Erhöhter Mindestlohn 12 Euro Mindestlohn: Warum vor allem Frauen und Ostdeutsche profitieren

2015 ging es mit 8,50 Euro los. Danach stieg der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland Jahr für Jahr um ein paar Cent. Aktuell liegt er bei 9,60 Euro. Im Koalitionsvertrag hatte die Ampel-Regierung einen weiteren großen Sprung verabredet. Zwölf Euro sollen die Unternehmen künftig pro Stunde zahlen – und zwar schon ab 1. Oktober. Der Bundestag ist einverstanden, nur der Bundesrat muss noch zustimmen. Aber wer profitiert eigentlich von der Mindestlohn-Erhöhung?

Eine Frau saugt in einem Hotel einen Flur
Vor allem Frauen könnten von der Erhöhung des Mindestlohns profitieren. Bildrechte: dpa

Als Chef jenes Ministeriums, in dem der Gesetzentwurf für einen höheren Mindestlohn entstand, ist Arbeitsminister Hubertus Heil selbstredend von der Anhebung überzeugt. Sie komme rund sechs Millionen Menschen in Deutschland zugute, sagte der SPD-Politiker. Etwa so viele verdienen bisher weniger als zwölf Euro pro Stunde. "Ich will mal noch sagen, wer davon profitiert: Millionen von Menschen, vor allem Frauen, die am Arbeitsmarkt arbeiten, die den Laden am Laufen halten und auch sehr viele Beschäftigte in Ostdeutschland."

Warum vor allem Frauen und Ostdeutsche vom höheren Mindestlohn profitieren

Der Politikwissenschaftler Thorsten Schulten beschäftigt sich am Wirtschafts- und Sozialpolitischen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mit Lohnpolitik. Er sagt: Es könnten sogar noch mehr als sechs Millionen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen vom Mindestlohn profitieren. Denn erfahrungsgemäß würden auch die Löhne derjenigen angehoben, die bisher knapp über zwölf Euro verdient hätten.

Warum darunter, wie Heil sagte, überdurchschnittlich viele Frauen und Ostdeutsche sind, erklärt Schulten so: "Weil wir eben nach wie vor viele Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt haben und weil wir leider auch zum Beispiel in den Dienstleistungsbereichen, wo viele Frauen arbeiten, Situationen haben, wo die Gewerkschaften schwach sind, wo es keine Tarifverträge gibt und die Verhandlungsposition des Arbeitgebers sehr stark ist. Deshalb ist das ein wichtiges Instrument, um die schwache Verhandlungsposition der Beschäftigten auszugleichen."

Große Chancen und Risiken für Gastronomie, Einzelhandel und Landwirtschaft

Wirkung wird der Mindestlohn vor allem im Dienstleistungssektor zeigen, prognostiziert Schulten: Zum Beispiel in der Gastronomie, in Callcentern oder im Einzelhandel, aber auch in der Landwirtschaft.

Christoph Schröder vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln sieht in den Branchen mit den größten Chancen aber zugleich die größten Risiken: "Wir begeben uns da zumindest auf etwas ungewisses Terrain. Es sagen eigentlich fast alle Ökonomen, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo es mal kippt, wo der Mindestlohn so hoch ist, dass die Beschäftigung zurückgeht. Und wir haben natürlich auch regionale Unterschiede zwischen Ost und West, Stadt und Land. Sodass es da regional schon zu Problemen kommen kann."

Negative Auswirkungen für Minijobber befürchtet

Auch auf Minijobber könne sich der gestiegene Mindestlohn negativ auswirken, sagt Schröder. Zumindest gab es im Jahr 2015 Hinweise, dass mit der Einführung des Mindestlohns viele Minijobs verloren gingen. "Minijobs sind für die Arbeitgeber auch relativ teuer. Das heißt, man wird eventuell versuchen, sie in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umzuwandeln, was einerseits gut ist, aber auch die Lage für Studenten und Rentner, die das als Zubrot brauchen, etwas schwieriger machen kann."

Bei dem Thema gehen die Meinungen allerdings auseinander: Studierende und Senioren mit schlecht bezahlten Nebenjobs könnten vom steigenden Mindestlohn genauso gut profitieren, heißt es. Vor allem wegen der hohen Inflation.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Juni 2022 | 06:00 Uhr

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