrophalen Lage zu retten.

Merkel dämpft Hoffnungen mit Blick auf Evakuierungen

Zugleich dämpfte Merkel die Hoffnungen auf die Aufnahme weiterer afghanischer Ortskräfte in Deutschland. Merkel sagte, Deutschland werde alles tun werde, um einheimische Ortskräfte aus Kabul in Sicherheit zu bringen; zugleich räumte sie ein: "Das haben wir leider nicht mehr in der Hand." Ob die Evakuierungen ausgeführt werden können, hänge "von der Lage in Kabul ab".

Zuvor hatte sie in CDU-Gremien von rund 10.000 Menschen gesprochen, die aus Afghanistan in Sicherheit nach Deutschland gebracht werden sollen. Neben etwa 80 deutschen Bürgerinnen und Bürgern, die sich derzeit noch in Afghanisten aufhalten, hat die Bundesregierung vor Monaten bereits 2.500 Ortskräfte identifiziert. Bei 600 wisse man derzeit nicht, ob sie bereits in Drittstaaten seien. Zudem sollten weitere 2.000 Personen wie Menschenrechtler und Anwälte ausreisen. Hinzu kämen Familienangehörige.

Merkel erwartet mehr Flüchtlinge

Merkel erwartet darüber hinaus in Zukunft eine wachsende Zahl von Flüchtlingen aus Afghanistan. Merkel sagte nach Medien-Informationen in den CDU-Parteigremien: "Viele Menschen werden versuchen, das Land zu verlassen". Die Bundesregierung werde im Umgang mit der erwarteten Fluchtbewegung eng mit den Nachbarländern Afghanistans zusammenarbeiten, sagte Merkel. "Wir sollten alles tun, um den Ländern dabei zu helfen, die Geflüchteten zu unterstützen", wurde Merkel zitiert. "Das Thema wird uns noch sehr lange beschäftigen."

Zuvor hatte CDU-Chef Armin Laschet gefordert, ein 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Morgen kommen die Außenminister der EU zu einer Videokonferenz zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Das kündigte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell an.

Merkel: US-Abzug hat Domino-Effekt ausgelöst

Kritisch äußerte sich Merkel zur Entscheidung der USA, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Diese Entscheidung habe vor allem "innenpolitische Gründe" gehabt, sagte Merkel Teilnehmern zufolge. Der Abzug habe nun aber einen "Domino-Effekt" ausgelöst, der zum Zusammenbruch von Afghanistans Armee und Regierung und zur Machtübernahme der Taliban geführt habe. Merkel sagte, für die vielen, die an Fortschritt und Freiheit gebaut hätten – vor allem die Frauen – seien das bittere Ereignisse. Nun heiße es: "So viele Menschen wie möglich in Sicherheit bringen und den Organisationen helfen, die Menschen retten."

Quelle: MDR, AFP, DPA

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 16. August 2021 | 19:30 Uhr

365 Kommentare

Culicoidea vor 8 Wochen

"das die Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel Geheimgespräche mit der radikalislamischen afghanischen Taliban geführt hat"

stimmt war am 06.08.2021 weitsichtig eine Woche bevor afghan. Präsident heldenhaft geflohen ist

Tacitus vor 8 Wochen

@Jana, ein Beitrag, der mich - wie oft bei Ihnen- sprachlos macht. Unsere Regierung hatte Monate Zeit- der Vormarsch der Taliban war ganz klar zu sehen, die Botschaft hatte gewarnt. Außerdem sind solche Vorgänge zur Rettung standardisiert (wie ein Offizier in einem Beitrag schrieb), Materialien und Abläufe sind fest, es dauert nur kurze Zeit- die verantwortliche Politik muss das nur auslösen. Das hat sie nicht getan. Außenminister Maas und Verteidigungsministerin AKK haben versagt- ihr Rücktritt ist unvermeidlich.

Soldaten Norbert vor 8 Wochen

Hauptsache müssen wir durch das Versagen unserer Regierung kein zweites 2015 Erleben müssen. Das verkraftet auch unser Land nicht mehr. Zu gross die Probleme ! Wir lesen es ja jeden Tag.

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